Schutz für Ruinen : Geliebt, verflucht: Ost-Architektur

Der „Teepott“ in Warnemünde ist eines von 50 Werken des Architekten Ulrich Müther. Fotos: Wüstneck
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Der „Teepott“ in Warnemünde ist eines von 50 Werken des Architekten Ulrich Müther. Fotos: Wüstneck

Schulen, Kranken- und Kulturhäuser stehen im Osten auf den alten DDR-Denkmallisten: Der Schutz gilt bis heute, teils sogar für Ruinen

svz.de von
28. Juli 2014, 12:00 Uhr

Ostdeutsche Architektur wird oft nur mit der Monotonie von Serien-Bauten der 1960/70er-Jahre gleichgesetzt. Doch auf den DDR-Denkmallisten, die in Mecklenburg-Vorpommern die Landkreise weiterführen, finden sich auch mehr oder weniger gut erhaltene Gebäude von ungewöhnlichem Äußeren. Darunter sind Schulen, Krankenhäuser, Jugendklubs, Kinos, Restaurants oder Rettungstürme an der Ostsee, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab.

Als prägend gelten die futuristischen Bauwerke des Rügener Ingenieurs Ulrich Müther. Ein im Wortsinn „überragendes“ Gebäude in Neubrandenburg, das turmartige „Haus der Kultur und Bildung“ von 1965, wird seit 2012 im Auftrag der städtischen Wohnungsgesellschaft saniert und umgebaut. Kosten: rund 20 Millionen Euro. In dem denkmalgeschützten Hochhaus sollen künftig wieder kulturelle Veranstaltungen stattfinden sowie Büros, eine Bibliothek, Geschäfte und Arztpraxen eingerichtet werden. Eine Aussichtsplattform mit Sicht über die Vier-Tore-Stadt wurde gerade eingeweiht.

Auch im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gibt es Beispiele für gepflegte wie auch verfallene DDR-Denkmale. Erhalten und genutzt etwa werden Krankenhäuser in Malchin und Demmin, wie eine Sprecherin mitteilte. Eine kleine Plattenbauschule in Seewalde ist seit drei Jahren Waldorfschule. Die alte Dorfschule Dolgen wurde zum Feriendomizil umgerüstet. Das Geothermische Heizwerk in Waren an der Müritz und das Stadion der Jugend Demmin erfüllen ihren ursprünglichen Zweck.

Hingegen soll das seit einiger Zeit ungenutzte Gebäudeensemble des früheren „Jugendobjektes Friedländer Große Wiese“ (1958-62) in Schwichtenberg jetzt verkauft werden. Nicht mehr als Kinos werden die historischen Lichtspielhäuser in Malchin und Malchow genutzt, Letzteres beherbergt inzwischen ein DDR-Museum. In der Landwirtschaftsschule Klein Nemerow, gebaut 1956, werde wohl nur noch bis Jahresende unterrichtet, hieß es.

In der Denkmalliste des Landkreises Rostock sind nach Angaben eines Sprechers derzeit 23 Gebäude oder Anlagen aus DDR-Zeiten verzeichnet. Dies seien weniger als ein Prozent der rund 3000 Objekte. „Damit sind Bauten aus der Zeit von 1949 bis 1990 nur in geringem Maße als denkmalwürdig anerkannt worden“, erklärte Kay-Uwe Neumann.

Denkmalgeschützt seien fast ausschließlich DDR-Bauten, die vor 1960, also vor dem Übergang zur industriellen Bauweise, entstanden, betonte Neumann. „Deren öffentliche Akzeptanz ist in der Regel sehr groß, sofern eine sinnvolle Nutzung gegeben ist.“ So entstand in einem Gebäude des ehemaligen Instituts für Tierzuchtforschung Dummerstorf das Rathaus der Gemeinde.

Beispiele für denkmalgerecht sanierte Objekte aus den 1950-er Jahren sind die weiterhin als solche genutzte Gehörlosenschule und die ehemalige Pädagogische Hochschule Güstrow, jetzt Fachschule für öffentliche Verwaltung. Zu den Denkmalen gehören auch drei Neubauten von katholischen Kirchen, so die Kirche von Raden bei Güstrow (1952), zwei Grenzwachtürme aus den 1960-er Jahren an der Ostsee sowie der Stahlbeton-Fernsehturm Schlemmin (1965-67).

Der Konzertgarten Kühlungsborn-Ost ist ein 1954 bis 1960 gestaltetes Gesamtkunstwerk der Schweriner Architekten Hans Stoffers und Emil Dominka, wie es hieß. Wandelhallen und Konzertmuschel mussten nach einem Brand 1995 zwar aus der Denkmalliste gestrichen werden, doch wurden sie originalgetreu wiederaufgebaut. Garten und Lesehalle stehen weiterhin unter Denkmalschutz. Ein ehemaliges Kaufhaus in Bad Doberan (1956/57) beherbergt heute ein Café und Büros. Das Filmtheater „Schauburg“ Güstrow (1959/60) ist immer noch Kino.

Einige der historischen Bauwerke standen allerdings nach 1990 leer, sie verfielen zusehends. Insgesamt wurden im Landkreis Rostock acht solcher Ruinen inzwischen aus der Denkmalliste gestrichen, darunter mehrere landwirtschaftliche Berufsschulen, ehemalige Lager- und Technikhallen, Institutsgebäude sowie ein alter Rinderoffenstall.

Der Rügener Bauingenieur Müther war mit futuristischen Gebäuden aus Schalenbeton weit über die Grenzen der DDR hinaus bekannt geworden. Rund 50 seiner Werke stehen heute noch, die meisten davon im Nordosten. Darunter sind ein Rettungsturm der Wasserwacht in Binz, der „Teepott“ Warnemünde, die Schwimmhalle des Cliff-Hotels Sellin, die neue Christus-Kirche Rostock und die Stadthalle Neubrandenburg.

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