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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 16:42 Uhr

Stralsund : Gedenken nicht missbrauchen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stralsunder mobilisieren gegen NPD-Aufmarsch am 70. Jahrestag der Bombardierung ihrer Heimatstadt

svz.de von
erstellt am 10.Okt.2014 | 20:58 Uhr

Politiker, Gewerkschafter, Studenten, Künstler und Kirchen haben dazu aufgerufen, gegen einen „Trauermarsch“ der NPD zu protestieren, zu dem sich die Rechtsextremisten heute am späten Nachmittag in Stralsund treffen wollen. Anlass des rechten Aufmarsches ist die Bombardierung der Hansestadt im Oktober vor 70 Jahren. Die Polizei will mit verstärkten Kräften dafür sorgen, dass sich die Rechtsextremen und die Gegendemonstranten in der historischen Altstadt nicht zu nahe kommen.

Die NPD wolle nicht der Toten gedenken, „sondern hetzen und das Ansehen unserer Stadt besudeln“, so die Stralsunder SPD-Bundestagsabgeordnete Sonja Steffen. Sie hat im Namen eines Bündnisses „Stralsund Nazifrei“ ein „Demokratiefest“ vor der Jacobikirche angemeldet. Geplant sind zudem zahlreiche Mahnwachen und spontanes Straßentheater. Bereits am frühen Nachmittag soll es ein Drachenfest im Strandbad und ein Kinderfest im Stadtteil Knieper West geben.

Das Bündnis will „einen familienfreundlichen und gewaltfreien Protest“ gegen die NPD-Veranstaltung ermöglichen und eine „angemessene Auseinandersetzung mit unserer gemeinsamen Geschichte befördern“, heißt es von der Initiative „Rock gegen Rechts Stralsund“. Die Grünen finden, die NPD wolle „mit ihrer geschichtsrevisionistischen und menschenverachtenden Propaganda“ durch Stralsund ziehen und die deutsche Kriegsschuld in einen Opfermythos verkehren; dagegen müsse protestiert werden. Die Stralsunder Kirchengemeinden laden unterdessen gemeinsam mit dem Stralsunder Oberbürgermeister Alexander Badrow zu einem ökumenischen Friedensgebet in die St. Marienkirche ein.

Die NPD hat 120 Teilnehmer für ihren „Trauermarsch“ angemeldet. Gleichzeitig will sie gegen die USA und für Russland im Ukraine-Konflikt Stellung beziehen. Aus Brandschutzgründen darf die NPD höchstens 15 Fackeln durch die Stralsunder Altstadt tragen.

Die Polizei rechnet mit „mehreren Hundert“ Gegendemonstranten. Angesichts zahlreicher möglicher Berührungspunkte beider Seiten sind die Einsatzkräfte „auf alle Eventualitäten vorbereitet“, so eine Polizeisprecherin.

Am 6. Oktober 1944 hatten über 100 Kampfflugzeuge der alliierten Gegner Nazi-Deutschlands 90 Minuten lang Brand- und Sprengbomben über Stralsund abgeworfen – mit denen eigentlich Stettin bombardiert werden sollte. Daran wurden die Piloten durch schlechtes Wetter gehindert. 800 Einwohner Stralsunds verloren an diesem späten Vormittag vor 70 Jahren ihr Leben. Große Teile der Innenstadt lagen in Trümmern. Manche Lücken in den Straßenzügen sind noch heute zu erkennen.

Die Stadt gedachte bereits am vergangenen Montag der Toten von vor 70 Jahren. Um 12 Uhr läuteten die Glocken der Kirchen. Abends füllte sich die Jakobikirche zum Friedensgebet. Dabei wurde auch an die 550 Menschen erinnert, die 1940 bei deutschen Luftangriffen auf das englische Coventry getötet wurden.


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