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Buchvorstellung : Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Buch von Jochen Schmidt ist ein bunter Roadtrip durch die Republik

svz.de von
erstellt am 06.Feb.2016 | 16:00 Uhr

Soll noch mal einer sagen, in der DDR habe es keine Bananen gegeben. Noch heute erinnert sich der 1970 geborene und in Ostberlin als „Zonenkind“ aufgewachsene Jochen Schmidt nur zu gut daran, wie er als Cowboy an Fasching keinen Colt tragen durfte, stattdessen von den pazifistischen Erzieherinnen im kirchlichen Kindergarten als Ersatz eine Banane in die Hand gedrückt bekam. In der Hauptstadt der DDR war eben so manches möglich, was andernorts unvorstellbar gewesen wäre.

Nach dem Mauerfall tourte Schmidt um den Globus. „25 Jahre war ich in der ganzen Welt unterwegs, aber auf die Idee, durch meine alte Heimat zu reisen und nachzusehen, was davon geblieben ist, komme ich erst jetzt.“ So entstand seine „Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland“, in der sich der Mitbegründer der Berliner Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“, wie er schreibt, auf „subtile Jagden nach Resten von DDR-Ästhetik“ begibt. Dabei macht er skurrile Entdeckungen und gibt so manch herrliche Anekdote zum Besten. Als Reiseführer im engeren Sinn taugt das Buch zwar nicht. Aber weil Schmidt sich immer wieder an seine Kindheit erinnert und so wohltuend normal erzählt, sei es jedem wärmstens empfohlen.

In der Schweriner Plattenbausiedlung Großer Dreesch macht er sich auf die Suche nach einer der westlichsten Lenin-Statuen Europas. Bürgerrechtler wollten den Revolutionär 2014 verhüllen. Die Stadt lehnte das ab, weil jemand bei der Aktion von der Leiter fallen könnte. Erst als ein Gericht entschied, dass man die Leiter ja festhalten könne, wurde die Aktion genehmigt. In Magdeburg dagegen fällt Schmidt eine Ernst-Thälmann-Figur mit „flachem Hintern“ auf, die früher mal vor einer Wand des Schwermaschinenkombinats gestanden hat. Und vom riesigen Karl-Marx-Kopf in Chemnitz weiß er zu berichten, dass der früher zu DDR-Zeiten gierigen Blickes geradewegs auf einen Intershop starrte.

Das Buch ist ein bunter Roadtrip durch die Republik. In Warnemünde übernachtet der Autor im Hotel „Neptun“, dessen Direktor es früher in der Mangelwirtschaft schaffte, die „Speisekarte zu beleben“, indem er mit landwirtschaftlichen Betrieben findig Naturalien gegen Hotelzimmer tauschte. In Beeskow sucht er das ehemalige Ernst-Thälmann-Hotel, das angeblich „ET“ genannt wurde, weil es „ähnlich unerreichbar“ war wie der Außerirdische. Während er in Schwedt, wo Plattenbauten reihenweise „zurückgebaut“ werden, den Reisenden dazu rät, bei der Suche nach einer Unterkunft darauf zu achten, dass die über Nacht nicht abgerissen wird.

Ebenfalls in Schwedt schleicht Schmidt sich ins Theater, um ein Wandbild des Künstlers Ronald Paris („Triumph des Todes, Triumph des Lebens“) zu sehen, das nicht entsorgt werden konnte, weil es nicht durchs Fenster passte, weswegen der Intendant es kurzerhand verhängen ließ. Keinen schert es, dass der Autor mit seinem Begleiter durch Haus und Garderoben der Uckermärkischen Bühnen huscht. „Vermutlich könnten wir hier sogar ein Stück inszenieren, ohne aufzufallen.“

Egal, ob die letzte original erhaltene DDR-Sauna im Chemnitzer „Mercure“-Hotel („Bazillentunnel“). Oder der früher als „Dampfschiff“ bezeichnete Plattenbau in Sömmerda (weil die Wohnungen darin anfangs mit einer alten Dampflokomotive beheizt wurden), der heute leer steht und nur nicht abgerissen wurde, weil jemand die Miete für die Mobilfunkantenne auf dem Dach kassiert: Schmidt spürt den Relikten eines verschwundenen Landes nach und weiß viel zu erzählen.

Beispielsweise von der Wohnung eines Lehrers in Friedland, die nach dessen Tod einfach zum DDR-Museum erklärt wurde. Oder vom „Roten Turm“ in Chemnitz, dessen Form Modell für die „Fit“-Flasche gestanden haben soll. Dabei ist sich der Autor auch nicht zu schade, so manchen Kalauer zum Besten zu geben. Wer weiß heute denn noch, welches der wichtigste Buchstabe war, damals in der DDR? Na, ganz klar: „Das W, sonst hieße es ja Alter Ulbricht, Affenbrüderschaft und Arschauer Vertrag.“

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