Gutshaus Ludorf : Gerettete Bibliothek erzählt Geschichte

<p>Manfred Achtenhagen, Betreiber von Gutshaus Ludorf, steht in der Bibliothek vor einem Teil der alten Gutsbibliothek, die nach mehr als 70 Jahren ins Gutshaus zurückgekehrt ist.</p>
Foto:
1 von 6

Manfred Achtenhagen, Betreiber von Gutshaus Ludorf, steht in der Bibliothek vor einem Teil der alten Gutsbibliothek, die nach mehr als 70 Jahren ins Gutshaus zurückgekehrt ist.

Kriegs- und DDR-bedingt gibt es in kaum einem Gutshaus in Mecklenburg-Vorpommern noch die originale Bibliothek. Umso wertvoller sind die rund 400 Bücher der Ludorfer Gutsbibliothek.

svz.de von
11. Mai 2018, 12:55 Uhr

Das Gutshaus Ludorf an der Mecklenburgischen Seenplatte ist um eine Rarität reicher. Vor wenigen Monaten sprach ein älterer Herr den Betreiber des Landhotels im Gutshaus, Manfred Achtenhagen, an. «Der Vater dieses Herrn hatte im Mai 1945 miterlebt, wie die Russen das Gutshaus besetzten und die Bibliothek auf dem Misthaufen warfen», erzählt Achtenhagen. Als Schriftsetzer habe der Mann das nicht mit ansehen können und die teilweise historisch wertvollen Bücher an sich genommen. Trotz mehrfacher Umzüge während der DDR-Zeit habe er die Bibliothek gehütet. «Er sagte sich: Die Kommunisten haben die Bücher rausgeschmissen, sie kriegen sie von mir nicht wieder.»

Seine Kinder fanden es jetzt an der Zeit, die Sammlung zurückzubringen. Unter den mehr als 400 Büchern aus den Jahren 1750 bis 1945 sind viele kostbare Urkundenbücher. Zwei handschriftlich in Sütterlin geschriebene Tagebücher von 1820 und 1840 konnte Achtenhagen nicht selbst entziffern und gab sie zur Übersetzung an Senioren mit Sütterlin-Leidenschaft. «Die Tagebücher passten gut in die Chronik des Hauses», sagt Achtenhagen, der zugleich Vorsitzender des Vereins für Schlösser, Guts- und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern ist.

«Das Tagebuch von 1820 beschreibt beispielsweise eine Episode aus einer Zeit, in der das Gut vom damaligen, geistig umnachteten Eigentümer heruntergewirtschaftet wurde. Deshalb wurde ein Kurator eingesetzt, der Bruder von Philipp Otto Runge, dem bedeutenden Maler der Frühromantik.» Das älteste Werk der Bibliothek, ein dicker Wälzer von 1750, handelt von den Folgen des Dreißigjährigen Krieges für Mecklenburg. Da der Adel französisch sprach, gab es eine ganze Kiste voll mit französischer Literatur. Während die jüngeren Werke der geretteten Sammlung bereits die Regale der Bibliothek im Gutshaus Ludorf füllen, sucht Achtenhagen noch nach einer geeigneten Präsentationsform für die älteren, wertvollen Exemplare.

«Es gibt kaum noch eine Original-Gutsbibliothek in Mecklenburg oder Vorpommern», sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Erhaltung und Nutzung der Gutsanlagen im Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern, Rolf-Peter Bartz. «Was nicht schon in den Kriegswirren verschwand, wurde oftmals von den russischen Besatzern auf den Müll geworfen. Falls doch noch etwas da war, tauschten die Kriegsflüchtlinge, die später auch in den Gutshäusern wohnten, alles gegen Lebensmittel ein.» Daher seien auch kaum noch Gutsarchive erhalten, über die jeder Wirtschaftsbetrieb einst verfügte.

«Plünderungen und Vandalismus in mecklenburgischen und (vor)pommerschen Gutshäusern waren nach Kriegsende leider ein verbreitetes Phänomen», bestätigt Andreas Roloff, stellvertretender Leiter der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin. Wohl auch deshalb sah sich 1950 der damalige Landeskonservator der Bau- und Kunstdenkmale in Mecklenburg veranlasst, im Zuge der Registrierung des Kunst- und Kulturguts eine Auflistung herrenloser Büchereien vorzunehmen. Diese Liste erfasste 30 Bibliotheken, unter anderem aus Gutshäusern. Eine Übersicht noch bestehender Gutsbibliotheken existiert nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen