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Bildhauer Stefan Thomas : Gegen die Weisheit der Mächtigen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Bildhauer Stefan Thomas wird heute 85. Viele seiner Werke spiegeln die Verletzlichkeit des Menschen wider.

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2017 | 12:00 Uhr

In stiller Einsamkeit von Darze Ausbau (bei Rom/Meckl.) lebt und wirkt Stefan Thomas in einem denkmalgeschützten Bauerngehöft. Dies bedeutet keineswegs Abkehr von der Lebenswirklichkeit. Der am 1. Februar 1932 in Tilsit geborene Absolvent der Kunstschulen in Heiligendamm und Dresden (Fachbereiche Plastik) hat einen Blick auf das Wesentliche, was die Menschen kennzeichnen sollte: die (Mit-) Menschlichkeit.

Prägend dafür waren auch seine jugendlichen Erfahrungen zum Ende des Weltkrieges mit mehrmonatiger Flucht und dem Ankommen als Flüchtlingsfamilie in Dümmer bei Wittenburg. Stefan Thomas suchte und las in den Gesichtern und (Körper-)Haltungen von Menschen. Das so Erspürte drückte der Bildhauer in seinen Plastiken, Reliefs und Skulpturen aus.

Ziege am Ziegenmarkt in Schwerin
Ziege am Ziegenmarkt in Schwerin Foto: Klawitter
 

In dem nunmehr über 50 Jahre andauernden Schaffen entstanden viele plastische Kunstwerke. Eine seiner frühen Arbeiten ist eine Bronzebüste des Pazifisten Carl von Ossietzky (1965). Auch später porträtierte Stefan Thomas gerne unangepasste Persönlichkeiten, wie Werner Seelenbinder und Rosa Luxemburg, beide als Reliefs. An der aus der Antike kommenden Kunstform des Reliefs reizt ihn die verminderte Räumlichkeit – ein unerschöpfliches Wirkungsfeld, auf dem es Stefan Thomas zu einer besonders hohen Kunstfertigkeit gebracht hat.

Hervorzuheben ist die bronzene Medaille mit dem Porträt von Fritz Reuter, die als Kunstpreis des Bezirkes Schwerin 1961 zuerst an die Schriftstellerin Ann-Charlott Settgast vergeben wurde.

Göttin Pallas aus der Figurengruppe „Urteil des Paris“ im  Parchimer Rosengarten
Göttin Pallas aus der Figurengruppe „Urteil des Paris“ im Parchimer Rosengarten Foto: Schattinger

Stefan Thomas, der sich als „Modellierer“ und nicht als „Steinschläger“ versteht, formt seine Plastiken aus Gips, Beton, Ton und nur wenige später als Metallguss. Seine im öffentlichen Raum stehenden Gruppen (zum Beispiel Kinderbaum am Sportgymnasium in Schwerin, Urteil des Paris in Parchim, Ziege und Fische in Schwerin, Gewalt in Schlagsdorf) erschließen sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick. Sie sind Sinnbilder einer unbefangenen Kinderwelt, der Unbewertbarkeit von Schönheit, der Individualität von Tieren und der Ernsthaftigkeit des menschlichen Daseins.

Den Menschen in seiner Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit darzustellen und mitzuteilen, macht das Wesen der meisten Bildwerke von Stefan Thomas aus. Der Betrachter muss das Seh-Angebot des Künstlers annehmen und sich auf dessen geformte Mitteilung einlassen; so auch bei den Statuetten Junge mit Muschel (Umweltpreis des Landkreises Parchim-Ludwigslust), Ernst Barlach und Frühlingsspaziergang (eine alte Frau am Stock, die im Frühling schaut, ob es wieder wächst).

Dass Stefan Thomas mit einer angenehmen Portion Altersweisheit jongliert, kann man auch an den Plaketten sehen, die er jeweils zum Neujahr modelliert. Als hätte er die Ereignisse in den USA vorausgesehen, schuf er zum Neujahr 2015 einen Schutzengel gegen die Weisheit der Mächtigen.

Seit langer Zeit befasst sich Stefan Thomas immer wieder mal mit dem Philosophen Diogenes von Sinope und dessen Suche nach dem wirklichen Menschen; seine Gipsentwürfe der Diogenes-Figur drücken wachsende Zweifel aus. Wir wünschen dem Modellierer Stefan Thomas und auch uns noch einige seiner dreidimensionalen Denkanstöße; vielleicht wird ja sein Diogenes doch noch fündig.
 

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