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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 10:57 Uhr

Dömitzer Zeitung : Geschichte einer Druckerei

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Familie Mattig brachte von 1877 bis 1945 mit großem Erfolg die Dömitzer Zeitung heraus

Die Dömitzer Zeitung wurde von 1877 bis 1945 im Dömitzer Verlag Mattig herausgegeben. Leider gingen die meisten Archivexemplare während der Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren. Die erste Ausgabe der Dömitzer Zeitung erschien am Sonnabend, dem 31. März 1877. Herausgeber dieses Blattes war Franz Mattig, dessen Vater einst aus Wien in die mecklenburgische Elbestadt übergesiedelt war.

Die Dömitzer Zeitung erschien zunächst zwei Mal wöchentlich, dienstags und freitags. Der vierteljährliche Preis betrug 1,25 Mark. In seiner ersten Ausgabe wandte sich der Verleger mit folgenden Worten an „die geehrten Abonnenten“: „Nicht ohne Zagen ging ich an dieses Unternehmen, und Grund genug war dazu da, denn in allem und jedem ist heute die Konkurrenz groß, und die Zeit augenblicklich eben nicht günstig zu neuen Unternehmen ...“

Franz Mattig fügte der Wochenendausgabe der Dömitzer Zeitung später noch eine „Illustrierte Gratisbeilage“ bei. Das Unternehmen florierte. Schon ein Vierteljahr später, am 30. Juni 1877, erschien im gleichen Verlag auch die erste Nummer der Lenzener Zeitung, im Wechsel zur Dömitzer Zeitung jedoch mittwochs und sonnabends. Aus dem Jahre 1892 liegt auch ein Einzelexemplar mit dem Titel „Dömitzer und Lübtheener Zeitung“ vor. Ein einziger unvollständig gebundener Jahrgang der Dömitzer Zeitung befindet sich heute noch im Familienbesitz der Mattigs. Es ist der 1. Jahrgang aus dem Jahre 1877, in welchem verschiedene Exemplare sowohl der Dömitzer Zeitung als auch der Lenzener Zeitung zusammengebunden sind. Einzelexemplare aus den Jahren 1938 bis 1943 befinden sich heute im Bestand der Universitätsbibliothek Rostock. Wann Franz Mattig die Firmengeschäfte an seinen Sohn Edmund (I) übergab, war nicht zu ermitteln. Edmund aber war ein erfolgreicher Geschäftsmann. In kurzer Zeit gelang es ihm durch eine Niedrigpreispolitik, wichtige Dömitzer Einzelhandelsbereiche zu kontrollieren. Selbst Händler aus Wismar bestellten ihre Waren bei E. Mattig in Dömitz.
1923 gingen die Geschäftsanteile des Verlages, der Buchbinderei und der Druckerei zu 55 Prozent an Edmund Mattig (II). Dessen Sohn, ebenfalls ein Edmund Mattig (III), wusste 1996 noch zu berichten, dass man den überwiegenden Teil des in der Druckerei benötigten Papiers damals aus der Papierfabrik Schoeller & Bausch aus dem benachbarten Neu-Kaliß bezog. 1933 erschien im Verlag Mattig u. a. eine Chronik von Dömitz und wenig später ein universelles Arzneimittellexikon. In der Buchbinderei wurden während des Zweiten Weltkrieges auch Gasmaskenfilter hergestellt. 1942 fiel Edmund (II) im Krieg. Bis dahin besaß dessen Vater noch 40 Prozent der Firmenanteile. Dann ging das Erbe an die Witwe, Hedwig Mattig, und deren drei Kinder über. Als im Mai 1945 amerikanische Soldaten in Dömitz einrückten, wurden die Buchbinderei sowie der Verlags- und Druckereibetrieb eingestellt. Wie überall waren die Menschen auch hier bemüht, sich und die Familie in Sicherheit zu bringen und den täglichen Lebensunterhalt zu organisieren. An einige Details erinnerte sich noch der älteste Sohn der Familie, Edmund Mattig (III). Für den damals 16-Jährigen begann die Nachkriegszeit mit einer Anstellung als Dolmetscher bei den englischen Besatzungstruppen. Die Familie, die für einige Wochen im Nachbarort Junker-Wehningen (Niedersachsen, 7 km nordwestlich von Dömitz) unterkam, musste bei ihrer Rückkehr nach Dömitz zunächst einige „Besatzungsschäden“ beseitigen. Sowohl die englischen Besatzungstruppen als auch die acht Wochen später in Dömitz einrückenden Sowjettruppen hatten die Druckerei geplündert und viel Inventar zerstört. Erst nachdem die Funktionsfähigkeit der Druckerei wieder hergestellt war, konnte die Arbeit in beschränktem Umfang wieder aufgenommen werden. So erledigte die Druckerei mit Genehmigung der sowjetischen Kommandantur in Ludwigslust unverfängliche Kleinaufträge. Neben Notizbüchern wurden Schreibmappen und Kalender hergestellt. Von 1946 bis 1948 erhielt die Familie Mattig mehrere Bescheide, die wiederholt eine Enteignung des Familienbetriebes anordneten bzw. diese widerriefen.
Als die Enteignung 1948 doch unabwendbar schien, trat der „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ an Hedwig Mattig heran, um die Buchbinderei, Druckerei und die Linieranstalt zu erwerben. Der Versuch von Hedwig Mattig, den Verkauf durch das Angebot einer dreijährigen Verpachtung zu umgehen, wurde abgelehnt und die grundbuchliche Umschreibung zum Betrieb in Landesvermögen noch im gleichen Jahr vollzogen.

Edmund Mattig (III) wurde 1947, gerade 18 Jahre alt, Mitglied der LDPD. In einem Redebeitrag, den er 1948 auf einem Kongress seiner Partei in Rostock hielt, hatte er sich kritisch zum weiteren Verbleib der sowjetischen Truppen in Ostdeutschland geäußert. Dieser Beitrag wurde damals als „Aufforderung zum Klassenkampf“ gedeutet und brachte Edmund Mattig im September 1948 eine vierwöchige Haft bei der GPU/NKWD (sowjetischer Sicherheitsdienst) in Ludwigslust ein. Am 10. März 1949 vermeldet die Landeszeitung aus Dömitz: „Wieder ein Schiebernest ausgehoben. Bei der ehemaligen Firma Mattig wurde eine Unmenge Mangelware von der Volkspolizei und der Volkskontrolle sichergestellt. Die Sachen waren teils in der eigenen Wohnung, teils bei der Mutter versteckt. Es handelt sich um Dinge, die in der Schule sowie in der Wirtschaft dringend benötigt werden, mit einem Wert von etlichen 1000 DM. Sie werden im Schaufenster der Firma Erhard ausgestellt.“ Die Gefahr einer nochmaligen Verhaftung, vor der er gewarnt worden war, veranlasste Edmund Mattig, im April 1949 nach Westberlin überzusiedeln. Seine Mutter und Geschwister folgten ihm. Als sich die Familie Mattig nach der Wende um die Rückübertragung ihres ehemaligen Druckereibetriebes bemühte, war nicht mehr feststellbar, wann und wohin die Maschinen und andere Drucktechnik verschwunden waren.

 

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