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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 00:44 Uhr

Goldene Bücher : Geschichte in der Toilette

vom
Aus der Onlineredaktion

Goldene Bücher mit Promi-Einträgen sind wichtige Zeitdokumente. Zuweilen verschwinden sie auch

svz.de von
erstellt am 14.Nov.2017 | 12:00 Uhr

Sie sind das komprimierte „Who is Who“ ihrer Zeit. Zwischen zwei Buchdeckentativ in Leder gebunden und mit Stadtwappen verziert, stehen in den Goldenen Büchern der Kommunen von Mecklenburg-Vorpommern die Autografen bekannter Zeitgenossen. Oftmals trennen nur wenige Seiten DDR-Staatschef Erich Honecker von Kosmonaut Sigmund Jähn, den Ostunterhändler des Einheitsvertrages, Günther Krause, oder einen prominenten Bundespolitiker.

Im Goldenen Buch der Hansestadt Stralsund – das sich hanseatisch vornehm zurückhaltend „Gästebuch“ nennt – versammelt sich dank seiner Lage im Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gar die jüngere Weltgeschichte: US-Präsident George W. Bush bedankt sich 2006 für die warmherzige Gastfreundschaft. Der Charmeur und EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker versieht seinen Eintrag „Stralsund ist mehr als eine Tagesreise wert“ vom 24. Februar 2012 mit einem selbstgemalten Herzchen. „Die Goldenen Bücher sind ein Dokument der Geschichte und deshalb besonders bewahrenswert“, sagt Stralsunds Stadtarchivar Dirk Schleinert. Schwerins Protokollchefin Sabine Könn sieht in den Büchern „ein wichtiges Stück unserer Zeitgeschichte mit einer persönlichen Note“.

Nach offizieller Lesart beginnt die Geschichte der Goldenen Bücher in Mecklenburg-Vorpommern allerdings erst nach 1945 – im Gegensatz zum Nachbarbundesland Schleswig-Holstein. „Wenig glaubhaft“ findet das Stralsunds Archivar Schleinert. Denn die Traditionen der Goldenen Bücher in Norddeutschland reicht bis in die NS-Zeit zurück, wie etwa in Kiel, Lübeck oder Flensburg. Dagegen finden sich den Stadtarchiven der sechs größten Städte in MV keine Exemplare aus NS-Zeiten.

Zu vermuten sind in den Städten, in denen 1945 die Sowjettruppen einzurücken drohten, nicht nur ideologisch motivierte Säuberungen, sondern gar die Vernichtung der kompletten Gästebücher durch die früheren Machthaber – zumal es in Städten wie Rostock, Greifswald und Stralsund Hinweise auf deren Existenz oder sogar Fotobeweise gibt. In Rostock ist von dem anlässlich des Hitler-Geburtstages 1939 angelegten Ehrenbuch nur noch der Buchdeckel erhalten, wie Stadtsprecher Ulrich Kunze sagte.

Alte Fotografien im Stralsunder Stadtarchiv zeigen Hitlers Marinechef Admiral Karl Dönitz und Reichsjugendführer Artur Axmann beim Eintrag in das Buch. Das Buch selbst ist weg. Aus Greifswald erstem Goldenen Buch wurden offenbar Seiten entfernt, wie eine Stadtsprecherin sagte.

Der nun erste Eintrag aus dem Februar 1949 stammt von einer griechischen Delegation, der zweite im Juli 1949 vom dänischen Autor Martin Andersen Nexö. Auch in Schwerin wird ein älteres Goldenes Buch vermutet – das älteste noch vorhandene beginnt 1960.

Am Umgang mit Goldenen Büchern bewahrheitet sich der alte Archivarspruch, dass die historisch interessantesten Zeiten am schlechtesten dokumentiert sind. Die Unsicherheiten in Zeiten des Umbruchs wurden von den scheidenden Vertretern der Macht genutzt, Akten ideologisch zu bereinigen, entweder auf Anordnung – wie die Aktenvernichtung des MfS belegt – oder freiwillig zum Selbstschutz, vermutet Schleinert.

In Schwerin betraf dies wohl auch die Zeit von 1989/90. Dort ging man mit diesem „Stück Zeitgeschichte“ in den Wendewirren überhaupt nicht pfleglich um. Zusammen mit Personalakten von Tausenden von ausreisewilligen Schwerinern wurden zwei Goldene Bücher in der Toilette des Stadtbades gefunden, erinnert sich der Mitarbeiter des Stadtarchivs, Rainer Blumenthal. „Wir haben die Unterlagen gesichert und ins Stadtarchiv gebracht.“ Der Zustand sei entsetzlich gewesen.

In den Büchern fehlten Seiten – unter anderem mit Einträgen von Honecker oder auch Wilhelm Pieck. Blumenthal vermutet Autografensammler oder ehemalige Funktionäre der Bezirksstadt als Verursacher. Blumenthal erzählt: Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der sich im Dezember 1990 in ein jungfräuliches Exemplar eintrug, habe süffisant angemerkt, er hätte keine Probleme damit gehabt, im Goldenen Buch hinter Honecker zu stehen.

Auch in der Hansestadt Wismar wurde 1990 ein neues Ehrenbuch angelegt. Der schwedische König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia von Schweden finden sich darin–- auch ein kurioser Eintrag von Norbert Blüm, der seine Unterschrift künstlerisch darstellte. In Rostock ragt sicher der Eintrag des Künstlers Christo heraus, dessen Seite künstlerisch gestaltet sei, sagte Stadtsprecher Kunze. In Neubrandenburg gibt es ein Ehrenbuch seit 1987, in das sich unter anderem Michail Gorbatschow und der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, eintrugen.

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