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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 21:07 Uhr

Nach der Wende : Geboren 1990

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die innerdeutsche Grenze ist ihnen fremd. Sie sind 1990 geboren; in einem vereinten Deutschland aufgewachsen. Drei Volontäre schreiben über ihre Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse im vereinten Deutschland.

svz.de von
erstellt am 02.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 25. Mal. Ein guter Moment, um auf die Zeit der Berliner Republik zurückzublicken. Drei Volontäre unserer Zeitung, aus Ost und West, schreiben über ihre Erfahrungen, Gefühle und Erlebnisse im vereinten Deutschland.

Sommermärchen in Deutschland - Fußball-WM 2006: Ein Volk erfindet sich neu
von Sebastian Schramm

Fußball verbindet. Zugegeben: Keine besonders originelle Erkenntnis. Doch in den Wochen der Weltmeisterschaft 2006 geschah Außergewöhnliches. Deutschland, 16 Jahre wiedervereint, entdeckte sich neu, vielleicht zum ersten Mal. War für vier Wochen Ausrichter einer riesigen Party. Auf den Fanmeilen lagen sich wildfremde Menschen glückstrunken in den Armen, schwarz-rot-goldene Flaggen gehörten zur Grundausstattung, wedelten an Autos, hingen von Balkonen. Ein neuer Patriotismus, angestoßen durch König Fußball. Deutschland war hip – von einem Tag auf den anderen.

Ich war 15 Jahre alt, als die deutsche Mannschaft dem Land ein neues „Wir-Gefühl“ einhauchte. Neunte Klasse in Stralsund, Teenager: Erstmal die Welt entdecken. Die Geschichte der Teilung kannte ich nur aus der Schule und den Erzählungen meiner Familie. Vorurteile oder gar eine Abneigung gegenüber dem „Westen“ hatte ich als „Ossi“ nicht, warum auch? Ich war im vereinten Deutschland aufgewachsen. Mir war es gleich, ob Michael Ballack nun der erste „ostdeutsche“ Kapitän einer gesamtdeutschen Nationalmannschaft war oder nicht. Er war einfach unser „Capitano“.

Und trotz meines zarten Alters habe ich gespürt: Irgendetwas verändert sich. Nach dem emotionalen Sieg über Polen in der Vorrunde lernten wir in der Schule die deutsche Nationalhymne – der Musiklehrer meinte, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt. Vor dem Achtelfinale gegen Schweden montierte mein Vater zwei Deutschland-Fahnen an unser Auto. Das letzte Mal, dass er so viele Fahnen gesehen hätte, war nach der Wiedervereinigung, sagte er.

Fragt mich jemand nach dem schönsten Erlebnis der WM, waren es aber nicht die Siege, sondern der Umgang mit der Niederlage. Das so perfektionistische Deutschland, bei der eigenen WM im Halbfinale herzzerreißend gescheitert, feierte sich einige Tage später für einen 3. Platz – emotionalisiert und dankbar für das Erlebte.

Wahrscheinlich war die ehrliche Freude für das gesamte Deutschland nur von kurzer Dauer. Vielleicht galt sie auch nur der Mannschaft und nicht der Nation. Probleme, die aus der Wiedervereinigung resultierten, gibt es noch heute. Sie gab es vor neun Jahren und sie wird es auch in neun Jahren geben. Trotzdem ist die WM 2006 ein Meilenstein in der gesellschaftlichen Entwicklung seit 1990. Ein ganzes Volk hat gezeigt, dass es offen, freundlich und tolerant ist – vor allem sich selbst. Ein echtes Sommermärchen. Für das Land und mich persönlich.


Liebesperlen für fünf Mark - Währungsreform 2002: Und plötzlich war der Euro da
von Josefine Rosse

Ich bin ein waschechtes Stadtkind. Wirklich. Rostockerin durch und durch. Doch wenn ich an die Zeit denke, die ich bei meinen Großeltern auf dem Land verbrachte, muss ich unwillkürlich lächeln. Meine halbe Kindheit war ich auf dem Dörp zu Hause. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass „Gülle“ zu meinen ersten Worten gehörte. Der Geruch steigt mir noch heute in die Nase, wenn ich an meine Sommerferien auf dem Land denke. Dort habe ich gelernt, dass Kühe nicht lila sind, dass man von dem Saft des Löwenzahns schwarze Finger bekommt und wie man Kartoffelfelder umgräbt. Ich habe mit Oma gekocht und gebacken – und wenn eine Zutat fehlte, wurde ich zum Konsum geschickt – mit fünf Mark in der Hand.

Generell spielten die fünf DM eine große Rolle in meiner Kindheit. Mein Großvater pflegte ein Ritual: Immer, wenn ich zu Besuch kam, zitierte er mich an seine Seite. Wir redeten eine Weile. Am Ende steckte er mir die silberne Münze zu, mit der ich später die Heldin am Kiosk war. Was man nicht alles für fünf Mark bekam – super saure Center Shock-Kaugummis, klebrige Bambina-Schokolade oder zuckersüße Liebesperlen. Als Kind dachte ich, dass ich mir für fünf Mark die ganze Welt kaufen könne. Mein Opa gab mir übrigens nie die grünen Scheine, sondern immer nur die großen runden Münzen.

Das Ritual endete im Jahr 2002. Zum 1. Januar wurde der Euro eingeführt. Es handelte sich um die größte Währungsumstellung aller Zeiten. Sie erfolgte in zwölf Ländern gleichzeitig. Meine ersten Euro-Münzen zeigte mir – wer hätte das gedacht – mein Opa. Er besorgte das Eurostarterkit, tauschte 20 D-Mark und bekam dafür 10,23 Euro. In dem Plastiktütchen waren zwei Zwei-Euro-Münzen, drei Ein-Euro-Münzen, jeweils vier 50- und 20-Centmünzen, zwei Fünf-Cent-Münzen und jeweils ein Zwei- und Ein-Cent-Stück. Der Euro wirkte für mich damals wie Spielgeld. Unwirklich. Und ganz anders als meine bekannten und wert geschätzten fünf Mark. Gut zu verwenden für das Monopoly-Brettspiel und nicht für den Kiosk-Ausflug.

Mit der neuen Währung begannen plötzlich alle alles umzurechnen. Der Euro habe alles teurer gemacht, hörte ich von vielen Seiten. Für mich hat er einiges leichter gemacht. Zum Beispiel das Reisen. Ich bin in einem Deutschland aufgewachsen, in dem es keine Grenzen gibt – auch nicht nach Europa. Die Welt verändert sich. Täglich. Ich habe das akzeptiert. Mittlerweile gibt es keinen Konsum mehr im Dorf meiner Großeltern. Mittlerweile gibt es nicht mal mehr meinen Opa. Meine Erinnerungen bleiben. Schöne Erinnerungen, die immer dann lebendig werden, wenn ich Gülle rieche, eine Bambina-Schokolade sehe, an der Kasse stehe und mit Euro-Münzen bezahle oder wenn ich den Kuchen meiner Oma koste. Denn der schmeckt immer noch wie vor 25 Jahren.


Bananen, Borussia, Betonklotz - 25 Jahre voller Südfrucht-Witze, DFB-Pokal-Endspiele in Berlin und einem Leben in der Platte
von Volker Raab

Geboren wurde ich am 9. März 1990 in der Bundesrepublik Deutschland – ungefähr ein halbes Jahr vor der Wiedervereinigung Deutschlands. Mit dieser wurde die DDR faktisch abgeschafft. Witze über die Deutsche Demokratische Republik überdauerten diese jedoch um viele Jahre und Jahrzehnte.

„Wie erkennt man den Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland? Man legt eine Banane auf die Mauer. Dort wo sie abgebissen wurde, ist die DDR.“ So, oder so ähnlich lautet meine erste Erinnerung an den ehemaligen deutschen Parallelstaat. Ich wusste als Kind natürlich nicht um die Dimension der Wiedervereinigung und über die Geschichte der zwei deutschen Staaten Bescheid. Eines wusste ich allerdings: Ossi-Witze sind lustig.

Das erste Mal „vor Ort im Osten“ war ich im Familienurlaub 1995 im Elbsandsteingebirge. Schöne Landschaften, gutes Essen und nette Leute. Fast so wie daheim. Nur die Leute sprechen „komisches“ Deutsch. Und im Supermarkt gab es zur Verwunderung meiner selbst sogar Bananen. Komischer Witz. Vom typischen Ost-West-Gehabe konnte ich als Kind seinerzeit kaum etwas feststellen: Zu mir war jeder freundlich. Warum sollte man einem fremden Fünfjährigen auch böse sein?

Einige Jahre später erlebte der Bananen-Witz jedoch ein Revival: Als ich mit der Borussia aus Dortmund beim Pokalfinale 2008 in Berlin war: In „Tradition“ zum Pokalfinale 1989, als die Borussen-Anhänger mit aufblasbaren Bananen im Berliner Olympiastadion für den ein oder anderen gelben Farbtupfer im Rund sorgten, schwenkte ich 2008 selbst eine Gummi-Banane im Fanblock. Mit dem Pokalerfolg wurde es leider nichts, die Bayern waren zu stark für meinen BVB. Vier Jahre später wiederholte sich jedoch der Lauf der Geschichte – diesmal mit einem besseren Ende für die Schwarz-Gelben und einem überglücklichen Bananen-Schwenker in der Kurve des Stadions.

Mittlerweile bin ich, ursprünglich Mittelfranke aus der Nähe von Nürnberg, in Schwerin gelandet. Nach kurzer Eingewöhnungszeit bin ich heimisch geworden und merke nach 25 Jahren Wiedervereinigung kaum noch etwas von der Ost-West-Mentalität. Trotz meiner Wohnung im stilechten Plattenbau, einem vierstöckigen Betonklotz. Einzig mit den neuen Mitarbeitern werden hier und da mal Späße auf Kosten der Herkunft gemacht – aber vom Klassenfeind der damaligen Zeiten ist da nichts zu finden.

Ossi-Witze hört man kaum noch. 25 Jahre sind eine lange Zeit, wenngleich auch viele Statistiken noch den Unterschied zwischen „alten“ und „neuen“ Bundesländern aufzeigen. Nach der Arbeit kaufe ich mir täglich mein Abendessen. Unter anderem auch jeden Abend eine Banane. Im Osten.
Komisch.

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