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Mecklenburg-Vorpommern

25. September 2017 | 06:32 Uhr

Geschichte : Gekennzeichnet und diskriminiert

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

125 Jahre nach der Einführung der jüdischen Familiennamen griffen die Nazis massiv in das Namensrecht ein

Erste Spuren jüdischen Lebens in Dömitz finden sich in den Akten des Landeshauptarchivs Schwerin aus dem Jahre 1743. Aus diesem Jahr ist die Bekehrung der beiden in Dömitz lebenden jüdischen Einwohner Moses und Aaron zur christlichen Religion überliefert.

Einige Jahre später wurden in Dömitz an vier sogenannte „Schutzjuden“, die sich des besonderen Schutzes des mecklenburgischen Fürstenhauses sicher sein durften, „Handels-Privilegien“ vergeben. Neben einem „stehenden Handelsgewerbe“ betrieben diese Schutzjuden einen Hausierhandel, der sie durch alle Dörfer des Amtes Dömitz führte. Da die wirtschaftliche Lage in der Region während dieser Zeit nicht sehr rosig war, machten sich die privilegierten Händler, anders als in anderen Landesteilen Mecklenburgs, zunächst selbst auf den Weg über Land. Erst etwa dreißig bis vierzig Jahre später war es ihnen möglich, sogenannte Handelsknechte für den Hausierhandel anzustellen, die sie überwiegend aus ihrer Glaubensgemeinschaft rekrutierten.


Juden wählten Namen mit Wohlklang


Im Jahre 1800 finden in Dömitz die Familien der Schutzjuden Seelig Wulff, Hirsch Jonas, Levin Meyer und Levi Wulf als Schutzjuden Erwähnung. Bei den Namen handelte es sich um doppelte Vornamen, die nicht als Familiennamen auf die Kinder übertragen wurden. Die ursprünglich in Deutschland und Frankreich angesiedelten und von dort nach Osteuropa ausgewanderten Juden, hatten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts meist noch keine festen Nachnamen. Es war hingegen üblich, dem Kind an erster Stelle einen Vornamen nach dem eigenen Geschmack und an zweiter Stelle den Namen des Vaters als Beinamen hinzuzufügen (Patronym), beispielsweise Jakob ben Nathan = Jakob, Sohn des Nathan. Genealogische Linien lassen sich aus diesem Grunde nur schwer zurückverfolgen.

Als Mecklenburg nach der Kapitulation Blüchers bei Lübeck 1806 faktisch in das französische Kaiserreich eingegliedert war, führten die sich daraus ergebenden Handelseinschränkungen zur Verarmung aller Bevölkerungsschichten. Die fürstliche Steuerkasse wurde immer klammer. Den mecklenburgischen Fürsten fehlte aufgrund des ungeordneten Namenssystems seiner jüdischen Untertanen die Übersicht und somit eine geordnete Übersicht über deren Steuerpflichten.

Um diesen vermeintlichen Missstand abzustellen und dadurch die Steuerflüsse in die fürstlichen Kassen zu verbessern, erließ der Herzog von Mecklenburg 1813 die „Landesherrliche Constitution zur Bestimmung einer angemessenen Verfassung der jüdischen Glaubensgenossen in den herzoglichen Landen“, durch welche die Juden als Landeskinder mosaischen Glaubens in die bürgerliche Gesellschaft mit all ihren Rechten und Pflichten aufgenommen wurden. Eine Grundvoraussetzung in diesem Zusammenhang war die Annahme erblicher Familiennamen. Um die Integration der Juden zu fördern, sollten sich die jüdischen möglichst nicht von deutschen Familiennamen unterscheiden. Bei der freien Erfindung bleibender Familiennamen bedienten sich die Betroffenen nicht nur einiger Bezüge und Nennungen aus ihrer Glaubensgeschichte oder ihres gewesenen oder derzeitigen Wohnsitzes, sondern wählten als Händler und Geschäftsleute oftmals für die hiesige Bevölkerung leicht verständliche und wohlklingende Namen.

Aus Dömitz sind sieben solcher Namensgebungen bekannt. So nahm Bendix Wulff den Namen „Bentheim“ an, sein Bruder Selig Wulff den Namen „Blumenthal“. Aron Nathan nannte sich fortan „Rosenberg“, und die Brüder Abraham und Isaac Salomon bedienten sich fortan des Namens „Rosenstern“. Die Brüder Levin Wulff und Salomon Wulff begründeten die späteren Familiendynastien „Wolffenstein bzw. „Wulff“. Die Familien Blumenthal und Wolffenstein lebten bis ins 20. Jahrhundert hinein in Dömitz. Angehörige beider Familien wurden Opfer des Naziterrors und überlebten den Holocaust nicht.

125 Jahre nach der Einführung der jüdischen Familiennamen wurde seitens der Nazis nochmals in das Namensrecht für Menschen sowohl jüdischen Glaubens als auch jüdischer Abstammung eingegriffen. Im Reichsgesetzblatt Nr. 139 erlässt das Reichsinnenministerium im August 1939 ein Gesetz über die Regelung der jüdischen Vornamen. Diese Vorschrift bestimmte, dass jeder jüdische Mann zu seinem aktuellen Vornamen den Namen Israel und jede Frau den Namen Sarah bzw. Sara tragen musste. Bei Zuwiderhandlungen waren Gefängnis- oder Geldstrafen angedroht. Bereits 1938 waren im Deutschen Reich sogenannte Kennkarten als „allgemeiner polizeilicher Inlandausweis“ eingeführt worden. Zur Diskriminierung und Verfolgung der deutschen Juden waren deren Kennkarten bereits zusätzlich mit dem Buchstaben „J“ (Jude) versehen worden. Auch Anna Wolffenstein (siehe Foto) trug so eine Karte bei sich. Die 1864 in Schwaan geborene Frau heiratete später den Dömitzer Händler David Wolffenstein. Am 19. November 1942 wurde sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 8. Januar 1943 starb.

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