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Ausländische Azubis in MV : Gekommen, um zu bleiben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Knapp 1100 ausländische Azubis haben seit 2013 in MV eine Ausbildung begonnen. Die Bilanz aus Sicht zweier Griechen auf Rügen

svz.de von
erstellt am 04.Jul.2016 | 21:00 Uhr

Ein Zurück soll es nicht mehr geben! Die zwei griechischen Hotel-Azubis Christina Georgota und Georgius Mavridis haben Pläne ohne ihre griechische Heimat gemacht.

„Die wirtschaftliche Situation in Griechenland ist sehr schwierig“, erzählt die 21-jährige Christina, während sie einen Tisch auf der Terrasse des Binzer Arkona-Hotels eindeckt. Vor zwei Jahren begann sie in dem Vier-Sterne-Haus an der Binzer Strandpromenade über das Bundesprogramm „MobiPro EU“ eine Ausbildung als Hotelfachfrau. Damals im Oktober 2014 berichtete sie von ihrem Heimweh und der Angst vor den kalten deutschen Wintern. Ihre Stimme war leise, suchend. Die Ungewissheit über die Zukunft – rund 1700 Kilometer entfernt von der Heimat auf Korfu – war beiden anzumerken.

Das Heimweh, sagt die junge Frau im Sommer 2016, sei noch da. Auch die Winter hätten sich wie befürchtet als lang und kalt erwiesen.

Doch inzwischen hat der Pragmatismus Oberhand über ihre Zukunftspläne gewonnen. „In Deutschland bekomme ich Arbeit. Die Bezahlung ist hier wesentlich besser als in Griechenland.“ Wie auch ihr 20-jähriger Kollege Georgius Mavridis sieht sie nach dem Ausbildungsende in Deutschland ihre Zukunft. Eine Bar in einer größeren Stadt, das wäre sein Lebenstraum, sagt Georgius Mavridis inzwischen in fast perfektem Deutsch. Die Arbeitslosigkeit in Griechenland liegt bei 25 Prozent.

Seit 2013 haben nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 1100 Jugendliche aus anderen EU-Staaten eine Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern begonnen – vor allem in der Hotel- und Gaststättenbranche. Die Bundesregierung hatte das Programm Anfang 2013 gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in anderen EU-Staaten und zur Sicherung des Fachkräftebedarfs in Deutschland aufgelegt. Die Hotel- und Gaststättenbranche verband damit die Erwartung, dass die ausländischen Azubis das Fachkräfteproblem zwar nicht lösen, aber dämpfen werden. Die Mehrzahl der Bewerber kam aus Spanien, gefolgt von Polen, Kroatien, Bulgarien und Griechenland.

Der Dehoga-Verband zieht nach Anfangsproblemen bei der dualen Ausbildung inzwischen eine positive Zwischenbilanz. Die ausländischen Azubis seien eine Bereicherung, sagt Dehoga-Präsident Guido Zöllick. „Sie bringen neue Perspektiven ins Team.“ Klar sei, der Betrieb müsse gerade in der Anfangsphase sehr viel soziales Engagement zeigen, damit die jungen Leute auch bleiben.

Viele Ausbildungsplätze noch frei
Die Tourismuswirtschaft steuert auf einen neuen Gästerekord zu, die Saison in Mecklenburg-Vorpommern dauert immer länger. Der Tourismus ist ein krisenfester Wirtschaftsfaktor und bietet Aufstiegschancen für gute Mitarbeiter. Dennoch gilt der Beruf als Hotel- und Restaurantfachkraft
bei vielen Jugendlichen als unattraktiv. Grund: die Arbeitszeiten an Wochenenden und Feiertagen sowie die vergleichsweise niedrige Bezahlung in der Dienstleistungsbranche. Die Jobs in der Hotel- und Gaststättenbranche führen nach Angaben der Agentur für Arbeit die Liste der aktuellen freien Ausbildungsplätze an. So sind landesweit aktuell noch 1176 Ausbildungsplätze in der Branche zu besetzen. Davon 395 Plätze als Koch, 348 als Restaurantfachkraft, 301 als Hotelfachkraft und 132 als Fachkraft im Gastgewerbe.

Nach Einschätzung von Rachel Amstrong – Chefin von Christina Georgota und Georgius Mavridis – ist das Konzept aufgegangen, die Investition in die ausländischen Jugendlichen habe sich gelohnt.

„Von den neun Azubis aus dem ersten Jahrgang bleiben sieben in der Hotelgruppe“, sagt die Personalchefin der Private Palace-Hotelgruppe, zu der auch das Arkona-Hotel gehört. Aus dem Jahrgang von Christina und Georgius haben bislang drei von 15 Azubis die Ausbildung abgebrochen. Auch für diesen Jahrgang hofft Amstrong, dass viele ausländische Azubis später in der Hotelgruppe bleiben.

Mit den vergleichsweise geringen Abbrecherquoten ist das Hotel eine Ausnahme. Genaue Zahlen liegen der Bundesagentur für Arbeit zwar nicht vor, dennoch sind von den bundesweit genehmigten 3300 Teilnehmern aus dem Jahr 2015 nur noch 48 Prozent in der Ausbildung, sagte eine Sprecherin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung. Oft seien die unzulänglichen Sprachkenntnisse zu Ausbildungsbeginn, die große Mühe mit dem Deutschlernen oder das Heimweh ein Grund für das Beenden des Ausbildungsweges – Gründe, die bei Jugendlichen in Deutschland kaum vorkommen.

Auch auf Rügen haben ausländische Azubis die Ausbildung vorzeitig beendet – vor allem solche, die in abgelegenen Orten gelernt hatten.

Wer den Schritt aus der Heimat wagt, muss bereit sein, sich auf Ungewohntes einzulassen, sagt Personalerin Rachel Armstrong. Das haben Christina Georgota und Georgius Mavridis getan, auch wenn – wie Christina berichtet – sie einmal vor Verzweiflung fast die Koffer gepackt hätte. Doch sie habe inzwischen Freunde auf Rügen gefunden und die Zwischenprüfung mit gutem Ergebnis bestanden. Zusammen mit zwei weiteren Auszubildenden wohnt sie in einer WG. Das Salsatanzen ist auf Rügen eines ihrer Hobbys geworden.

Personalchefin Armstrong ist zufrieden mit den beiden Griechen. „Sie sind hochmotiviert und engagiert“, sagt sie mit einem leichten Seitenhieb gegen einige deutsche Azubis, bei denen sie eine solche positive Einstellung zum Beruf vermisst. Eine Ausbildung im Hotel gilt unter vielen deutschen Bewerbern wegen der Arbeitszeiten an Feiertagen und Wochenenden und der Bezahlung als unattraktiv. Zu Unrecht, wie Rachel Armstrong findet.

Die Lücke auf dem Ausbildungsmarkt werden junge Menschen wie Christina und Georgius nicht schließen können. „Dafür ist die Spanne zwischen Bewerbern und gemeldeten Stellen einfach viel zu groß“, sagt der Chef der Agentur für Arbeit in Stralsund, Jürgen Radloff.

Christina Georgota und Georgius Mavridis selbst geht es nicht um irgendwelche, zu schließenden Ausbildungslücken und der Beseitigung eines Fachkräftemangels. Sie wollen eine sichere Zukunft, einen interessanten Beruf, ein Einkommen, von dem sie leben können.

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