„Geiz ist geil" hat seinen Preis

<strong>Bernd Maiweg</strong> ist Referatsleiter der Hauptverwaltung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Foto: Petra Ferch
Bernd Maiweg ist Referatsleiter der Hauptverwaltung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Foto: Petra Ferch

Schluss mit „Geiz ist geil", forderten Ute Moldenhauer und Ute Vogt auf der Leserbriefseite des „Prignitzers". Ihnen geht es dabei sowohl um die Massentierhaltung als auch um Schlachtmethoden.

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18. Juli 2012, 09:45 Uhr

Perleberg | Schluss mit "Geiz ist geil", forderten Ute Moldenhauer und Ute Vogt auf der Leserbriefseite des "Prignitzers". Ihnen geht es dabei sowohl um die Massentierhaltung als auch um Schlachtmethoden. Doch preiswertes Fleisch hat noch ganz andere Folgen, auf die Bernd Maiweg aufmerksam macht. Er ist in der Hauptverwaltung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Referatsleiter für Fleischwaren und Zucker industrie. In dieser Funktion führt ihn sein Weg auch immer wieder in die Prignitz. Denn in Perleberg befindet sich ein Standort von Vion, einem der vier größten Unternehmer der deutschen Schlachtbranche, wie Maiweg betont.

60 Millionen Schweine würden in diesem Jahr in Deutschland geschlachtet, 50 Prozent davon gingen in den Export. "Damit ist Deutschland die Nummer 3 der Schweineschlachter auf der Welt", verdeutlicht der Gewerkschaftsfunktionär. Nun könnte man meinen, dass sei gut für die rund 71 000 Beschäftigten in dieser Industrie, denn sie hätten damit einen festen Job, wenn auch zumeist einen harten. "Aber 51 000 davon kommen aus Mittelosteuropa, arbeiten über so genannte Werkverträge in Deutschland, für sie gilt also das Recht das Entsendelandes, in Deutschland sind sie relativ rechtlos", verdeutlicht Maiweg das Problem.

In Perleberg seien es derzeit rund 100 Rumänen, die über einen solchen Werkvertrag im Schlachtbetrieb arbeiteten. Das entspreche etwa 30 Prozent der Gesamtbelegschaft. Dabei, so betont Maiweg, habe Vion lange Zeit auf Werkverträge verzichtet. "Allerdings zu dem Preis der extrem schlechten Einkommensentwicklung der Stammbeschäftigten, um auf dem Markt mithalten zu können", macht der Gewerkschafter deutlich. Mittlerweile käme aber auch bei dem gesamten Vion-Konzern die Hälfte der Belegschaft aus dem Ausland, bei anderen Konzernen der Branche seien es schon 90 Prozent. "Denn diese Arbeitnehmer sind deutlich günstiger, und um ihre Altersversorgung brauchen sich die Arbeitgeber auch keine Gedanken zu machen, denn die Südosteuropäer sind in der Regel nur für rund zwei Jahre in den Schlachtbetrieben tätig", beschreibt Maiweg.

Diesen Zahlen widerspricht der Sprecher der Vion Food Group Deutschland, Karl-Heinz Steinkühler. Nach seiner Aussage arbeiteten im Unternehmen "10 838 Beschäftigte, davon 27 Prozent nichtdeutsche Arbeitnehmer mit Werkverträgen". Das seien aber nicht ausschließlich Südosteuropäer. "Im Betrieb Vion Perleberg sind 25 Prozent der Mitarbeiter mit entsprechenden Werkverträgen beschäftigt." Die von Maiweg genannten Zahlen "treffen auf Vion nicht zu". "Uns ist allerdings bekannt, dass Wettbewerber aus der fleischverarbeitenden Industrie die von der Gewerkschaft für Nahrung-Genuss-Gaststätten genannte Zahl von 50 Prozent und mehr an Beschäftigungsverhältnissen mit Werkverträgen erreichen", macht Steinkühler deutlich.

Wie dem auch sei, für Maiweg bleibt es dabei, dass diese Praxis auf lange Sicht gesehen dazu führe, "dass die Arbeitgeber erhebliche Nachwuchsprobleme bekommen, denn die Stammbelegschaft ist dann in der Masse nicht mehr da. Doch die Unternehmen brauchen Vorarbeiter, Abteilungsleiter, ausgebildete Schlachter, Metzger oder Lebensmitteltechniker", zählt Maiweg auf. Der Gewerkschaft seien die Hände gebunden, denn "für die Werkverträge sind wir nicht zuständig".

Das Problem ist nach Maiwegs Meinung nur über "allgemein verbindliche Mindestlöhne" zu klären. Aber auch wir Verbraucher spielen dabei keine unmaßgebliche Rolle. Denn die billigen Angebote führten zu einem "mörderischen Verdrängungswettbewerb, bei dem die Lebensmittel-Einzelhandelsseite einen Lieferanten gegen den anderen ausspielt." Der Gewerkschaftsfunktionär erläutert das anhand eines Rechenbeispiels: "Ein Kilo Toilettenpapier kostet 3,99 Euro, ein Kilo dicke Rippe vom Schwein 3,69." Und Maiweg führt noch ein paar Zahlen an. Demnach verursache die Produktion von einem Kilo Fleisch in Deutschland 5 Cent Lohnkosten, in Frankreich dagegen 7 Cent, in Spanien 8,5 Cent. "Die Franzosen und Belgier beschimpfen uns mittlerweile wegen der Dumpinglöhne."


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