Hagenow : Gericht: Erste Betreuer schmeißen hin

Christine Lübbe Geschäftsführerin, Betreuungsverein Hagenow: „Wenn die
Christine Lübbe Geschäftsführerin, Betreuungsverein Hagenow: „Wenn die

Die geplante Gerichtsreform fordert ihre ersten Opfer. Weil der Standort in Hagenow wegfallen soll, kündigen ehrenamtliche Betreuer ihren Rückzug an. Weitere Wege nach Ludwigslust könnten sie nicht mehr stemmen.

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05. Juni 2012, 05:47 Uhr

Hagenow | Die geplante Gerichtsreform fordert ihre ersten Opfer. Weil der Standort in Hagenow wegfallen soll, kündigen ehrenamtliche Betreuer wie Susann Kröhnert aus Moraas ihren Rückzug an. Weitere Wege nach Ludwigslust könnten sie mit ihrer Pauschale von 323 Euro pro Fall im Jahr nicht mehr stemmen. Für Christine Lübbe, Geschäftsführerin des Betreuungsvereins in Hagenow, eine Katastrophe. Sie befürchtet, dass viele hinschmeißen. Und das, obwohl immer mehr Menschen in der Region Hilfe bei den alltäglichen Dingen brauchen.

Dabei sei es ohnehin schon schwer, Ehrenamtler für diesen Job zu finden, so Christine Lübbe. 35 sind derzeit im Altkreis Ludwigslust unterwegs. Wenn die wegbrechen, sei die Arbeit nicht mehr zu schaffen. Schon jetzt könne sie keine neuen Fälle mehr annehmen. Der Verein kümmert sich um Menschen aus Boizenburg, Zarrentin, Hagenow bis Neustadt-Glewe. Betreuer helfen bei Bankgeschäften, Arztbesuchen oder Behördengängen, wenn das Amtsgericht niemanden aus der Familie dafür gewinnen kann.

Hätte Susann Kröhnert vorher gewusst, dass es künftig nur noch einen Gerichtsstandort im Großkreis Ludwigslust-Parchim geben soll, hätte sie ihre letzten beiden Fälle nicht mehr angenommen. Da gehe dann einfach zu viel Zeit drauf. Zumal am Hagenower Gericht alles so unbürokratisch und schnell funktioniere. Und erst die Kosten, begründet die Moraaserin. Vier Menschen aus der Region betreut sie derzeit. Eine Dame aus Kirch-Jesar zum Beispiel. "Die müsste ich erst abholen, dann mit ihr nach Ludwigslust zum Gericht fahren und von dort wieder nach Kirch-Jesar", erklärt Susann Kröhnert. Da kämen etliche Kilometer zusammen. Und gerade zu Beginn einer Betreuung falle vieles an - bei den Spritpreisen sei das mit 323 Euro Aufwandspauschale im Jahr kaum zu machen. Und draufzahlen wolle und könne niemand.

Gerade für ehrenamtliche Betreuer die Vollzeit arbeiten, sei das Zeitproblem gravierend, sagt Ursula Hase, selbst Betreuerin zum Nulltarif. "Die müssten bald einen Tag Urlaub nehmen, wenn sie einen Betreuten abholen und zum Amtsgericht begleiten." Sie hat nun schon von vielen Kollegen gehört, dass sie aufhören wollen, wenn die Gerichtsreform von Ministerin Uta-Maria Kuder so greift, wie angekündigt. "Dann brauchen wir wohl bald mehr hauptberufliche Betreuer", so Ursula Hase. Und das wäre kaum zu finanzieren. Doch selbst die würden mit ihren 3,5 Stunden pro Fall im Monat kaum mehr hinkommen, schätzt Christine Lübbe vom Verein.

Richterrat Thomas Rehbein stützt die Befürchtungen aus der Branche. Er akzeptiere zwar den Grundgedanken der Reform, weil die Fälle aufgrund der demographischen Entwicklung langfristig weniger werden. Zumindest "die Jugendstraftaten könnten zurückgehen", vermutet der Richter. "Dafür steigen aber die Betreuungsfälle."

Christine Lübbe vom Betreuungsverein hofft nun auf die Landtagsabgeordneten. Margret Seemann war schon bei ihr, um Argumente zu sammeln. "Die bringe ich in die Fraktion ein", verspricht die Politikerin. Denn vieles spreche dafür, den Standort in Hagenow zu erhalten. Zumindest ein Fünkchen Hoffnung hat sie noch. Denn schon bei der Reform in den 1990er Jahren sollte das hiesige Gericht geschlossen werden. "Man wollte den Standort schon damals nicht, hat deshalb über Jahre nicht investiert", so Seemann. Ihre Forderung: Hagenow soll mindestens eine Außenstelle bleiben. Zusätzlich müsse im Gesetz festgelegt werden, dass das Ministerium diesen im Nachgang nicht auflösen kann.

Susann Kröhnert aus Moraas schaut sich jetzt erstmal an, wie es weitergeht. Abrupt könne sie sowieso nicht aufhören. "Schließlich stehen Schicksale dahinter, die Hilfe brauchen." Aber es sei unmöglich, dass man ihr und den anderen Ehrenamtlichen für ihre Hilfsbereitschaft nun auch noch mehr Kosten aufbürden will.

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