Wie alt ist Schwerin? : Geschichtsstunde am CT

Fachsimpeln  am  CT: Landesarchäologe   Detlef  Jantzen,  Bauforscher   Dr. Tilo  Schöfbeck, Radiologie-Chefarzt  Dr. Karsten Alfke  und Radiologe  Dr. Rico  Badenschier  (v.l.n.r.)  mit  einem der  ungewöhnlichen „Patienten“
Fachsimpeln am CT: Landesarchäologe Detlef Jantzen, Bauforscher Dr. Tilo Schöfbeck, Radiologie-Chefarzt Dr. Karsten Alfke und Radiologe Dr. Rico Badenschier (v.l.n.r.) mit einem der ungewöhnlichen „Patienten“

Moderne Medizintechnik hilft bei Altersbestimmung von Funden aus dem Schweriner Schlossinnenhof 

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10. Juni 2015, 21:00 Uhr

Das Ergebnis dieser Untersuchung könnte in die  Geschichtsbücher eingehen:  Sechs schwarze, verwitterte Holzbohlen, von denen am Mittwoch am späten Nachmittag in einem Computertomographen (CT) der Schweriner Helios Kliniken Schichtaufnahmen angefertigt wurden, können Aufschluss über das tatsächliche Gründungsdatum der heutigen Landeshauptstadt  geben. 

„Tilo, kannst du mal gucken, das sieht ziemlich gut aus.“ Dr.  Rico  Badenschier, Radiologe an den Helios Kliniken, und der Bauforscher   Dr. Tilo  Schöfbeck  beugen sich über den Monitor, auf dem die Querschnittsaufnahme einer der Eichenbohlen zu  sehen ist. Sie wurde bei  Ausgrabungen im Innenhof des Schweriner Schlosses geborgen und stammt von einem bis vor  Kurzem  unbekannten,  bis  heute   nur   teilweise von Archäologen freigelegten  Burgwall.

Bereits zum zweiten Mal arbeiten Badenschier und  Schöfbeck bei der Altersbestimmung von Hölzern zusammen:  Vor knapp zwei Jahren untersuchten die  Spezialisten, die sich zufällig über ihre Kinder kennengelernt hatten, Teile eines bei Pasewalk gefundenen Einbaums im CT. Statt  wie erwartetet 3000 war der „nur“ 1182  Jahre alt, ergab damals die Untersuchung.

„Vorteil dieser Methode  ist, dass  wir zerstörungsfrei  arbeiten können“, erläutert  Schöfbeck. Normalerweise trenne man  eine  dünne Scheibe  von dem zu untersuchenden Holz oder entnehme eine Probe mit einem Kernbohrer. Doch  bei   archäologisch  wertvollen Funden sollte das möglichst  vermieden  werden. Da ihm bekannt  war, dass auch bei historischen Kunstwerken eine Altersbestimmung  im CT  vorgenommen werden  kann,  versuchte Schöfbeck  dies   kurzerhand  auch mit Hölzern – mit Erfolg. Wichtig sei, die  Jahresringe und die  Abstände  dazwischen abzubilden, erklärt  er.  Mindestens   50  sind  nötig, um das Alter eines Baumes bestimmen  zu  können. „Dünne Jahresringe stehen  für  schlechte Jahre,   dicke  für  gute“, erläutert der Schweriner, zu dessen Spezialgebieten  die  Dendrochronologie, die Lehre vom Baumalter,  gehört. Im Laufe  der Jahre   ergibt  sich so ein unverwechselbarer Code. „Haben wir die Rinde, kennen wir  sogar das Todesjahr des Baumes“, erklärt Schöfbeck.

Allerdings  nimmt  er die Altersbestimmung  nicht  selbst vor, sondern  sendet die aufbereiteten CT-Aufnahmen an das Deutsche Archäologische Institut in Berlin. Dort stehen Vergleichsreihen von Jahrringen  aus  den  verschiedensten Regionen zur  Verfügung, die zum  Beispiel  für Eichen  bis zur Eiszeit zurückreichen,  erklärt  der Bauforscher.

Landesarchäologe Detlef Jantzen  hält es für möglich, dass die  Bäume  für die gestern untersuchten Bohlen im  Winter der Jahre   941/42  geschlagen wurden. Denn andere, zerstörte Holzteile, von  denen bereits Schnitte nach Berlin  geschickt worden  waren, stammen aus dieser Zeit.  Weil  Eiche frisch  am besten zu verarbeiten ist, sei  davon auszugehen,  dass die  Fassade  des Walls aus den jetzt  gefundenen Bohlen 942 errichtet  wurde, so Jantzen. Da allerdings überwiegend  Weichholz  und Torf für  die  Befestigungsanlage verarbeitet worden waren, stürzte   sie schon wenige Jahre  später  ein. Die Harthölzer  der Fassade, so vermuten die  Archäologen, zerbrachen  dabei. 965 wurde auf ihren Trümmern ein weiterer Wall errichtet – bei Erdarbeiten im Innenhof des Schweriner  Schlosses wurden seine  Überreste  erst im vergangenen Jahr  zufällig metertief unter dem bisher bekannten Burgwall entdeckt. 

Bis dahin waren Historiker  davon ausgegangen, dass  Schwerin  und sein Schloss  auf  das  Jahr 1018  zurückgehen.  Die Ergebnisse der heutigen Untersuchung werden helfen, das zu korrigieren.

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