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EU-Projekt MobiPro geht in letzte Runde : Gekommen, um zu bleiben

vom
Aus der Onlineredaktion

130 junge Leute aus Europa beginnen nun ihre Ausbildung in Deutschland

von
erstellt am 06.Sep.2016 | 11:45 Uhr

Die Landeshauptstadt hat ab sofort viele neue Bewohner – sie kommen aus ganz Europa. Denn heutzutage muss man flexibel sein, um Arbeit zu finden. In manchen Fällen sogar so sehr, dass man dafür die eigene Heimat verlässt. 130 junge Menschen aus Spanien, Polen, Kroatien, Bulgarien und Griechenland haben sich in diesem Jahr dazu entschlossen, ihre Ausbildung in Deutschland zu absolvieren. Die Möglichkeit dazu gibt ihnen das Pilotprojekt „MobiPro EU“, das vor allem die hohe (Jugend-)Arbeitslosigkeit vieler EU-Staaten bekämpfen will. Gestern wurde der vorerst letzte Jahrgang des Projektes offiziell in den Räumlichkeiten der IHK in Schwerin willkommen geheißen.

Einer der Neuankömmlinge ist Jordi Caldentey. Der 22-Jährige stammt aus Mallorca. Doch auf der beliebten Urlaubs-Insel, die jeden Sommer von Touristen geradezu überschwemmt wird und auf die sich so mancher Deutsche vor allem in den dunklen Wintermonaten wünscht, sah der Neu-Schweriner für sich keine Zukunft – bei einer Arbeitslosenquote von über 19 Prozent, bei Jugendlichen sogar 43 Prozent, kein Wunder. „Ich habe zu Hause nichts passendes gefunden“, sagt Jordi. Darum entschied er sich dazu, ein neues Leben zu beginnen. Jedoch in einem Land, dass ihm nicht allzu fremd ist. „Außerdem lebt es sich in Deutschland leichter.“ Die Lebenshaltungskosten seien geringer als in Spanien. Und auch das Bier sei nicht zu verachten, sagt er mit einem Zwinkern.

Was ist „MobiPro“?
Ziel des Projektes ist, den Fachkräftemangel auf deutscher Seite mit hoher Jugendarbeitslosigkeit auf spanischer Seite auszugleichen. Das Sonderprogramm ist darauf ausgelegt, sprachliche Barrieren sowie Rekrutierungs- und Einstellungshemmnisse abzubauen. Anfang 2013 kamen die ersten Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus anderen EU-Ländern nach Deutschland – sie haben ihre Ausbildungen nun abgeschlossen. Mit Ausbildungsbeginn 2016 wird das Pilotvorhaben nach insgesamt vier Ausbildungsjahrgängen in die Phase der Ergebnissicherung überführt.

Sein Deutsch ist bereits nach nur sechs Monaten nahezu perfekt – davon können viele der anderen Auszubildenden nur träumen. Der 22-Jährige entdeckte seine Liebe zur deutschen Sprache durch seinen Vater. „Er spricht fließend Deutsch und hat mir ein wenig beigebracht.“

Ein typischer Spanier ist der 22-Jährige nach eigenen Angaben aber nicht. „Ich liebe Pünktlichkeit und Fleiß – das ist in Spanien oft nicht so.“ Überhaupt treffen die mei-sten deutschen Vorurteile gegenüber Spaniern auf ihn nicht zu. So hat er ein eher ruhiges und leises Naturell, fällt nicht gleich jedem Fremden küssend um den Hals – klingt doch fast wie ein geborener Mecklenburger.

Angst davor, dass ihn das Heimweh spontan übermannen könnte, hat Jordi nicht. „Ich habe mir das ja ausgesucht und möchte viele neue Leute kennenlernen“, sagt er. Außerdem sei die Heimat ja „nur“ zwei Flugstunden entfernt. Seine drei Wochen Jahresurlaub hat er vorsorglich aber trotzdem für Familienbesuche reserviert.

Zur Begrüßung des neuen Jahrgangs war auch Cecilia Ymbernon dabei. Sie stammt ebenfalls aus Mallorca – jedoch vom anderen Ufer der Insel: aus Palma. Die 26-Jährige hat ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau bereits abgeschlossen – wie die Neulinge über „MobiPro“. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, die eigene Heimat zu verlassen.

„Am Anfang war es sehr schwer für mich“, sagt sie. Täglich habe sie geweint. „Alles war so anders.“ Noch heute vermisst sie das spanische Essen sehr. Doch mit Deutschland hat sie sich angefreundet, will sogar bleiben. „Inzwischen habe ich viele Freunde gefunden und einen tollen Job.“

Sie hat sich 2013 für das Projekt „MobiPro“ entschieden, nachdem sie trotz abgeschlossenem Studium in Modedesign auf Mallorca fast zwei Jahre keinen Job fand. Sie sattelte um und arbeitet heute im Speicher. Den 130 jungen Auszubildenden möchte sie noch wertvolle Tipps mit auf den Weg geben. Das Wichtigste sei es, Deutsch zu lernen, sagt sie. „Der Rest ergibt sich dann ganz von allein.“

Für Jordi kein Problem: Da er die Sprache schon beherrscht, kann er sich voller Freude in seine Kochausbildung im Amedia Plaza stürzen. Und vielleicht für Cecilia ein kleines Stückchen mallorquinische Küche nach Deutschland bringen.

 

So anders lebt es sich in Spanien

 

Wetter

So viel ist klar: Das Wetter in Deutschland ist sehr wechselhaft – manchmal wirkt selbst der Sommer eher wie Winter. So etwas passiert den Spaniern selten. Selbst im Winter ist es dort so warm, wie jetzt gerade in Deutschland. Natürlich scheint dort auch die Sonne viel öfter – warum sonst sollten so viele Deutsche ihren Urlaub dort verbringen?

 

Temperament

Den Deutschen wird oft nachgesagt, sie hätten wenig Temperament und noch weniger Rhythmusgefühl – manche behaupten sogar, wir könnten nicht im Rhythmus klatschen. Stimmt eigentlich nicht, doch wer mal bei Live-Musik neben einem Spanier stand, könnte sich durchaus so fühlen. Denn während Deutsche höchstens mit dem Kopf nicken, tanzen Spanier gleich über den ganzen Platz. Ähnlich temperamentvoll fällt bei ihnen die Begrüßung aus: Umarmungen und Küsschen auf die Wange sind – auch bei Fremden – durchaus üblich.

 

Pünktlichkeit

Pünktlichkeit ist eine deutsche Tugend – mit Ausnahme des akademischen Viertels. Dieses kann in Spanien allerdings schnell zu einer halben Stunde oder weiter ausufern. Pünktlichkeit scheint vielen Spaniern nicht möglich zu sein. Vielleicht, weil sie im Kontrast zu ihrer Spontaneität steht. Einen Grillabend für übernächstes Wochenende zu planen, erntet dort beispielsweise verstörte Blicke – viel zu weit in der Zukunft. Man lebt im Hier und Jetzt.

 

Tagesrhythmus

So feurig Spanier erscheinen mögen, so gemächlich gehen sie ihren Tag an. Was sie heute nicht packen, erledigen sie morgen – mañana eben. Da wundert es nicht, dass sie auch als Erfinder der Siesta gelten – eine lange Pause, die meist von 14 bis 17 Uhr geht. Schließlich müssen sie abends fit sein. Es ist nicht ungewöhnlich, dass um Mitternacht noch die ganze Familie in einer Bar sitzt – während in Deutschland schon die Bürgersteige hochgeklappt sind.

 

Lautstärke

In Deutschland geht es idealerweise ruhig zu, in Wartezimmern wird kaum gesprochen und niemand gestört. In Spanien ist es eher laut. Es wird wild diskutiert, ausgiebig gefeiert und auch am Telefon sehr laut gesprochen. Selbst die Mülltonnen werden mitten in der Nacht geleert.

 

Erziehung

In Spanien dürfen Kinder alles und sind nie an etwas schuld. Springt ein Kind vors Rad, hat der Radfahrer eben nicht richtig aufgepasst. Das allgemeine Erziehungsmotto lautet demnach: Die Kinder sollen glücklich sein. In Deutschland dagegen werden die Jüngsten schon früh dazu erzogen, selbst Verantwortung zu übernehmen.
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