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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 13:22 Uhr

Schwerin : Garantiert nicht mit links

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jan Schreiber aus Schwerin will unbedingt bei den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio starten – und er träumt von Inklusion auch im Schwimmbecken

svz.de von
erstellt am 30.Okt.2017 | 11:55 Uhr

„Nein, Schwimmhäute wie bei Entenfüßen sind mir noch nicht gewachsen.“ Jan Schreiber muss jedes Mal lachen, wenn ihn Außenstehende fragen, ob die fünf Stunden, die er täglich im Wasser verbringt, ihm denn nicht irgendwie schaden. Seine Mutter Marita muss auch lächeln: „Ja, das fragt man sich schon bei der ganzen Zeit, die er im Chlorwasser ist. Aber seine Haut steckt das ohne Probleme weg.“ Weniger gut tun die vielen Trainingseinheiten im Schwimmbecken den Badehosen und Schwimmbrillen: „Die greift das Chlorwasser schon mächtig an, alle zwei Monate müssen wir neue kaufen“, erzählt die Mutter.

Schwimmen ist die ganz große Leidenschaft des 16-jährigen Schweriners – eine Leidenschaft, der er inzwischen fast alles andere unterordnet. Nicht nur, dass er bereits mit 13 von zu Hause aus und ins Internat gezogen ist. Zu rauchen, Alkohol zu trinken oder gar Drogen auszuprobieren wie andere Jungen in seinem Alter , kommt für ihn nicht in Frage. Denn Jan will 2020 für Deutschland bei den Paralympischen Spielen in Tokio starten. Dafür trainiert er im Olympia-Stützpunkt in Potsdam – und in einer Trainingsgruppe mit Torben Schmidtke, der ebenfalls aus Schwerin stammt und der bei den Paralympiks 2012 in London Zweiter und vier Jahre später in Rio Dritter über 100 Meter Brust wurde. „Torben ist mein großes Vorbild“, gesteht Jan. „Und ich habe von ihm auch schon echt viele Tipps bekommen.“

Fünf Stunden trainieren die Para-Schwimmer an fast jedem Wochentag, vormittags zwei, nach der Schule drei Stunden lang. Und auch an den meisten Wochenenden wird geschwommen, entweder bei Wettbewerben oder in weiteren Trainingseinheiten. Jan macht das, verglichen mit vielen anderen Leistungssportlern, erst seit relativ kurzer Zeit. Im September 2013 wechselte er aus Schwerin nach Potsdam. Doch in dieser Zeit hat Jan schon eine Menge erreicht: Seit 2014 hat er bei Deutschen Kurzbahnmeisterschaften (DKM) oder Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) sowie Landesmeisterschaften insgesamt 32 Gold-, 20 Silber-und 30 Bronzemedaillen erkämpft. Seit 2016 gehört er wegen seiner sehr guten Leistungen als Übergangskader (D/C-Kader) zur Jugendnationalmannschaft. Mit ihr will er im kommenden Jahr bei den Jugend-Europameisterschaften starten. Auf seiner Paradestrecke 100 Meter Brust hat er mit 1:03 die geforderte Zeit – die sechstbeste in Europa – bereits erreicht. Über 200 Meter Lagen und 400 Meter Freistil will er sich unbedingt auch qualifizieren.

Wettkämpfe wie die Europäischen Jugendspiele in Genua helfen ihm dabei. Anfang Oktober hat er dort zwei vierte, zwei fünfte und einen achten Platz belegt. „Über 100 Meter Brust war ich nur drei Hundertstelsekunden vom dritten Platz entfernt, das hat mich schon sehr geärgert“, erzählt Jan rückblickend. Er ist davon überzeugt: Wäre er einer anderen Startklasse zugeordnet worden, hätte es fürs Medaillentreppchen gereicht. Doch es gebe leider keine einheitlichen Kriterien für die Klassifizierung, deshalb sei er mit seiner Behinderung in die Startklasse 10 eingeordnet worden, ein anderer Starter mit demselben Handicap aber in die 9. Je niedriger die Startklasse sei, umso höher sei die Punktzahl, die ein Schwimmer für dieselbe Zeit bekäme. „Wenn wir als erste am Beckenrand anschlagen, heißt das deshalb noch nicht, dass wir auch gewonnen haben“, verdeutlicht er das schwierige Bewertungsszenario bei Behinderten-Schwimmwettkämpfen.

Mit dem Schwimmen begonnen hat Jan am Mecklenburgischen Förderzentrum für Körperbehinderte in Schwerin-Lankow. Dort wurde er eingeschult, weil ihm von Geburt an die linke Hand fehlt. Ein Handicap, mit dem er inzwischen sehr selbstbewusst umgeht – genauso wie mit den Reaktionen Fremder darauf. Ja, es gebe Menschen, die sich von ihm abwenden würden, erzählt er. Aber die seien es dann auch nicht wert, dass er ihnen hinterhertrauere. „Jeder Mensch ist doch auf seine Art speziell“, meint Jan – „der gesunde genauso wie der körperlich oder geistig behinderte.“

Wenn jemand ehrliches Interesse zeigt, erklärt ihm der junge Mann, was mit ihm los ist – auch wenn das manchmal nicht einfach ist. „Vor kurzem hat mich ein kleiner Junge angesprochen und gesagt, ich sei ja nur halb behindert, das sei also nicht so schlimm. Warum glaubst du das, habe ich ihn gefragt. Und er hat dann gesagt, ich hätte doch noch eine Hand. Aber behindert ist nun mal behindert, da gibt es kein halb und kein ganz.“

Beim Schwimmen beispielsweise fehlt Jan die Wasserverdrängung durch die zweite Hand. Seine Technik in den einzelnen Lagen unterscheidet sich daher von der nicht behinderter Schwimmer – und meist auch von der anderer Starter bei Para-Wettbewerben. Wer zum Beispiel infolge eines Unfalls auch keinen Unterarm habe, würde ganz anders schwimmen als er selbst, erklärt Jan.

Außerhalb des Schwimmbeckens trägt er oft eine Prothese. „Wir sind nicht die besten Freunde“, sagt er, das Ding sei einfach unbequem. „Aber sie hilft mir, Dinge zu greifen, wenn ich schon etwas in der rechten Hand habe.“ Und um zum Beispiel eine Flasche zu öffnen, brauche er nun einmal beide Hände. Eine Schleife dagegen bekommt er auch mit einer hin – „das ist alles eine Sache des Trainings“, sagt Jan ganz nüchtern. Etwas noch nicht perfekt zu können, sei für ihn nur Ansporn, noch mehr zu trainieren – auch jetzt, nach dem unglücklichen vierten Platz in Genua, schaue er nur nach vorne, versuche, noch besser zu werden.

Eine große Rolle spielen in seinem Leben seine Trainer: Gunnar Müller, der sein Talent in Schwerin entdeckte und förderte, und heute in Potsdam Dörte Paschke. Sie ist auch für die Eltern eine wichtige Ansprechpartnerin. „Wenn sich ein Kind entscheidet, Leistungssport zu machen, und erst recht so einen Einzelsport wie Jan, dann sind Eltern ansonsten doch ziemlich allein“, meint Marita Schreiber. Jetzt gerade müsste ihr Sohn sich zum Beispiel wie alle Behindertensportler neu klassifizieren lassen – „aber was das genau heißt, mussten wir erst in Erfahrung bringen.“

Es heißt, dass Jan einen neuen ärztlichen Bericht braucht, der zudem ins Englische übersetzt werden muss. Etwa 250 Euro werden dafür fällig, und das ist längst nicht alles, was die Eltern neben Internats- und Fahrtkosten für das jüngsten ihrer drei Kinder aufbringen müssen. „Sponsoren für Para-Sportler zu finden, ist ungeheuer schwer“, haben die Eltern erfahren. Dazu sei das Interesse einfach zu gering. „Bei vielen Wettkämpfen, sogar bei Internationalen Deutschen Meisterschaften, sind kaum mehr als die Eltern und einige Freunde der Starter in der Halle“, bedauert Marita Schreiber. Auch ihrem Sohn bleibt das, bei aller Fokussierung auf seine Wettbewerbe, nicht verborgen. „Wenn die Nicht-Behinderten fertig sind, gehen auch die Zuschauer“, hat er beobachtet. Das sei schon traurig, „wir feuern die Nicht-Behinderten doch auch an“. Im Ausland, gerade in Genua, aber auch im vergangenen Jahr, als er zu den 150 deutschen Teilnehmern am Jugendcamp zu den Paralympischen Spielen in Rio gehörte, habe er das ganz anders erlebt, erzählt Jan.

In einer Facharbeit an der Schule setzt er sich jetzt damit auseinander, wie Inklusion auch im Schwimmbecken gelingen kann, sprich: wie durch ein neues Bewertungssystem nicht-behinderte und behinderte Sportler gemeinsam in einem Wettbewerb starten können. Das, davon ist er überzeugt, würde „seinem“ Sport endlich die öffentliche Anerkennung bringen, die er verdient.

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