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Geräusche und Gerüche, die keiner vergisst

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erstellt am 06.Apr.2012 | 07:51 Uhr

Güstrow | Erst als das Radio von Toten spricht, denkt Frank Bauriedl nicht mehr an eine Übung. "Zu makaber." Als der Einsatzbefehl alle verfügbaren Kräfte zur Autobahn beordert, glaubt er noch, die Großschadenslage könne nur Training sein. Eigentlich hat er an diesem Tag frei, dann steht er plötzlich an der Autobahn. An die Unfallstelle auf der A 19, wo es am 8. April nach einem Sandsturm zu einem Massenkarambolage gekommen ist, muss er nicht mehr. Genügend Helfer sind schon vor Ort. Darüber ist der 36-Jährige heute froh.

Viel Arbeit gibt es für den ehrenamtlichen Kriseninterventionshelfer und vier seiner Kollegen des DRK in der Sammelstelle in Güstrow. Dort, wo sich die Leicht- und Unverletzten aufhalten, die der Katastrophe entkommen sind. Dort, wo Kollegen, die gerade von der Unfallstelle kommen, Gerüche und Geräusche, die sie wahrgenommen haben, in Worte fassen. Wo sie rauslassen müssen, wie ein Mensch im brennenden Auto noch geschrien hat. Ein kurzes Gespräch, während sich einer kurz ausruht, etwas trinkt, sich die sandver schmierte Jacke auszieht. "Wir haben mit den Leuten geredet und geguckt, wer Hilfe braucht", erinnert sich Frank Bauriedl an den 8. April 2011, "da haben Kollegen geredet, von denen man das nie geahnt hätte".

Mit seiner Team-Kollegin Sabine Wittke stimmt er sich ab: Wer sollte besser nicht wieder an die Unfallstelle, wer braucht mehr Unterstützung. Per Telefon halten sie auch Kontakt zu Kollegen draußen, so wie Sabine Wittke mit einem der Hubschrauberpiloten vor Ort, den sie auch privat kennt. "Der hat sicherlich mit die schlimmsten Bilder gesehen", sagt die Rettungsassistentin.

Für sie sind Frank Bauriedl und seine zwölf Kollegen vom Kriseninterventionsteam des DRK Güstrow ständig verfügbar. Dass einem die tägliche Konfrontation mit dem Tod an die Nieren geht, weiß Bauriedl seit 18 Jahren aus eigener Erfahrung. Er arbeitet als Rettungsassistent.

Dass es seine Hilfe zum Glück nicht immer braucht, hat der Güstrower bei der Feuerwehr Kritzkow gesehen. Einige Tage nach der Tragödie rief der dortige Wehrführer seine Männer zusammen - sie gehörten zu den ersten Helfern an der Unfallstelle. Er wollte wissen, wie sie das Erlebte verkraftet haben. Frank Bauriedl bat er dazu, doch undercover. Bei den Gesprächen der Kameraden stellte der Krisenexperte bald fest, dass die Helfer ihre eigene professionelle Supervision "ganz aus dem Gefühl heraus" selbst gemacht hatten. "Wenn das soziale Umfeld stimmt, ist auch der Nachbar oder Freund der beste Helfer", sagt Bauriedl. Doch es gebe auch Gegenbeispiele, wie die Frau, die eine tolle Familie habe und sich nach einem schweren Schicksalsschlag doch nur Fremden gegenüber öffnen könne. Für sie sind er und seine Kollegen vom "Kit", wie er das Kriseninterventionsteam nennt, da. Und auf sie ist er stolz.

Am meisten beeindruckt hat ihn, wie stark der Zusammenhalt und das Füreinander-Dasein der Menschen in diesen schlimmen Stunden funktionierte. Wie selbstlos alle ehrenamtlichen Einsatzkräfte und auch Unbeteiligte, die zufällig an dem Unfall vorbeifuhren, halfen. So wie die Männer, die ein Mädchen aus einem brennenden Auto befreiten. Bei allen will er sich bedanken.

Vergessen wird Frank Bauriedl die Katastrophe, die vor der Haustür passierte, wohl nie. So wie alle Menschen der Region, die Angehörige verloren oder im Einsatz waren. Doch es müsse jetzt auch Ruhe einkehren.

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