Premiere „Familie Braun“ : Gelungene Gratwanderung

1 von 8
Foto: Michael-Günther Bölsche

Das Junge Staatstheater Parchim bringt erstmals „Familie Braun“ auf eine Bühne – und wird begeistert aufgenommen

svz.de von
18. September 2017, 12:00 Uhr

Lara muss weg - so schnell wie möglich. „Schwarzes Kind, wie neu, komplett mit Kuscheltier, 88 Euro“, inserieren Kai (Julian Dietz) und Thomas (Nils Höddinghaus) auf ebay. Denn Lara (Betül Okur), das dunkelhäutige Kind mit der wilden Lockenmähne und dem Plüsch-Marienkäfer unter dem Arm, passt so gar nicht in die Welt der beiden Neonazis. Sie trinken in ihrer mit NS-Devotionalien und Hitler-Bildern dekorierten Wohnung Bier, drehen Youtube-Videos, in denen sie zum Beispiel erklären, wie man aus Essstäbchen SS-Stäbchen macht, und basteln Transparente mit Losungen wie „Ausländer raus“ und „Ist der Ali kriminell, in die Heimat aber schnell“.

Dass Thomas vor sieben Jahren einen One-Night-Stand mit einer Frau aus Eritrea hatte, die nun in die Heimat abgeschoben werden soll, passt nicht so recht in das gefestigte rechte Weltbild der beiden jungen Männer. Und dass aus dem einmaligen Akt im Keller eines Flüchtlingsheims ein Kind – Lara – hervorgegangen ist, das nach dem Willen der Mutter künftig beim Vater leben soll, erst recht nicht. Deshalb muss die Kleine wieder weg – so schnell wie möglich. Dumm bloß, dass der Zusatz „Nur Selbstabholer, kein Versand“ und die vollständige Adressangabe im Inserat bereits nach kürzester Zeit die Polizei auf den Plan rufen…

Mit „Familie Braun“ von Manuel Meimberg eröffnete das Junge Staatstheater Parchim am Sonnabend im Schweriner E-Werk die neue Spielzeit des Mecklenburgischen Staatstheaters – und sollte sich damit auch überregionale Aufmerksamkeit gesichert haben. Denn schon die Kurzserie, in der Thomas sich in gleichem Maße vom rechten Gedankengut abwendet, in dem er sich nach und nach zu seiner Tochter hingezogen fühlt, polarisierte. Während das Feuilleton sie weitgehend verriss, gewann sie 2016 den Deutschen Comedypreis in der Kategorie Innovation. Auch international räumte die – ebenfalls aus der Feder von Manuel Meimberg stammende – Serie Preise ab.

Die 2016 erschienene Bühnenfassung, die sofort das Interesse der Parchimer Regisseurin Katja Mickan weckte, ist in Schwerin zum ersten Mal überhaupt aufgeführt worden. Ein Pfund, mit dem am Staatstheater leider bislang überhaupt nicht gewuchert wurde. Statt von einer Uraufführung war lediglich von einem „Try out“ – zu deutsch: Ausprobieren – die Rede. War man sich unsicher, ob das Publikum den Mut zur Grenzüberschreitung goutiert, ob es die gnadenlose Überzeichnung der Charaktere und das Fehlen von politischer Korrektheit honoriert? Oder war man selbst nicht davon überzeugt, dass, wie Manuel Meimberg es einmal formulierte, über Nazis nicht nur gelacht werden darf, sondern sogar gelacht werden muss?

Tatsächlich glich der Premierenabend einem Wechselbad der Gefühle. „Was sagt der arabische Bäcker zu seinem Lehrling? Bagdad“, kalauerte Kai zum Beispiel – und man wusste nicht so recht, ob man darüber auch nur schmunzeln sollte. Wenig später lachte dann doch alles – als Kai den Witz wiederholen will, aber die Pointe versemmelt: „Was sagt der arabische Bäcker zu seinem Lehrling? Abu Dhabi.“

Regisseurin Katja Mickan ließ ihre Darsteller auf einem sehr schmalen Grat wandeln. Doch die Persiflage gelang. Dass ihr Kalkül letztlich aufging, war vor allem auch der hervorragenden Leistung von Julian Dietz und Nils Höddinghaus geschuldet – und noch mehr dem beeindruckenden Spiel von Betül Okur. Die 29-Jährige, die erst im Sommer ihr Schauspielstudium abgeschlossen hat, imitierte vor allem die Körpersprache einer Sechsjährigen so perfekt, dass nicht wenige im Publikum sich fragten, ob dort tatsächlich ein Kind auf der Bühne steht.

Mit deren Ausstattung gelang Birgit Voß wieder ein kleines Meisterstück. Ob die farbenfrohen Seidentücher, mit denen Lara und Thomas die Wohnung umdekorieren, als sich der Klassenlehrer des Mädchens zum Besuch ankündigt, oder das Marienkäferkostüm, das beide in Windeseile aus einer Hakenkreuzfahne basteln – Hingucker gab es viele.

Autor Manuel Meimberg, der die Premiere am Sonnabend miterlebte, genoss den für Schweriner Verhältnisse geradezu euphorischen Schlussapplaus und sparte anschließend nicht an Lob für das kleine Parchimer Ensemble: "Die Darsteller waren phantastisch. Und können es locker aufnehmen mit denen aus der Verfilmung. Und da spielte den Thomas immerhin Edin Hasanovic."

Am kommenden Sonnabend erlebt „Familie Braun“ noch eine weitere Premiere – im Parchimer Theater wird damit nach dreieinhalb Jahren der Malsaal wiedereröffnet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen