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Gehörlosenschule in Güstrow : Gehörlosenschule fördert Kinder

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Sie reden mit vielen Gesten und ausdrucksstarker Mimik. Gehörlose Kinder erfahren im Förderzentrum Güstrow einen besonderen Unterricht - in Laut-, Schrift- und Gebärdensprache.

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erstellt am 26.Sep.2013 | 06:31 Uhr

Sie reden mit vielen Gesten und ausdrucksstarker Mimik. Gehörlose Kinder erfahren im Förderzentrum Güstrow einen besonderen Unterricht - in Laut-, Schrift- und Gebärdensprache. Auf die Bedürfnisse tauber Menschen macht der Tag der Gehörlosen am Sonntag aufmerksam.
Mucksmäuschenstill verfolgen die Zehntklässler den Mathematikunterricht. An der einzigen Gehörlosenschule Mecklenburg-Vorpommerns in Güstrow (Landkreis Rostock) agiert Lehrerin Antje Erle vor den Schülern wie eine Schauspielerin.

Gestenreich, mit Händen, Mimik, dem gesamten Körper, aber auch mit klaren Worten erklärt sie gerade die Verhältnisrechnung. Sie wischt sich über die flache Hand so als ob sie eine Scheibe Brot bestreicht - die Vokabel für "Marmelade". Dann beißt sie in einen imaginären Apfel und formt in der Luft eine Birne - die Zutaten, die in einem bestimmten Verhältnis gemischt werden sollen. "Mathematik besteht bei uns nicht nur aus trockenen Zahlen, sondern auch aus vielen Worten und Gebärden", erklärt die Pädagogin.

Im Landesförderzentrum "Hören" wird in kleinen Klassen von je fünf bis zehn Schülern gelernt. Leiterin Gudrun Fischer beklagt einen Mangel an Sonderschulpädagogen für die Förderung behinderter Kinder und Jugendlicher in Mecklenburg-Vorpommern. Die 58 Lehrer der Gehörlosenschule unterrichteten im gesamten nordostdeutschen Bundesland rund 600 Hörgeschädigte, zwei Drittel davon regelmäßig an ihren Heimatschulen, sagte Fischer am Donnerstag. Gut 200 Schüler lernten in Güstrow, viele davon auch in Gebärdensprache. Hinzu käme die Frühförderung für mehr als 80 Klein- und Vorschulkinder in Kindertagesstätten.

Die Inklusion Gehörloser im Regelschulsystem Mecklenburg-Vorpommerns - also der gemeinsame Unterricht mit nicht hörgeschädigten Kindern - funktioniere bereits gut, betont Gudrun Fischer. Doch für eine bessere Förderung seien mehr Lehrer nötig.

Viele Sonderschulpädagogen aber seien in den vergangenen Jahren aus dem Nordosten in westliche Bundesländer gezogen, wo sie besser bezahlt und auch verbeamtet würden.

In Deutschland leben nach Angaben des Gehörlosen-Bundes etwa 80 000 taube Menschen. 16 Millionen Bundesbürger gelten als schwerhörig. Auf die besondere Situation tauber Menschen macht der Internationale Tag der Gehörlosen am letzten Sonntag im September (29.09.) aufmerksam. Mit Aktionen in vielen Bundesländern wird auch für die Gebärdensprache geworben, die in Deutschland erst seit 2001 gesetzlich anerkannt ist.

"Gebärdensprache ist der Schlüssel zur Bildung", betont eine Sprecherin vom Gehörlosen-Bund. Doch selbst an vielen Gehörlosen-Schulen Deutschlands werde vorrangig lautsprachlich, also in gesprochenem Deutsch unterrichtet. Häufig werde wertvolle Zeit auf das Training von Resthörvermögen und Lippenablesen verwandt, so dass die Vermittlung sachlich-fachlicher Inhalte auf der Strecke bleibe.

Gehörlose Kinder sollten ein Recht auf bilingualen (zweisprachigen) Unterricht erhalten, heißt es.

Auch an Regelschulen werde normalerweise nicht bilingual unterrichtet, dafür fehlten Fachkräfte, meint die Güstrower Schulleiterin Fischer. Obendrein wünschten viele Eltern den lautsprachlichen Unterricht für ihre in unterschiedlichem Grad hörgeschädigten Kinder, um ihnen - mit technischen Hilfsmitteln - eine Kommunikation mit dem sozialen Umfeld zu ermöglichen. Nur so könne das Sprechen trainiert und der Wortschatz laufend erweitert werden, betont die Chefin des Förderzentrums.

Lisa und Liana, beide 17 und gehörlos, kommunizieren indes vorrangig mit Gebärden. "Das ist ihre Muttersprache", übersetzt Lehrerin Antje Erle. Die Mädchen wollen nach der Schule selbstverständlich einen Beruf lernen. Lisa möchte Zahntechnikerin werden, Liana vielleicht Heil-Erzieherin für gehörlose Kinder. "Mit ihrer Kenntnis der Gebärdensprache hat sie da beste Voraussetzungen", meint die Pädagogin.

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