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Flüchtlinge MV : Geflüchtet, integriert, abgeschoben

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Marianna, Moussa und Ibrahim haben in ihrer Heimat alles zurückgelassen und sich in MV eingelebt – nun könnte ihnen wieder alles genommen werden

svz.de von
erstellt am 10.Mai.2016 | 11:45 Uhr

Marianna. 37 Jahre alt. Aus der Ukraine. Lebt und arbeitet seit einem Jahr mit ihrer Familie in Deutschland. Ihre Tochter ist Klassenbeste. Nun soll die Familie abgeschoben werden.

Moussa. 36 Jahre alt. Aus Mauretanien. Floh vor Folter. Hier hat er Arbeit, bezahlt Steuern. Spricht deutsch und drei weitere Sprachen. Er soll abgeschoben werden.

Ibrahim. 23 Jahre alt. Ebenfalls aus Mauretanien. Floh vor Zwangsarbeit. Spricht fünf Sprachen. Eine davon ist Deutsch. Beginnt demnächst seine Ausbildung zum Koch. Hat kaum Chancen, in Deutschland zu bleiben.

Integration gescheitert? Marianna, Moussa und Ibrahim – sie alle haben in ihrer Heimat alles zurückgelassen. In Mecklenburg-Vorpommern begannen sie ein neues Leben. Doch noch immer leben sie in Angst. Angst davor, dass sie wieder in die Vergangenheit zurück müssen. Zu Bomben, Folter, Zwangsarbeit, Armut und Hoffnungslosigkeit.

Die Flucht

Wasser und Strom waren das Erste, was fehlte, erzählt Marianna. Dann schlossen die Schulen, die Kindergärten, die Apotheken. Später die Krankenhäuser. Das war im April 2014. Damals übernahmen Separatisten die Kontrolle über die ukrainische Stadt Lugansk und riefen eine Volksrepublik aus. Lugansk, erzählt Marianna, war ihre Heimatstadt. Im Juni fielen die ersten Bomben, abgefeuert von der ukrainischen Luftwaffe. „Sie schlugen im Gebäude der Regionalverwaltung neben meiner Arbeit ein“, sagt Marianna. „Wir mussten die zerbrochenen Fenster in unserem Büro aufsammeln.“ Von da an schlief sie mit ihrem Mann und ihren Kindern im Keller – aus Angst vor weiteren Angriffen. Den totalen Zusammenbruch von Recht und Ordnung meldete die höchste Kommission der Vereinten Nationen für Menschenrechte im Juli. Marianna und ihr Mann trafen eine Entscheidung: Sie werden ihre Heimat verlassen.

Moussa ist schwarz. Seine Haut ist ganz dunkel. Genau das wurde ihm in seiner Heimat – Mauretanien – zum Verhängnis. Das Land im Westen Afrikas ist geprägt durch eine hierarchische Gesellschaft – auch heute noch. Schwarze, das waren früher Sklaven. Zu der oberen Schicht zählten die Araber. Bis heute sei das noch so, erklärt Moussa. Wenn auch nicht offiziell. 2011 kam es schließlich zu Krawallen. Bei einer Volkszählung wurden immer wieder Vorwürfe laut, dass die arabischen Mauren ihren Bevölkerungsanteil nach oben korrigieren wollten, um ihren Machtanspruch zu sichern. „Ich war nicht einverstanden“, sagt Moussa. „Ich habe demonstriert und Flugblätter verteilt.“ Sicherheitskräfte zerschlugen die Zusammenkünfte. Viele Menschen wurden festgenommen. Teilweise unter brutalen Bedingungen. Moussa entkam der Folter. Damals traf er eine Entscheidung: Er wird seine Heimat verlassen.

Auch Ibrahim kommt aus Mauretanien. Auch er ist schwarz. „Tausende Menschen leben immer noch in sklavenähnlichen Verhältnissen. Mein Vater ist ein Zwangsarbeiter“, berichtet der 23-Jährige. Schwarze seien das Fußvolk. Vor allem bei militärischen Auseinandersetzungen müssten sie die gefährlichen Aufgaben übernehmen. „Sie werden regelrecht in den Tod geschickt“, meint Ibrahim. Auch ihm drohte Zwangsarbeit. Das war der Moment, als er entschied, seine Heimat zu verlassen.

Der Neuanfang

An der Wand hinter Marianna, neben dem Kruzifix, an der Tür, am Schrank – überall hängen kleine Klebezettel, mit deutschen Vokabeln darauf. „Immer wenn ich mich an alle Wörter erinnern kann, hänge ich neue heran“, sagt sie. Marianna hat sich selbst Deutsch beigebracht. Eine Lehrerin, die sie hier kennen lernte, half ihr dabei. Kurse gibt es nur für Flüchtlinge mit einer Aufenthaltserlaubnis.

Marianna, ihr Mann und ihre zwei Töchter sollen Deutschland wieder verlassen. Das Problem: Ein Visum für Deutschland zu bekommen, war bei ihrer Flucht unmöglich. „Die Schwester meines Mannes lebt seit 17 Jahren hier. Sie hat gesagt, kommt her.“

Seit einem Jahr lebt die Familie in der Nähe von Bad Kleinen. Marianna und ihr Mann fanden schnell gute Arbeit, suchten nach einer Wohnung. Ihre große Tochter besuchte hier die Schule. Sie war Klassenbeste; will Zahnärztin werden. Die jüngere geht in die Vorschule. Doch dann kam der Brief. Bürokratisch, unpersönlich, schwer verständlich. „Es war ein Schock“, sagt Marianna. Die Familie soll zurück nach Tschechien. Dem Land, in dem sie das erste Mal die Europäische Union betraten. „Wir sprechen die Sprache nicht, kennen da niemanden und haben dort auch keine Arbeit. Wir müssten wieder von vorne anfangen.“

Eigentlich hätten sie Deutschland schon verlassen müssen. Doch sie fanden Hilfe. Eine Kirche bei Bad Kleinen bot der Familie Asyl an. Rettung? Ja. Ein Leben? Nein. Die Familie kann das Grundstück nicht verlassen.

„Ich kann das nicht mehr hören: Wir schaffen das. Die Realität ist eine ganz andere“, klagt Roland Haacker. Er ist der Chef des Schweriner Sicherheitsunternehmens „alarm.direct“. Vor einem Jahr suchte er nach einem neuen Mitarbeiter. Ein anspruchsvoller Job. „Es ist sehr schwierig, vernünftiges Personal zu finden“, so Haacker. Über die Schnittstelle Regio-Vision GmbH schickte das Arbeitsamt Moussa. Für das Unternehmen ein Glücksgriff: „Er kommt aus der Sicherheitstechnik und hat hier im Vorfeld verschiedene Lehrgänge besucht, Deutsch gelernt und Praktika absolviert“, sagt Haaker. Fast drei Jahre lang lebte Moussa in dem Asylheim in Ludwigslust. Gemeinsam mit fünf weiteren Flüchtlingen teilte er sich ein Zimmer, das Bad und auch die Küche.

Das erste Jahr passierte nichts. Trotz mehrmaliger Anträge blieb ihm ein Deutschkurs verwehrt. „In meiner Heimat bin ich aufgestanden, habe gefrühstückt, dann Sport gemacht und bin dann zur Arbeit gegangen. Wenn du hier nur herumsitzen kannst – du wirst krank“, sagt er.

Wie das Schwert des Damokles hänge die Entscheidung über seinen Aufenthaltstitel über ihn. Wird er abgeschoben? Darf er bleiben? Die Zukunft planen – für den 36-Jährigen unmöglich.

Mauretanien gilt als sicheres Herkunftsland. Einmal wurde sein Asylantrag bereits abgelehnt. Er und Haacker legten Widerspruch ein. „Ich will in Deutschland bleiben. Das Land vertritt die Werte, die ich mag,“ meint Moussa.

Sein letzter Ausweg: die Härtefallkommission. Die entscheidet in besonders schwierigen Fällen über den Titel des Flüchtlings. Das ist jedoch nur möglich, wenn das Asylverfahren nicht mehr läuft. Daher haben Haaker und Moussa den Widerspruch auf Anraten des Innenministeriums zurückgezogen. Damit hat er kaum noch Rechte, darf zum Beispiel MV nicht verlassen. Doch  er darf  immer noch arbeiten und hat noch Hoffnung, dass sein Ersuchen möglichst bald der Kommission vorgelegt wird.

Auch Ibrahim hat noch Hoffnung. Der 23-Jährige kam mit dem Flüchtlingsstrom Ende vergangenen Jahres nach Deutschland. In Zarrentin fand er Unterstützung durch einen Helferkreis. „Er spricht sehr viele Sprachen und auch Deutsch lernt er sehr schnell“, sagt Wolfram Enders. Ehrenamtlich unterrichtet er ihn. Ibrahim lebt gemeinsam mit einem Syrer in einer Ferienwohnung. In Zarrentin fand er Anschluss bei einer Fußballmannschaft. Nun kann er ein Praktikum in einem Catering-Unternehmen beginnen. Mit Aussicht auf eine Kochausbildung. Doch es ist nicht immer einfach: „Es kommt jeden Tag vor, dass ich von Menschen auf der Straße wegen meiner Hautfarbe beleidigt werde“, sagt Ibrahim. Dann kommen die Erinnerungen an Mauretanien. „Das Problem ist, dass im Fernsehen immer nur schlimme Sachen über Afrika gezeigt werden. Die Menschen hier denken, wir kommen aus dem Dschungel.“

Was kommtWelches Schicksal erwartet jene, die aus der Not nach MV kamen? 23080 Menschen wurden 2015 als Flüchtlinge hier  registriert, 18851 von ihnen stellten  Asylanträge, 6000 blieben. 1200 Asylsuchende wurden abgeschoben – die Zahl steigt rasant.

Bischof  Andreas von Maltzahn ruft die Landesregierung  auf, Einzelfälle sorgfältiger zu prüfen – gerade bei jenen, die  über mehrere Jahre hier leben und  weitgehend integriert sind. „Diese Menschen sollten eine bessere Bleibeperspektive haben.“ Stattdessen plagt sie Furcht und Ungewissheit.

„Ich habe immer noch Angst, dass die Polizei kommt“, sagt Marianna. Was dann? „Zurück in die Ukraine können wir nicht. Und nach Tschechien wollen wir nicht.“ Hier haben sie Arbeit, ihre Familie. „Ich denke, wir sind gut für Deutschland.“

Zurück in die Heimat ist auch für Moussa keine Option. „Wenn ich zurückgeschickt werde, muss ich versuchen, mir eine neue Identität zuzulegen.“ Ansonsten blühe ihm Verfolgung, Gefängnis, vielleicht Schlimmeres. „Aus humanitären Gründen sehe ich ein, dass wir den Menschen helfen müssen. Aber die Kehrseite ist: wir können nicht alle Menschen aufnehmen“, sagt Roland Haacker. Warum versucht man sie mit Ach und Krach zu integrieren, wenn man sie nach Jahren doch wieder abschiebt?“ Moussa sagt: „Wenn ich zurück muss, dann ist das so. Ich möchte endlich wissen, was passiert.“

Und Ibrahim? Sein Weg ist noch lang. „Ich will in Deutschland bleiben und gerne Karriere als Fußballer machen“, sagt er. „Oder als Koch.“ Wolfram Enders wird ihn unterstützen: „Ich denke, wir sollten jeden, der nach Deutschland kommt, unterstützen. Selbst wenn sie wieder in ihre Heimat gehen – ob freiwillig oder nicht – so gehen sie mit einer guten Erinnerung an Deutschland und das kann doch nur förderlich sein.“

Integration gescheitert? Für Marianna, Moussa und Ibrahim ist die Antwort noch ungewiss.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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