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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 05:06 Uhr

Ribnitz-Damgarten : Gabriel voll unter Strom

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Kanzlerin urlaubt, der Vizekanzler ist hochenergetisch unterwegs – am Dienstag auf der Ostsee

Die Rettungsweste sitzt. Sigmar Gabriel macht einen großen Schritt. Auf dem Weg hinaus zum Hochsee-Windpark „Baltic I“ 16 Kilometer vor dem Darß wird noch einmal das Schiff gewechselt. Die „MS Alexander“ wartet für die letzten Seemeilen.

In der Ferne blitzen auch schon die 93-Meter-Rotoren von Deutschlands erstem kommerziellem Offshore-Windpark, der seit 2011 Strom liefert. Bei Windstärke 2 ist die See ruhig. Die Rettungsweste ist nur für den Fall der Fälle gedacht. Doch stellt sich sehr wohl die Frage, ob dem SPD-Chef bei der Energiewende, seiner wohl größten Herausforderung als Wirtschaftsminister, Schiffbruch droht: Zu teuer, zu unkoordiniert. Bisher lief es nicht rund.

Oben auf der Brücke der „MS Alexander“ überlässt der Kapitän dem Gast kurz das Steuer: Freizeitskipper Gabriel bestimmt den Kurs. „Beim Segeln lernen Sie, dass es nicht darauf ankommt, woher der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt“, scherzt der Vizekanzler.“ Ein schönes Bild auch für die Energiewende: Schwarz-Rot hat die Segel gerade neu gesetzt, die Fördersätze gesenkt, Ausbaugrenzen abgesteckt. Seit dem 1. August ist Gabriels Ökostrom-Reform in Kraft, die der Politik zumindest ein bis zwei Jahre Zeit zur Vorbereitung der nächsten Schritte verschafft. Nach der Reform sei vor der Reform, hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) neulich bei ihrer Sommerpressekonferenz über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erklärt.

„Das ist schon ein hohes Maß an Ingenieurkunst“, staunt Gabriel und blickt hinauf zu den 67 Meter hohen Windrädern hier draußen mitten in der Ostsee. „Baltic I“ – 21 Anlagen, die im Normalbetrieb genügend Strom für 50 000 Haushalte liefern. Ein 200-Millionen-Euro-Investment, das sich in gut zehn Jahren rentiert haben soll. Schon jetzt plant Betreiber EnBW den nächsten Hochsee-Windpark: 80 Anlagen nördlich von Rügen, noch größer und mit einer Milliarde Euro noch teurer. Die Branche ist wieder im Aufwind. Der Stillstand scheint überwunden zu sein. Auch in der Nordsee treiben die Strom-Riesen ihre Windpark-Pläne wieder voran.

„Seid Ihr jetzt glücklich?“, frotzelt Gabriel unter Deck mit den Windkraft-Lobbyisten, die ihn auf seinem Ostsee-Trip begleiten. Sie nicken. „Wir sind froh, dass wir mit dem neuen EEG jetzt wissen, was auf uns zukommt“, antwortet Jörg Kuhbier, Chef des Interessenverbandes „Offshore-Stiftung“.

Doch rundum zufrieden ist die Branche nicht. Sie hadert damit, dass bis zum Jahr 2020 nicht mehr als 6,5 Gigawatt Hochsee-Windkraft in Betrieb gehen dürfen. Außerdem gebe es noch erhebliche Zweifel, ob man sich auf die versprochenen Netzanschlüsse für Neuanlagen verlassen könne. Da erscheint die Energiewende plötzlich als gewaltige Koordinierungsaufgabe.

Gabriel voll unter Strom. Die rote Outdoor-Jacke, die er gestern an Bord trägt, ist bekannt. Bereits 2007 hatte er sie an, als er, damals noch Umweltminister, mit der Kanzlerin zu den schmelzenden Eisgletschern Grönlands schipperte. Jetzt ist er Merkels Mann für die Energiewende.

Ist Strom von hoher See nicht viel zu kostspielig? Gabriel winkt ab. Er rechnet mit sinkenden Preisen, je ausgereifter die Technik wird. Vor zwanzig Jahren bei den ersten Windrädern an Land sei schließlich auch gesagt worden: „Lass das sein. Das ist zu teuer.“

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