Veruntreuung bei Hansa Rostock : Gehalt mit Betrug aufgestockt

Der Angeklagte im Prozess um Ticket-Betrug bei Hansa Rostock wartet   im Amtsgericht Rostock  auf den Prozessbeginn.
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Der Angeklagte im Prozess um Ticket-Betrug bei Hansa Rostock wartet im Amtsgericht Rostock auf den Prozessbeginn.

47-jähriger Ex-Hansa-Mitarbeiter legt im Prozess vor dem Amtsgericht Rostock ein Geständnis ab

svz.de von
19. März 2014, 20:45 Uhr

Dass die Polizei mit von der Partie ist, wenn es um Hansa Rostock geht, ist nicht ungewöhnlich. Sofern es sich um eine Partie von Hansa handelt. Gestern aber war sie bei einem juristischen Nachspiel im Rostocker Amtsgericht im Einsatz. Um Guido G. zu schützen.

Der 47-Jährige hat den Zorn vieler Fans auf sich gezogen. Er soll als Mitarbeiter des Traditionsvereins Gelder aus dem Ticketverkauf veruntreut haben. Der Schaden liegt laut Staatsanwaltschaft bei rund 200 000 Euro. Und das, obwohl die Kogge seit Jahren finanziell auf Grund zu laufen droht. Die Fans sind empört. Es habe Drohungen gegen ihren Mandanten gegeben, seit die Sache im März 2013 aufflog, sagt Verteidigerin Christine Habetha. Vor Prozessbeginn gab es Sicherheitskontrollen.

Doch kein „sogenannter Fan“ ließ sich blicken. Im Saal wurden nur friedliche Mitglieder des Drittligisten gesichtet: Hansa-Vorstandschef Michael Dahlmann und sein Medienchef Lorenz Kubitz zum Beispiel. Die beiden Männer hätten seit vorigem März kein Wort mehr mit ihm gewechselt, sagt der 47-jährige Angeklagte in einer Pause. Kurz zuvor hatte er über eine Erklärung seiner Verteidigerin ein Geständnis abgelegt, in dem er 30 der 46 angeklagten Fälle einräumt.

Der Schaden beträgt seinen Angaben nach „nur“ etwa 93 000 Euro. Die würde er auch zurückgeben, lässt er erklären. Hansa hat einen eigenen Anwalt im Prozess, um den Schadensanspruch durchzusetzen.

Guido G., vormals Jura-Student, arbeitete seit 2007 als stellvertretender Leiter im Ticketbereich. Laut Arbeitsvertrag standen ihm dafür 1600 Euro brutto zu. Spätestens ab 2009 begann er, sein Gehalt illegal aufzustocken. Mit einer Masche, die simpel klingt. Und erstaunlich, weil sie vier Jahre funktionierte, ohne dass ein Vorgesetzter Grund fand, einzuschreiten. „Ich habe den Aus-Knopf gedrückt“, erklärte gestern eine Zeugin. Die 57-Jährige, eigentlich im Immobiliengeschäft tätig, saß aus alter Liebe zu Hansa jahrelang bei Heimspielen für wenig Geld an der Kasse. Nach jenem Spiel im März habe ein schlecht gelaunter Ticket-Verkaufschef, G.’s Vorgesetzter, sie angeraunzt, weil sie „auch nur 36 Karten verkauft“ hätte. „Es waren aber über 100“, habe sie trotzig geantwortet. Und das ist auch schon das ganze System.

G. hatte irgendwann mehrere Kassen-Mitarbeiter angewiesen, nach Verkaufsschluss jeweils weniger Tickets abzurechnen, als sie tatsächlich verkauft hatten und die Differenz in bar in einen Umschlag zu stecken. Er hatte das mit Tickets erklärt, die zurückgegeben worden seien und deren genaue Zahl vorgegeben. Und die Kassierer beruhigt, dass ja zu Wochenbeginn alles kontrolliert werde. Doch anscheinend kontrollierte niemand. Die Abrechnungen waren ja in sich stimmig. Und niemand interessierte sich dafür, wie viele Tickets tatsächlich zurückgegeben wurden. Offenbar fiel nicht mal auf, dass so auf dem Papier nun erheblich weniger Zuschauer im Stadion saßen als in Wirklichkeit. Die Umschläge mit den von G. vorgegebenen Differenzbeträgen aber wanderten geradewegs in seine Tasche. Mehrere Tausend Euro pro Heimspiel.
„Wir haben G. vertraut. Er war unser Ansprechpartner“, sagten gestern mehrere Zeugen. Sie sind bitter enttäuscht, von „Prinz Charming“, wie ihn eine Zeugin nennt. Aber auch von Hansa, „ihrem“ Verein. Der setzte den meisten von ihnen – Studenten, Rentnern, Sachbearbeiterinnen – flugs den Stuhl vor die Tür, als G. aufflog.

Der Vorgesetzte ist immer noch da. Er soll Montag als Zeuge gehört werden. Ebenso ein Vorstandsmitglied, das etwas zu den wirtschaftlichen Verflechtungen von FC Hansa und der Ostessestadion GmbH sagen soll, bei der G. angestellt war.

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