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Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 10:09 Uhr

Geschacher um Früchte der Theaterdebatte

vom

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erstellt am 19.Okt.2012 | 09:58 Uhr

Schwerin | Jetzt geht das Geschacher los. Intendanten, Theaterträger und das Land müssen und werden feilschen, um ihre Theater, um Sparten, Standorte, Orchester, um die Arbeitsplätze der Musiker, der Schauspieler, der Mitarbeiter hinter der Bühne - um Hochkultur und die Menschen, die sie machen.

Denn keiner der neun Vorschläge (siehe Hintergrund) für eine künftige Theaterstruktur in MV, die seit einem Monat auf dem Tisch liegen, lässt alle Bühnen ungeschoren. "Es wird einen Rückbau geben", sagte Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) am Mittwochabend bei der Diskussionsrunde "Talk im Funkhaus" des NDR, bevor am Tag danach die "Workshops" begannen. Aber: "Er wird beherrschbar sein."

Allerdings nur, wenn sich die Kommunen als Theaterträger und die Bühnen selbst auf eines der Modelle verständigen. Auf den "Workshops" sollen sich Vertreter der Kommunen, Theater, Fördervereine, Gewerkschaften, Orchestervereinigung und Bühnenverein mit Kultus-Staatssekretär Sebastian Schröder (SPD) und den Beratern der Beratungsfirma Metrum treffen - und einigen. "Ich hoffe, dass wir in den nächsten zwei Tagen konkreter werden", so Brodkorb. Nach der Einigung auf eine Vorzugsvariante müsse man "diese bis in feinste Verästelungen ausdiskutieren". Es bleibe das Ziel des Landes, bis Ende des Jahres eine Entscheidung treffen zu können.

Das Problem der unterfinanzierten Theaterlandschaft schieben Bühnen und Politik seit anderthalb Jahrzehnten vor sich her: Seit 1994 gibt das Land 35,8 Millionen Euro pro Jahr für die Theater und Orchester, die Kommunen als Träger der Bühnen geben noch einmal rund 28,5 Millionen. Das Problem: Steigende Kosten vor allem für das Personal reißen immer tiefere Löcher in die Finanzpläne der Bühnen, das Land musste das Staatstheater Schwerin mit Extra-Zuschüssen vor der Pleite retten. Passiert nichts, summiert sich das Defizit an allen Theatern im Jahr 2020 auf 12 Millionen Euro. Mit 35,8 Millionen Euro pro Jahr bis 2020 weiterhin auskommen - das war deshalb die einzige Vorgabe, die das Kultusministerium Metrum gemacht hatte.

Rainer Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler, forderte das Land angesichts der Tatsache, dass MV pro Einwohner und Jahr weit mehr Geld ausgibt als vergleichbare Flächenländer, zum Maßhalten auf: "Kultur ist wichtig, aber die große Masse ist nicht Nutznießer der Förderung."

Die Metrum-Vorschläge enthalten allerdings zwei Neuerungen: Erstens sehen mehreren Varianten einen Eintritt des Landes in die Trägerschaft der neuen Theater-Verbünde vor. Und zweitens soll ab dem Jahr 2020 die Förderung zum Ausgleich von Kostensteigerungen tatsächlich "dynamisiert" werden, also stetig steigen. Beides sei für ihn denkbar, betonte Minister Brodkorb: "Ich finde es richtig, dass das Land einsteigen muss."

Was sagen die Theatermacher? "Ich bin dem Land ja dankbar, dass es nach 20 Jahren Meckerei von mir erkannt hat, dass es sich engagieren muss", sagte Joachim Kümmritz, Generalintendant des Staatstheaters Schwerin. Modell 9 wäre gar nicht schlecht, so Kümmritz, "weil Schwerin eben ein Leuchtturm ist". Intendant Peter Leonard, dessen Rostocker Volkstheater zu aller Finanznot auch noch ohne zukunftsfähige Spielstätte dasteht, betonte, er sei für eine Einigung optimistisch, allerdings: "Ein Theater-Neubau in Rostock ist notwendig."

Mecklenburglastigen Varianten wie Modell 3 erteilte der Intendant des Theaters Vorpommern, Dirk Löschner, eine Absage: "Das wäre nur eine Lösung für Schwerin und Rostock." Wilhelm Denné, Intendant der Theater- und Orchestergesellschaft Neubrandenburg/Neustrelitz merkte an: "Durch Zusammenlegungen wird das Angebot eingeschränkt." Außerdem falle sein Haus "in jedem Modell hinten runter". Die Theater hätten bereits enorme Einsparungen durchgemacht, so Denné.

Kultusminister Brodkorb ließ sich nicht auf ein Modell festnageln: "Ich könnte mich positionieren, aber es wäre bedeutungslos." Theaterträger seien die Kommunen und die müssten sich einigen. Die Modelle 1 und 2 seien geradezu Schreckensszenarien, "aber wenn nichts passiert, wird die Geschichte ihren Lauf nehmen". Die Modelle 8 und 9 würde er ausklammern, so der Minister, weil sie außerhalb der "Leuchttürme" zum Niedergang führen würden und "ich mir nicht vorstellen kann, dass die Träger und das Parlament das akzeptieren". Aber selbst Modell 5 mit einer Staatsoper für das ganze Land wolle er nicht ausschließen. "Es ist mit Abstand das komplizierteste Modell, klar", so Brodkorb. Aber es spare eben mehr als nötig - dieses Geld könnte anderen Theaterbereichen zugute kommen.

Denn auch wenn die Theateretats zu 80 Prozent aus Personalkosten bestehen: Gerade junge Schauspieler und Tänzer sind nicht auf Rosen gebettet. Darauf wies Peter Meißner hin, der technische Direktor des Staatstheaters: "Ein Tänzer hat wenig mehr als Hartz IV zum Leben." Er wehrte sich auch dagegen, die Theater nur als Steuergeld-Gräber zu betrachten. Meißner: "Wir, die Theaterangestellten, wir sind auch Steuerzahler."

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