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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 00:14 Uhr

Geldnot im Luxustempel

vom

svz.de von
erstellt am 28.Feb.2012 | 09:21 Uhr

Bad Doberan | Er ist selbst in der tiefsten Krise noch von sich überzeugt: Minutenlang genießt Anno August Jagdfeld gestern das Blitzlichtgewitter und die Kameras da am historischen Platz im alten Musikzimmer des Großherzogs im Kurhaus Heiligendamm. Nein, niemand habe mehr Engagement für Heiligendamm gezeigt als er, versucht der Chef des Grand Hotels Heiligendamm noch immer Zuversicht zu verbreiten. Seit 16 Jahren sei er die "einzige Konstante in Heiligendamm", die dafür gesorgt habe, dass die weiße Stadt am Meer wieder strahlt: "Ich bin Heiligendamm-verrückt." Millionen habe er "aus der eigenen Tasche" in das Hotel gesteckt, um es "am Leben zu erhalten", erklärte der Finanzmanager, der in der Vergangenheit nur zu gern Probleme nicht gelten ließ. Genützt hat es nichts: Nun scheint Jagdfeld an seinem eigenen Managementstil gescheitert zu sein. Das Grand Hotel Heiligendamm, das es mit dem G8-Gipfel der führenden Staats- und Regierungschefs 2007 weltweit zu Bekanntheit gebracht hatte, ist unter dem Druck von 30 Millionen Euro teuren Krediten zahlungsunfähig geworden - Finanznot im Luxustempel, Insolvenzantrag beim Amtsgericht Aachen.

Dunkle Wolken über der weißen Stadt: Nach langen Verlustjahren schreibe das Grand Hotel zwar "leicht schwarze Zahlen". Das reiche aber nicht, um die Zinsen für die Kredite zu bezahlen, sagte Jagdfeld. Die Banken hätten erklärt, die Kredite "definitiv nicht zu verlängern". Allerdings: Es könne von einer "vollständigen Befriedigung aller Gläubiger ausgegangen werden", hieß es. Der Hotelbetrieb laufe weiter, versicherte Jagdfeld. Trotz der Pleite: Er selbst bleibe "als Geschäftsführer an Bord" und wolle das Hotel "ungestört fortsetzen." Vorerst blieb dem umstrittenen Fondsmanager allerdings keine andere Wahl als den Gang zum Amtsrichter.

Das Haus solle nicht zerschlagen und der Betrieb weitergeführt werden, erklärte der vorläufige Insolvenzverwalter, der Aachener Rechtsanwalt Jörg Zumbaum. Die Löhne für die 300 Beschäftigten seien durch das Insolvenzgeld für die kommenden drei Monate gesichert. Allerdings: Der Insolvenzantrag werde nicht gerade "zum Katalysator", sondern werde vorerst die Probleme vergrößern. Zumbaum geht dennoch davon aus, "dass die Probleme zu meistern sind."

Daran haben Beschäftigte und Anleger bislang auch geglaubt - und wurden enttäuscht. Ein Tag wie der gestrige sei typisch für die Lage im Hotel. Zwölf Prozent Auslastung im Winter, 80 Prozent im Sommer, im Jahresschnitt 44 statt notwendiger 60 Prozent Auslastung- "ein strukturelles Problem", stellte Jagdfeld auf einmal fest. "Im Sommer haben wir ganz gut Geld verdient, das wir im Winter wieder verloren haben", sagte der 65-Jährige und machte für das Ausbleiben der Gäste weniger Managementfehler als das zänkische Bad Doberan verantwortlich. Die Zusammenarbeit sei von "reiner Blockade und Schikane" gekennzeichnet: "Heiligendamm hat Freunde aber auch aktive Gegner." Nach den jahrelangen Diskussionen um den freien Zugang der Hotelanlage habe der Ruf gelitten. Das Image sei "ruiniert" und bei potenziellen Gästen vom "Klassenkampf am Ostseestrand" geprägt, meinte Jagdfeld. Das Haus sei "von Beginn an ein schwer zu führendes Hotel" gewesen, "aber einzigartig", glaubt Jagdfeld. Ein "einmaliges Gesamtkunstwerk" - mit Kratzern.

Signale für die wirtschaftliche Schieflage gab es genügend: Schon 2009 konnte sich die Nobelherberge nur mit einer Landesbürgschaft über vier Millionen Euro noch retten. Und Jagdfeld? Das Haus sei strukturell gesund, mit einer soliden Eigenkapitalausstattung, machte er immer wieder deutlich. Nach außen sei immer wieder eine sichere finanzielle Position angezeigt, fühlt sich indes auch Bad Doberans Bürgermeister Hartmut Polzin (SPD) getäuscht. Alles wird gut, konnte Jagdfeld den 1900 Anleger des Heiligendamm-Fonds 2011 noch einmal vermitteln und sie zum millionenschweren Verzicht bewegen. Mit großer Mehrheit stimmten die Anleger einem Restrukturierungskonzept und einem millionenschweren Kapitalschnitt zu - 90 Prozent ihrer Einlagen schrieben sie mit der Aussicht Jagdfelds auf Besserung in den Wind - von ihrem eingezahlten Kapital blieben noch 12,7 statt bis dahin 127 Millionen Euro übrig. "Das neue Angebot an bisherige und künftige Investoren macht den Weg frei in eine dauerhaft sichere Zukunft", ließ Jagdfeld damals mitteilen. Die Zukunft dauerte knapp ein Jahr. Jetzt kommt es für die Anleger möglicherweise noch dicker: Die ersten Fondsexperten gehen davon aus, dass sie sich auf einen Totalverlust einstellen müssen.

Mit der Insolvenz des wohl bekanntesten Hotels in MV steht eine der größten touristischen Investitionen an der Ostsee auf der Kippe. 220 Millionen Euro sind in die weiße Stadt am Meer geflossen - 51 Millionen vom Steuerzahler. Mecklenburg-Vorpommerns Vorzeigehotel in der Krise: "Nur am Wetter kann es nicht liegen", meinte Insolvenzverwalter Zumbaum. Heiligendamm bleibe weiter attraktiv, meinte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) gestern. Jetzt müsse es darum gehen, den Hotelbetrieb fortzuführen und die Arbeitsplätze zu sichern. Glawe schloss finanzielle Lasten für das Land nicht aus: Ob die Bürgschaft fällig werde und in welcher Höhe, werde sich noch zeigen. Auf jeden Fall sei die Bürgschaft besichert.

Das Unternehmen brauche eine neue "darstellbare Finanzierungsstruktur" für weitere notwendige Investitionen, erklärte Zumbaum - für einen neuen größeren Spa-Bereich, neue Restaurants, einen Kinderspielplatz, ergänzte Jagdfeld. Das dürfte schwer werden: Schon vor einem Jahr gab sich Jagdfeld zuversichtlich, frische 32 Millionen Euro am Kapitalmarkt einsammeln zu können. Platziert hat er offenbar nicht einen Cent, ließ er gestern durchblicken. Für den Insolvenzverwalter gibt es keine Tabus: Neue Anleger, Einzelinvestoren oder gar Verkauf - "wir sind für alle Wege offen". Möglich sei auch ein Schuldenschnitt für die bisherigen Geldgeber.

Jagdfeld kann es indes nicht lassen: "Ich bin überzeugt, dass Heiligendamm weiter bestehen bleibt", lässt er kaum Zweifel aufkommen.

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