Video: Interview mit Erwin Sellering : Ganztagsschulen – ja oder nein?

Yamina Chabbi (links) und Celiona Altmüller (rechts) beim Interview mit Erwin Sellering.
Yamina Chabbi (links) und Celiona Altmüller (rechts) beim Interview mit Erwin Sellering.

Schülerinnen befragen den Ministerpräsidenten zu seinem Arbeitsalltag – und zu Dingen, die sie selbst betreffen

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11. Mai 2017, 20:45 Uhr

„10 Jahre KiZ“ – anlässlich des Jubiläums unserer Kinder-Zeitung lassen wir heute diejenigen zu Wort kommen, um die es geht: Kinder und Jugendliche. Auf jeder Seite der Printausgabe vom Freitag schreiben Mädchen und Jungen über ein Thema, das sie bewegt. Mit dabei: die Redaktion der Schülerzeitung „Knuutsch“ der Schweriner Werner-von-Siemens-Schule, die gerade als beste Schülerzeitung von Regionalschulen in MV ausgezeichnet wurde. Die jungen Reporter haben in unserer Redaktion mitgearbeitet.

Ein wenig aufgeregt waren Celina Altmüller und Yamina Chabbi schon, als sie vor wenigen Tagen Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) für unsere Jubiläumsausgabe interviewten. Karin Koslik hat das Gespräch aufgezeichnet, das wir in Auszügen wiedergeben.



Herr Sellering, wie sieht ein normaler Arbeitstag als Ministerpräsident aus?
Sellering: Ich stehe kurz nach sechs auf, und dann kümmere ich mich erst mal um meinen zweieinhalbjährigen Sohn. Meistens bringe ich ihn auch in die Kita, weil das auf meinem Arbeitsweg liegt. Viertel nach acht bin ich dann hier in der Staatskanzlei, und um halb neun beginnt die Frührunde, in der wir den Arbeitstag vorbesprechen.

Etwa die Hälfte der Tage verbringe ich hier in der Staatskanzlei, wo ich viele Gespräche führe, auch, aber nicht nur mit Ministern. Natürlich lese ich auch Akten, aber ich informiere mich lieber im persönlichen Gespräch.

Die andere Hälfte der Zeit bin ich draußen im Land: bei Firmeneröffnungen, in Schulen, lese auch mal in Kindergärten vor, oder ich werde eingeladen zu großen Jubiläen. Einmal im Monat mache ich eine Bürgersprechstunde an wechselnden Orten. Dann kann jeder zu mir kommen und sich eine viertel Stunde lang mit mir sprechen. Er kann sich beschweren, Anregungen äußern, Ideen einbringen – das ist eine spannende Sache.

Und wann haben Sie Feierabend?
Einmal in der Woche mache ich um halb fünf Schluss. Dann hole ich meinen Sohn aus dem Kindergarten. Sonst bin ich gegen acht zu Hause, wenn kein Abendtermin ist. Wenn ein Abendtermin anliegt, dann kann es noch später werden. Und wenn der Termin in Pasewalk, also ganz im Osten unseres Landes stattfindet, bin ich manchmal erst um zwölf zu Hause.

Fahren Sie selbst?
Ich werde gefahren. Ich habe zwei Fahrer, die sich abwechseln, weil einer allein das von den Arbeitszeiten her gar nicht schaffen würde. Und ich habe als Auto eine Langversion, damit ich auch mal die Beine ausstrecken kann. Denn das Auto ist für viele Stunden auch mein Arbeitsplatz, weil mir immer ganz viele Akten mitgegeben werden, die ich unterwegs bearbeiten muss.

Jetzt möchten wir zum Thema Schule kommen. In Ihrer Regierungserklärung sagen Sie zum Thema gute Schulen, dass Sie den Deutschunterricht stärken wollen. Wie wollen Sie das durchsetzen?
Wir haben uns als Regierung darauf verständigt, dass es eine zusätzliche Deutschstunde an der Grundschule geben soll. Umgesetzt wird das dann von der Bildungsministerin.

Es gibt viele gute Dinge, die man in der Schule zusätzlich machen könnte: mehr Sport oder eine besser bessere Vorbereitung auf die digitale Welt. Aber wir müssen auch aufpassen, dass wir die Schüler nicht mit einem immer volleren Stundenplan überfordern.

Sowas erleben wir gerade. Wir gehen auf eine Ganztagsschule, und für uns ist die Belastung gerade am Nachmittag sehr groß, wo wir dann auch noch Mathe, Physik oder Bio haben. In der Woche haben wir so kaum noch Freizeit. In der Regierungserklärung heißt es, dass Ganztagsschulen weiter ausgebaut werden sollen. Wie sieht denn für Sie eine ideale Ganztagsschule aus?
Nicht so, wie Ihr das schildert. Meine Vorstellung von einer Ganztagsschule ist, dass nachmittags die Sachen dran sind, die Spaß machen. Also Sport, musische Fächer oder Arbeitsgemeinschaften. Wenn im Stundenplan harte Kernfächer auf den Nachmittag gelegt werden, man dafür aber vormittags vielleicht zwei Stunden frei hat, dann finde ich das nicht so gut Könnt Ihr als Schülerinnen und Schüler denn auch Einfluss auf den Stundenplan nehmen?

So gut wie gar nicht.
Dann müsst Ihr mal einen Artikel darüber in Eurer Schülerzeitung schreiben. Denn Zeitungen sind ja auch dazu da zu zeigen, wo etwas verändert werden müsste.

Also finden Sie, wir können da selbst etwas tun?
Aber ja, Schule soll ja zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erziehen, und das sollte sich auch darauf erstrecken, dass ihr euch bei den Themen zu Wort meldet, die euch direkt betreffen.

Wir kommen im Sommer aus der Schule. Yamina beginnt dann eine Berufsausbildung, für die ihre Eltern bezahlen müssen. Finden Sie das in Ordnung?
Ich finde, jede Art von Bildung sollte gebührenfrei sein. Das ist sehr wichtig, weil hier bei uns im Land ja nicht die höchsten Löhne verdient werden. Da müssen wir insbesondere bei den Kitas zu Verbesserungen kommen. Es darf nicht sein, dass jemand, der ein kleines Kind hat oder auch zwei, sich nicht leisten kann, arbeiten zu gehen, weil er die Kita nicht bezahlen kann. Wir versuchen deshalb hier im Land jetzt Schritt für Schritt, die Kita gebührenfrei zu machen, wobei es natürlich schön wäre, wenn wir dazu noch mehr Unterstützung durch die Bundesregierung bekommen könnten. Und natürlich sollten auch Schule, Hochschule und berufliche Bildung gebührenfrei sein. Denn im internationalen Wettbewerb, in dem Deutschland steht, können wir schließlich nur mit gut ausgebildeten Fachkräften bestehen.

Weil an unserer Schule auch Flüchtlingskinder lernen, haben wir auch dazu noch eine Frage: In Ihrer Regierungserklärung heißt es im Zusammenhang mit Flüchtlingen, dass der Zusammenhalt gestärkt werden soll. Wie stellen Sie sich das vor?
Es ist wichtig, dass wir diejenigen, die in Deutschland bleiben dürfen, freundlich aufnehmen und ihnen die Chance geben, einen Platz in unserer Mitte zu finden. Das werden wir aber nur hinbekommen, wenn nicht zu viele Flüchtlinge zu uns kommen. Es muss klare Regeln geben, wer zu uns kommen darf. Wer sie erfüllt, der soll hier eine Chance haben.

Bei Flüchtlingen können das nur diejenigen sein, die wirklich verfolgt werden. Wer Asyl beantragt, ohne wirklich verfolgt zu werden, den müssen wir so schnell wie möglich zurückschicken. Und unabhängig von der Hilfe für Flüchtlinge muss es die Möglichkeit geben, dass wir gezielt Menschen aufnehmen, die wir am Arbeitsmarkt brauchen.

In den Nachrichten hieß es, dass die Kriminalität wegen der jungen Flüchtlinge gestiegen ist. Stimmt das?
Ja. Wir dürfen das nicht schönreden. Es gibt sicherlich verschiedene Ursachen dafür. Die eine ist, dass unter den Flüchtlingen eine sehr hohe Zahl an jungen Männern befindet. Auch bei den Deutschen ist dies die Gruppe mit der größten Zahl an Straftaten. Außerdem spielt auch eine Rolle, dass in Flüchtlingsunterkünften viele Nationalitäten zusammenleben. Das führt zu Konflikten und damit zu mehr Kriminalität. Also, es gibt da Probleme. Die darf man nicht unter den Tisch kehren. Wir müssen gegen Straftaten vorgehen. Und ich denke, dass man das alles gut lösen kann, solange die Zahl der zu uns Geflüchteten nicht zu groß ist.

Welche Zahl wäre das denn?
Eine Obergrenze lässt sich nicht umsetzen. Was mache ich denn, wenn die Obergrenze bei 100 000 liegt, und es kommt der 100 001., und der muss in seiner Heimat um sein Leben fürchten? Wir müssen die tatsächliche Zuwanderung begrenzen. Etwa, indem wir Flüchtlingen möglichst nahe bei ihrem Heimatland helfen. Wir hier in Mecklenburg-Vorpommern kommen ganz gut zurecht mit der Zahl der Geflüchteten, die hierher kommen. Das sind aber auch nur zwei Prozent der Flüchtlinge, die nach ganz Deutschland kommen, also nicht so viele.

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