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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 09:40 Uhr

Gefangen zwischen Fernweh und Stasi

vom

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erstellt am 03.Aug.2012 | 10:52 Uhr

Rostock | Schließlich erfüllt sich für Andreas ein Traum: Feierlich wird er, obwohl nach einem Unfall schwer behindert, als Hauptamtlicher Mitarbeiter in den Dienst der Staatssicherheit übernommen. Nur wirklich glücklich sieht er dabei nicht aus. Er hat sich diese Karriere mit dem Verrat an seinem engsten Freund Cornelis erkauft, der deshalb seit Jahren wegen versuchter Republikflucht einsitzt…

Toke Constantin Hebbeln, Gewinner des Studenten-Oscars 2007, hat in seinem Diplomfilm "Wir wollten aufs Meer" Themen aufgegriffen, mit denen ein Filmemacher sich der Aufmerksamkeit sicher sein kann: deutsch-deutsche Geschichte, Staatssicherheit, Spitzelei und Verrat. "Ich habe ein Faible für Filme, in denen das Politische in das Private übergreift", sagt Regisseur und Drehbuch-Mitautor Hebbeln.

"Wir wollten aufs Meer", der am 13. September in die Kinos kommt, erzählt die Geschichte von Cornelis (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl), die 1982 als junge Männer im Rostocker Hafen schuften - sie träumen davon, es über den Umweg als Hafenarbeiter als Matrosen zur volkseigenen Deutschen Seerederei (DSR) zu schaffen. Das klappt nicht - bis die Staatssicherheit den beiden Hilfe anbietet, wenn sie ihren Brigadier Matze (Ronald Zehrfeld) bespitzeln und Beweise für dessen Fluchtpläne liefern. Sie sagen zu, aber Cornelis bekommt Gewissensbisse und macht einen Rückzieher. Andreas knickt ein, verrät den Brigadier, während Cornelis sogar dem sanft-diabolischen Stasi-Oberst Seler (Rolf Hoppe) gegenüber standhaft bleibt…

Hebbeln hat Schauspieler der ersten Garde versammelt. Natürlich sei Rolf Hoppe mit seinen 81 Jahren zu alt für die Rolle eines Stasi-Obristen, "aber ich habe dabei immer an den greisen Erich Mielke gedacht. Und ich bin ein Fan von Hoppe", sagt der Regisseur. An dem Projekt haben Hebbeln und Ronny Schalk, von dem das Ur-Drehbuch stammt, vier Jahre lang gearbeitet. "Ronny kam mit einem Haufen Zetteln und für mich war schnell klar: Den Film wollen wir machen", erzählt Toke C. Hebbeln. Später habe er dann noch sechs Monate am Stück recherchiert, vor allem in Rostock bei der dortigen Außenstelle der Stasiunterlagen-Behörde, aber auch am ehemaligen Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin und im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Die Hafenszenen habe man aber nicht in Rostock drehen können, "da hat sich zu viel verändert seit 1990". Es sah schon so aus, als müsste die Crew auf die Lenin-Werft in Danzig ausweichen, da fand sich im Hamburger Museumshafen die gesuchte Szenerie. Hamburg spielt also Rostock.

Trotz der rein fiktiven Figuren: Bei der historischen Authentizität gab es aber keine Kompromisse. Hebbeln: "Viele Zeitzeugen haben uns sehr genau berichtet. Für mich, der ich im Westen groß geworden bin, war es faszinierend, eine Welt zu erarbeiten, die ich nicht kenne."

"Wir wollten aufs Meer" endet nicht mit dem einmaligen Verrat - der Film erzählt, was dieser Verrat mit den Menschen macht und wie er ihr Leben prägt: Cornelis knöpft sich Andy vor, es gibt eine Schlägerei, bei der Andy unter einen LKW gerät. Weil Seler die vietnamesische Freundin Mai von Cornelis verhaften lassen will, wagt das Paar die Flucht, Cornelis wird aber gefasst, weil die Stasi-Schergen noch vor dem Operationssaal Andy zur Kooperation erpresst haben - Mai entkommt. Cornelis landet im selben Gefängnis wie Matze, wo die Aufseher die Gefangenen brutal misshandeln. Das sei keinesfalls übertrieben, betont Hebbeln: "Uns sind von Zeitzeugen Geschichten erzählt worden, die an der Grenze des Vorstellbaren sind. Das Maß an körperlicher Gewalt und des Zugriffs auf Gefangene wollte ich kaum glauben." Sein Film sei der erste Spielfilm, der zum großen Teil im Strafvollzug der DDR spielt. Die Rolle des brutal-korrupten Gefängnisleiters Fromm besetzte Hebbeln mit Thomas Lawinky. Der Schauspieler hatte vor wenigen Jahren Aufsehen erregt, als er zugab, zwei Jahre lang IM gewesen zu sein.

Hebbeln vernachlässigt aber auch die Perspektive der Täter nicht: Andy bleibt nach dem Unfall an den Rollstuhl gefesselt und die Stasi bringt ihn als Hausmeister in einer konspirativen Villa unter, in dem ein hauptamtlicher Stasi-"Romeo" lohnende weibliche Objekte verführt. Um sich für eine Karriere beim MfS zu empfehlen, beginnt Andy, Intrigen zu spinnen, um den Freikauf von Cornelis durch die Bundesrepublik zu verhindern. Erst die Wiedervereinigung bringt Cornelis die Freiheit, ob er Mai und seinen Sohn aber jemals wiedersehen wird, bleibt offen.

Die Stasi nutzt einen Behinderten und macht ihn schließlich zum Hauptamtlichen - ist das realistisch? Er kenne keinen akkurat so gelagerten Fall, sagt Regisseur Hebbeln. Aber: "Die Stasi hat in allen Bereichen IMs angeworben. Und Andreas ist genau die Figur, bei der die Hauptamtlichen den Hebel ansetzen würden."

Hebbeln vermeidet simples Schwarz-Weiß. Es gibt mehrere Nebenfiguren, die sich nicht als der Seite zugehörig entpuppen, auf der man sie als Zuschauer zuerst eingeordnet hatte. Vor allem aber: August Diehl. In mancher Szene erinnert seine Figur des Andy hinter den Überwachungs-Monitoren der verwanzten Villa an Ulrich Mühes Stasi-Offizier Wieseler in Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen". Das sei schon eine Art Hommage, sagt Hebbeln. Nur, dass Andy den umgekehrten Weg geht, sich immer tiefer in das Gestrüpp aus Zersetzung und Verrat verstrickt. Eine Erlösung gönnt Hebbeln der Figur des Andy nicht.

Aber er zeichnet ihn auch nicht als so skrupellosen Täter wie Hoppes Stasi-Obristen. Der Zuschauer kann Andy nicht ohne weiteres verdammen, zu unangenehm ist es, sich zu fragen: Hätte ich an seiner Stelle widerstanden? Diese Grautöne seien gewollt, sagt Hebbeln: "Die Beurteilung dessen, was jemand getan hat, lässt sich immer nur am konkreten Fall vollziehen." Und überhaupt: "Uns, die wir aus dem Westen kommen, steht ein Pauschalurteil gar nicht zu."

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