Sommertour in Rostock : Gabriel und der Schleudersitz

Kapitän Olaf Schütt (l.) mit Erwin Sellering (m.) und Sigmar Gabriel auf der Kommandobrücke der „Rostocker 7“.
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Kapitän Olaf Schütt (l.) mit Erwin Sellering (m.) und Sigmar Gabriel auf der Kommandobrücke der „Rostocker 7“.

Der zuletzt heftig kritisierte SPD-Parteichef und Vizekanzler begann gestern seine Sommertour in Rostock mit Ministerpräsident Sellering

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02. August 2016, 08:00 Uhr

Braungebrannt und gut erholt. Der zuletzt heftig in die Kritik geratene Parteivorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) meldet sich aus seinem Urlaub auf Amrum und Sylt zurück. In Rostock beginnt der Niedersachse seine lange geplante Sommertour mit Parteifreund und Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und 30 Journalisten im Schlepptau – fast alles Korrespondenten aus der Bundeshauptstadt. Gabriel will in die Offensive kommen, denn im nächsten Jahr sind Bundestagswahlen.

„Rostocker 7“ heißt das Schiff von Kapitän Olaf Schütt und an Bord fängt Gabriel an zu plaudern. Er habe die Hansestadt in schlechter und in guter Erinnerung, erzählt der 56-Jährige, während das Schiff die Warnow entlang in Richtung Ostsee schippert. „Als Lehrer mit einer Schulklasse war ich im Frühjahr 1989 das erste Mal in Ro-stock“, erinnert sich Gabriel. Er habe bei dem Besuch einen Mann kennengelernt, der für einen gescheiterten Fluchtversuch im Gefängnis gesessen hatte. Dieses Schicksal habe ihn sehr berührt.

Gabriel lässt es menscheln, auch mit guten Erinnerungen. Nach dem Mauerfall habe er in Rostock über einen Freund seinen Segelschein gemacht.

Die nächsten Monate werden entscheidend sein für die politische Zukunft des Parteichefs und das weiß er. Anfang kommenden Jahres will die SPD-Führung ihren Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl nominieren. Wenn es für den Mann aus Goslar aus Sicht der Genossen dafür nicht reicht, sind seine Tage als Parteichef auch gezählt.

Bis zur Nominierung muss Gabriel noch einige Klippen umschiffen. Die Edeka-Affäre, bei der ihm eine schlechte Amtsführung als Wirtschaftsminister und eine fragwürdige Informationspolitik nachgesagt werden, ist noch lange nicht ausgeräumt. „Natürlich werden wir Rechtsmittel einlegen müssen, das versteht sich von selbst“, verteidigt sich Gabriel in Rostock offensiv gegen das Nein des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Das Gericht hatte den von ihm genehmigten Zusammenschluss der Handelsketten Edeka und Tengelmann für rechtswidrig erklärt.

Sonst kam inhaltlich nicht viel Neues: Die EU soll sich nicht von der Türkei und dem „absolutistischen Machtanspruch“ ihres Präsidenten erpressen lassen. Und die SPD könne nicht ständig Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor der bayrischen CSU in Schutz nehmen.

Die „Rostocker 7“ fährt am Gelände der ehemaligen Heinkel-Werke vorbei, wo im Dritten Reich Flugzeuge für Hitlers Luftwaffe konstruiert und gebaut wurden. „Hier flog das erste Düsenflugzeug und hier wurde von Heinkel auch der erste Schleudersitz entwickelt“, erklärt Gernot Tesch, Geschäftsführer des Rostocker Hafens. Gabriel ergänzte schlagfertig: „Später wurde Schleudersitz mit dem Posten des SPD-Bundesvorsitzenden verbunden.“

Die SPD-Politprominenz gibt sich derzeit in Mecklenburg-Vorpommern die Klinke in die Hand. Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier war am vergangenen Freitag zum Bürgerforum in Schwerin. Arbeitsministerin Andrea Nahles tourte eine Woche zuvor durchs Land und stellte ihr Konzept zur Rentenangleichung vor. Familienministerin Manuela Schwesig besucht inzwischen nahezu jedes Kinderfest, das in oder auch nur in der Nähe ihrer Heimatstadt Schwerin stattfindet. Die Landtagswahl am 4. September wirft ihre Schatten voraus.

„Eine wichtige Hilfe für uns“, sagt an Bord Ministerpräsident Sellering. Es geht auch für die Bundes-SPD um Einiges. Denn die Wahlen im Nordosten und zwei Wochen später in Berlin könnten Zeichen setzen für die Bundestagswahl 2017.

Sigmar Gabriel erwartet in Mecklenburg-Vorpommern einen Sieg seiner SPD: „Wenn Leistung belohnt wird, hätte Erwin Sellering die absolute Mehrheit verdient.“ Das Land habe unter einem SPD-Regierungschef hervorragende Bilanzen vorzuweisen. „Das werden die Wähler auch honorieren“, sagte Gabriel. Klingt ein wenig wie das Pfeifen im Walde. Denn nach der letzten Wahlumfrage unserer Zeitung ist die SPD gegenüber der Landtagswahl 2011 um 13 Prozent auf aktuell 22 Prozent in der Wählergunst abgestürzt. Die CDU kommt auf 25 Prozent. Aber immerhin würden mehr als die Hälfte der Befragten Erwin Sellering weiterhin gern als Ministerpräsidenten sehen.

Nach knapp zwei Stunden geht es wieder von Bord. Der Rostocker Windanlagenherrsteller Nordex ist die nächste Station der Sommertour. Sigmar Gabriel ist zurück auf der politischen Bühne und wo der Schleudersitz erfunden wurde, weiß er jetzt auch.

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