Kiew/Warschau : Gefangen im Schmuggler-Express

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Das dumpfe Rollen der Schiebetür beendet die Ruhe dieser Nacht. Im Gegenlicht, das vom Gang in das Dunkel des Schlafwagenabteils dringt, zeichnet sich eine unförmige Gestalt ab.

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22. Oktober 2011, 04:11 Uhr

Das dumpfe Rollen der Schiebetür beendet die Ruhe dieser Nacht. Im Gegenlicht, das vom Gang in das Dunkel des Schlafwagenabteils dringt, zeichnet sich eine unförmige Gestalt ab. Der Körper in dem Umhang wirkt quadratisch, der Kopf darauf winzig. Der Mann tritt ein, schließt die Tür und macht sich im Schein einer Taschenlampe an den oberen Liegen zu schaffen. Die beiden unteren belegen ein junger Ukrainer und ich.

Es ist die Stunde vor Mitternacht. Der Zug von Kiew nach Warschau hält ungewöhnlich lange auf einem kleinen ukrainischen Bahnhof. Schließlich setzt er sich ruckartig wieder in Bewegung. Der Unbekannte hält die Halogenleuchte mit den Zähnen. Die Last des Umhangs hat er abgelegt. Klein und drahtig, wie er nun ist, biegt er sich kniend nach hinten, um die Deckenverkleidung abzuschrauben.

Die Angst sitzt im Nacken Ein Schauer kriecht mir in den Nacken, genährt aus der Erkenntnis: In unserem Abteil hat sich ein Schmuggler einquartiert. Wird er die Ware verstecken und den Zug vor der Zollkontrolle wieder verlassen? Gehört der zweite Mann im Abteil zu ihm? Doch die Dinge klären sich schnell. Der Schmuggler verstaut die Zigarettenstangen, die er im Schutz des Umhangs in den Zug gebracht hat, in einem Hohlraum unter der Wagendecke. Mein Bettnachbar schaltet seine Leselampe ein. Der Schreck steht auch ihm ins Gesicht geschrieben.

Kurzentschlossen verlasse ich das Abteil. Auf dem Gang herrscht hektische Betriebsamkeit. Es dauert einige Sekunden, bis ich die ganze Wahrheit erfasse. Im gesamten Wagon schrauben Männer Wandverkleidungen und Lüftungsgitter ab, zerlegen Heizkörper und präparieren die Polster der Pritschen. In jede noch so kleine Ritze stopfen sie Zigarettenschachteln. Die Schmuggler müssen zugestiegen sein, als die wenigen Passagiere aus Kiew schon schliefen. Ich taumele zur Toilette, doch dort haben zwei Männer eine Räuberleiter gebildet und öffnen die Decke. „Alles klar?“, fragt mich der Kräftigere, der unten steht. Hinter mir eine weitere Stimme: „Dir ist doch alles klar?“, wiederholt mit drohendem Unterton die ukrainische Zugbegleiterin, die auch zur Bande gehört.

Ja, mir ist alles klar: Ich bin in eine Kommandoaktion der Zigarettenmafia geraten. Und für den Augenblick bin ich den Schmugglern ausgeliefert. Der Zug aber schaukelt im klopfenden Gleichklang der Schwellen auf die Grenze zu.

Am Kontrollpunkt Jagodin/Dorohusk beginnt seit dem polnischen Beitritt im Jahr 2007 der Schengenraum. Wer hier in die Europäische Union einreist, kann sich zwischen dem Nordkap und Sizilien frei bewegen. Das hat Nebenwirkungen. Eine Schachtel Zigaretten, die auf einem ukrainischen Markt umgerechnet 50 Cent kostet, lässt sich in Warschau für das Fünffache verkaufen. In Deutschland zahlen Raucher das Zehnfache, in Großbritannien sogar acht bis neun Euro pro Packung.

Jeder zehnte Glimmstengel ist illegalDie unverzollte Einfuhr von Tabakwaren in die EU ist verboten. Dennoch gehen Experten davon aus, dass jede zehnte der jährlich in der EU gerauchten rund 500 Milliarden Zigaretten geschmuggelt ist. Bei einem Gewinn von mehreren Euro für eine Packung sind hohe Milliardensummen im Spiel. Genug Geld, um Schaffner und Zollbeamte zu bestechen und für eine ausgefeilte Logistik zu sorgen.

Im gekaperten Nachtzug von Kiew nach Warschau beendet die Bande ihre Arbeit kurz vor Jagodin. Alles ist verstaut, das Wageninnere wieder hergerichtet. Der Mann mit dem Umhang macht es sich auf einer der oberen Liegen bequem. Dann öffnet sich rumpelnd die Schiebetür, und die Zugbegleiterin raunt ihm zu: „Keine Kontrolle heute.“ Irgendjemand muss per Handy Entwarnung gegeben haben. Wenig später betreten erst ukrainische, dann polnische Grenzbeamte den Wagen und prüfen flüchtig die Pässe der Reisenden. Der Zoll lässt sich nicht blicken.

Was folgt, wirkt wie Routine. Lange bevor der Zug gegen 6 Uhr das polnische Lublin erreicht, läuft die Entlade-Operation. Die Männer schrauben unter Hochdruck die Wände und Decken auf, montieren Lampenfassungen ab und entfernen mit Brecheisen die Verschalung der Heizungen.

Als der Morgen graut, wirken ihre zerfurchten Gesichter zusehends finster. Die meisten Männer sind tätowiert. Es sind Kleinkriminelle, die hier die Drecksarbeit verrichten. Sie haben den Zug buchstäblich bis unter das Dach mit Schmuggelware vollgestopft, die sie nun wieder hervorholen und in Müllsäcken bei ungeplanten Zwischenstopps auf offener Strecke entladen.

Teezeremonie mit Kriminellen

Jurij, wie mein Bettnachbar und Leidensgenosse heißt, sitzt blass neben mir. Er mag Anfang 30 sein. Sie behandeln uns gut. Die Zugbegleiterin bringt Tee. Wir müssen das Abteil wechseln, weil wir die Aufräumarbeit behindern. Bevor wir in Warschau einfahren, verlässt auch der Mann im Umhang den Zug. „Jungs“, sagt er zum Abschied, „ich hoffe, wir haben euch nicht gestört.“ Aus den Worten spricht die Sicherheit, nicht entdeckt werden zu können, weil eine schützende Hand im Hintergrund die Fäden zieht.

Dann sind wir frei, und ich warte darauf, dass ich aus diesem Albtraum erwache. Doch alles ist real. Wen muss die Bande im Beamtenapparat beiderseits der Grenze bestochen haben, um eine derartige Aktion ungestört abrollen zu lassen? Auch die Bahn muss im Spiel sein, denn das Entladen auf offener Strecke erfordert Koordination. Woher hatten die ukrainischen Kriminellen ihre Visa, die für eine Einreise in die EU nötig sind? Und wer sind die Hintermänner?

Es zieht mich zurück an den Ort des Geschehens, an die 535 Kilometer lange EU-Grenze zwischen Polen und der Ukraine. In offizieller Mission besuche ich den größten Kontrollpunkt Medyka bei Przemysl. Dort fertigen die Beamten von Kommandant Grzegorz Kasprzyk täglich rund 10 000 Personen ab. Doch „Schmuggel existiert hier nicht“, behauptet Kasprzyk. Er nimmt eine tadellose militärische Haltung an und fügt hinzu: „Alle Fälle von versuchter Bestechung werden von unseren Beamten zur Anzeige gebracht.“ Kaum ein Dutzend solcher Delikte habe es 2010 gegeben. Das Thema ist Kasprzyk sichtlich unangenehm.

Er führt lieber die High-Tech-Instrumente seiner Grenzschützer vor: Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras, Drogenscanner. Im vergangenen Jahr investierte Polen mehr als 30 Millionen Euro in moderne Fahndungstechnik. Doch dies hat nur den Strom der Kleindealer gebremst. Man nennt sie Ameisen, weil sie sich abrackern für einen winzigen Zuverdienst. Meist sind sie zu Fuß unterwegs und bringen in der 30-Kilometer-Zone des kleinen Grenzverkehrs geringe Mengen Tabak und Wodka nach Polen.

Doch die Basare verlieren an Kundschaft. „Das lohnt sich nicht mehr“, sagt ein Händler in Przemysl. Ukrainische Schmuggelzigaretten werden dort in Schuhkartons gehortet. „Das Geschäft machen die Großen“, erklärt der Mann. Und die Grenzkontrollen? „Jeder ist käuflich, auch Polizisten und Beamte, die Visa ausstellen.“

Ausweichmanöver von allen Seiten

Die Behörden selbst blocken alle Fragen nach Bestechung ab oder schieben den Schwarzen Peter weiter. Die EU-Antikorruptionseinheit OLAF verweist auf die Verantwortung der Mitgliedsstaaten. Im polnischen Innenministerium heißt es: „Wenden Sie sich an die Grenzbehörden oder den Generalstaatsanwalt.“ Doch der schweigt sich lieber aus. Und in Przemysl tragen die Fahnder den Leitspruch vor sich her: „Wir haben kein Herz, wir haben nur eine Dienstmarke.“ Sie behaupten auch, Züge aus der Ukraine im Verdachtsfall von oben bis unten auseinanderzunehmen.

Doch was nützt es, wenn die Fahnder zur falschen Zeit am richtigen Ort sind? Entdeckt wurden in Polen im vergangenen Jahr 563 Millionen illegal eingeführte Zigaretten. Nach einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) wurden aber allein in Deutschland in diesem Zeitraum 4,5 Milliarden Schmuggelzigaretten geraucht. Der Fiskus erlitt dadurch einen Verlust von rund einer Milliarde Euro.

Als Haupteinfallstor für die Ware gilt die Ukraine, in deren Schwarzmeerhäfen gefälschte Marken-Tabakprodukte aus China anlanden. Der Weitertransport läuft meist über Polen oder Rumänien. Ein Grenzschutzbeamter verdient in Polen rund 900 Euro brutto im Monat. Lokführern, Zugbegleitern, Lkw-Fahrern und Zöllnern geht es nicht besser. „Sie alle sind in die Mafia-Strukturen verstrickt“, behaupten Kenner der Szene. Sie nennen als Drahtzieher „jene Leute, die sonst mit Waffen, Frauen und Drogen dealen.“

Laut HWWI steht beim Tabakschmuggel eine Gewinnspanne von 900 Prozent einem Entdeckungsrisiko von 5 Prozent gegenüber. Das ist bei weitem einträglicher und risikoärmer als Drogenhandel.

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