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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 08:59 Uhr

Blindgänger : Gefahr lauert unsichtbar

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kriegsmunition in Boden und Meer. In Schwerin werden derzeit tonnenweise Kampfmittel geborgen.

In Schwerin wird derzeit massenhaft gefährliche Geschichte weggeräumt. Auf der Erweiterungsfläche des Technologie- und Gewerbezentrums (TGZ) suchen Experten im Auftrag des Munitionsbergungsdienstes von MV nach militärischen Hinterlassenschaften. Seit Ende August wurden dort laut Innenministerium rund 16 Tonnen Kampfmittel geborgen. Quadratzentimeter für Quadratzentimeter wird das gut sieben Hektar große Gelände nach Blindgängern und Munition abgegrast, wie es hieß. Der ausgehobene Boden werde komplett durchgesiebt, Magneten sammelten sämtliches Metall heraus.

Zuständig für die Erdarbeiten ist das Unternehmen Schollenberger aus dem niedersächsischen Celle. Pro Tag werden maschinell rund 800 Kubikmeter Bodenaushub auf Kleinmunition hin untersucht, wie Bauleiter Jens Conrad erklärte. Etwa die Hälfte der einst militärisch genutzten Fläche wurde bisher beräumt, bis Mitte Januar soll der übrige Teil geschafft sein. Im März sollen Erschließung und Straßenbau beginnen, wie TGZ-Geschäftsführer Klaus Seehase ankündigte. Drei Hightech-Firmen hätten Interesse an einer Ansiedlung bekundet.

Hintergrund der extrem starken Belastung der Fläche mitten im Wohngebiet „Gartenstadt“ ist eine Großexplosion in den 1980er-Jahren, bei der Munitionsteile weit verstreut wurden, wie Frank Treichel vom Munitionsbergungsdienst sagte. So seien jetzt Infanteriemunition, Granaten, Handgranaten, Minen und panzerbrechende Waffen geborgen worden. Fast alle Funde stammten von sowjetischen Streitkräften, die dort einen Technikpark betrieben, erklärte Treichel. 90 Prozent seien Übungsgeschosse, der Rest scharf.

Jedes Jahr werden in MV tonnenweise Kampfmittel gefunden und beseitigt. Aber nicht nur die Hinterlassenschaften des Ersten und vor allem des Zweiten Weltkrieges lauern unsichtbar noch immer als Gefahren. Auch alte Truppenübungsplätze der DDR-Volksarmee und der sowjetischen Streitkräfte sind teils noch verseucht, wie etwa im TGZ Schwerin. Im Nordosten stehen drei Einsatzteams rund um die Uhr für das Bergen von Munition bereit. Es gibt zwei Zerlegebetriebe, einen in Jessenitz bei Lübtheen (Landkreis Ludwigslust-Parchim) und einen weiteren in Mellenthin auf der Insel Usedom.

2013 wurden landesweit knapp 55 Tonnen Kampfmittel freigelegt, entschärft und vernichtet. Auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sei weiter unklar, wie viel Munition und Blindgänger in Boden oder Wasser vor sich hin rosten, erklärte Robert Mollitor, Leiter des Munitionsbergungsdienstes. In jedem Fall würde die Kampfmittelbeseitigung noch Generationen beschäftigen.

Von den insgesamt knapp 160 000 Hektar entfallen 42 000 Hektar auf die höchste Gefährdungskategorie 4, dort sei eine Beräumung dringend notwendig. Etwa 65 000 Hektar belastete Gebiete befinden sich in der Ostsee vor der Küste von MV, wenngleich hier wegen der Wassertiefen keine akuten Gefahren für Menschen bestehen, wie Experten glauben.

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