zur Navigation springen

„Jugend forscht“ wird 50 : Geladene Teilchen und Löwen-Ameisen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Anfang stand die Begeisterung für Raketen, heute ist Biologie die beliebteste Wissenschaft: „Jugend forscht“ wird 50 – Teilnehmer aus MV erinnern sich

von
erstellt am 20.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Schon als Kind war Christian Bahls’ Wissenshunger kaum zu stillen. Er hinterfragte die Dinge, die ihn umgaben, wollte genau wissen, wie sie funktionieren. Später wollte er sie auch mathematisch berechnen. „Das, was Realität ist, wollte ich auch theoretisch nachvollziehen“, sagt der Rostocker. Dafür las er schon in jungen Jahren Unmengen an Büchern. „Ich habe meine Kindheit in Bibliotheken verbracht“, erzählt er. Nach der Wende sei er in der Bücherei der Universität Greifswald ein- und ausgegangen, so Bahls, der damals noch in der Hansestadt wohnte. Vor allem Physik und Mathematik hatten es ihm angetan.

Nach einem Umzug nach Rostock nahm er als Abiturient am Bundeswettbewerb von „Jugend forscht“ teil. Gemeinsam mit einem Freund berechnete er die Bewegung von geladenen Teilchen in einem Magnetfeld und ahmte sie in einem Computerprogramm nach. „Wir konnten alles simulieren, sogar wie sich die Teilchen um die Erde bewegen und damit die Nordlichter erzeugen“, erinnert sich der heute 36-Jährige.

Das war 1996, als die Technik noch nicht so leistungsfähig war wie heute, spektakulär. Für den ersten Platz im Bundeswettbewerb reichte es nach dem Sieg in Mecklenburg-Vorpommern dennoch nicht. Einen Preis zu gewinnen, war Bahls aber auch nicht wichtig. Er hatte Spaß am Forschen. „Ich fand einfach das Projekt interessant“, erzählt er. In den folgenden Jahren beteiligte er sich noch zweimal am Wettbewerb für junge Forscher, gewann noch ein weiteres Mal den Landeswettbewerb in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Teilnahme an „Jugend forscht“ hat er nie bereut. „Was ich damals gelernt habe, davon zehre ich heute noch“, resümiert Bahls, der an der Rostocker Universität Mathematik und Physik studiert und auch Mathematik unterrichtet hat. In Kürze schließt er seine Promotion ab. Das Thema seiner Doktor-Arbeit: Lösungsverfahren zur Berechnung der Bewegung geladener Teilchen in einem Teilchenbeschleuniger. Derzeit ist der Diplom-Mathematiker in der Teilchenbeschleunigerforschung an der Uni der Hansestadt tätig. Künftig sieht Bahls sein Wirkungsfeld jedoch in der Industrie. „Mich interessieren Offshore-Windanlagen“, konkretisiert er seine Pläne.

Bahls gehörte zu den typischen Teilnehmern von „Jugend forscht“ – wissbegierig und mit Interesse an der Forschung. Seit der Gründung vor 50 Jahren haben sich nach Angaben der Hamburger Stiftung mehr als 230000 Kinder und Jugendliche zu den Wettbewerben angemeldet. Ins Leben gerufen wurde „Jugend forscht“ vom damaligen „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen. Im Dezember 1965 erschien das Magazin mit der Schlagzeile „Wir suchen die Forscher von morgen“.

In den Anfangsjahren standen die Technik und die Geo- und Raumwissenschaften mit der Betonung auf Raumfahrt an erster Stelle, sagt „Jugend forscht“-Vorstand Sven Baszio. Nannen sei damals sogar immer mit den Siegern nach Cap Canaveral gefahren, um die Raketenstarts der Amerikaner zu verfolgen. Heute ist Biologie die beliebteste Naturwissenschaft. Das sei vor allem mit der vermehrten Teilnahme von Mädchen zu erklären. Sie stellen fast 60 Prozent der Teilnehmer in Biologie. Mathematik und Technik sind dagegen eine Domäne der Jungen, die Mädchen machen hier nur 10 bis 15 Prozent aus.

Vor 16 Jahren gehörte auch Mandy Runge aus Elmenhorst in Schleswig-Holstein zu den Teilnehmerinnen. Ihr Thema: „Halb Ameise – halb Löwe“. Die damals 17-Jährige untersuchte die Entwicklung von Löwenameisen von den Eiern bis zum ausgewachsenen Tier. 1999 wurde sie mit einer Sonderehrung in Biologie ausgezeichnet. Ihr Preis: ein vierwöchiges Meeresbiologie-Praktikum auf Sylt. „Das war ein Traum. Wir haben Seesterne und Krebse erforscht“, erinnert sie sich.

Die Entscheidung sich an „Jugend forscht“ zu beteiligen, sei nicht ganz freiwillig gewesen, gesteht Runge. Ihre damalige Biologielehrerin am Goethe-Gymnasium in Rostock förderte sie und andere Schüler, Teilnahme war quasi Pflicht.

Für die heute 34-Jährige war der Wettbewerb nur der Anfang einer Karriere in der Forschung. Sie studierte Medizininformatik und Biomedizintechnik an der Fachhochschule Stralsund. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die elektronische Gesundheitskarte. Nebenbei arbeitete sie für die Pharmaindustrie. Heute ist Runge Mitarbeiterin der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg, prüft unter anderem die Wirtschaftlichkeit von Ärzten und Krankenhäusern. Darüber hinaus ist sie freiberuflich als Programmiererin tätig.

Allen, die mit dem Gedanken spielen, sich an „Jugend forscht“ zu beteiligen, rät sie, neue Ideen einfach auszuprobieren. „Die Jugendlichen sollten ihr Glück versuchen. Der Wettbewerb kann ein gutes Sprungbrett sein“, so ihre Einschätzung. Bahls empfiehlt den jungen Forschern zudem, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Sie sollten an sich glauben und sich Hilfe von kompetenten Personen holen“, sagt er. Genau da will auch die Hamburger Stiftung ansetzen, um den naturwissenschaftlichen Nachwuchs noch besser zu fördern. Neben den schon existierenden Schülerforschungslaboren sollen Schülerforschungszentren aufgebaut werden. Baszio bezeichnet sie als „Sportvereine für MINT-Athleten“. Wer sich für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik interessiere, müsse auch außerhalb der Schule die gleiche Förderung wie Fußballer beim DFB bekommen, „bis zur Bundesliga“.

Nicht alles in dem riesigen Netzwerk läuft spannungslos. So sieht Bahls vor allem das Sponsoring der Wirtschaft kritisch. „Inhaltlich sollten die Jugendlichen so viel Expertise erhalten wie möglich, aber nicht finanziell. Das schafft ein Ungleichgewicht. Diejenigen, die ohne Sponsor forschen, kommen ins Hintertreffen.“ Durch zu viel Einfluss drohe „Jugend forscht“ zu einem Marketing-Schaulaufen der unterstützenden Firmen zu werden, erläutert er seine Bedenken.

Die Politik sieht er in der Pflicht bessere Bedingungen zu schaffen, so dass sich qualitativ hochwertige Forschung auch in Mecklenburg-Vorpommern ansiedeln kann. Zwar wird durch „Jugend forscht“ bei Jugendlichen die Begeisterung für Wissenschaft geweckt und an den Universitäten hochwertige Ausbildungsmöglichkeiten angeboten, adäquate Jobs gibt es aber zu wenig. Bahls: „Es ist traurig zu sehen, wie viele meiner ehemaligen Studenten das Land verlassen haben, weil sie hier keine angemessene Anstellung finden. Ihr Know-how geht uns verloren.“

 

Jugend forscht in zahlen: 230 000 Anmeldungen seit 1965

„Jugend forscht“ bezeichnet sich selbst als „größte und älteste Public-private Partnership Deutschlands“. Im Jubiläumsjahr nehmen 11500 Kinder und Jugendliche bis 21 Jahren an den Wettbewerben teil. Das ist etwas weniger als im Rekordjahr 2014, als 12300 Anmeldungen gezählt wurden. Die Teilnehmer werden nach Angaben von Geschäftsführer Sven Baszio von annähernd 6000 Lehrern ehrenamtlich betreut. 3000 Juroren, meist Wissenschaftler, Unternehmer und Lehrer, sind ebenfalls unentgeltlich im Einsatz. Rund 250 Firmen und Partner aus der Wirtschaft fördern die Wettbewerbe oder stellen ihre Einrichtungen zur Verfügung. Das Bundesforschungsministerium finanziert die Hamburger Geschäftsstelle.

Seit der Gründung 1965 haben sich mehr als 230 000 junge Leute angemeldet. Die Bundesländer sind dabei unterschiedlich stark vertreten. Zu den klassischen „Jugend forscht“-Ländern zählen Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und inzwischen auch Thüringen. Der Anteil der Mädchen ist von 8,2 Prozent im Jahr 1966 auf 38,6 Prozent im Jahr 2002 gestiegen. Seitdem ist er wieder leicht gesunken.

 


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen