zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

22. Oktober 2017 | 23:11 Uhr

G8-Unglück wird erneut verhandelt

vom

svz.de von
erstellt am 09.Aug.2010 | 07:26 Uhr

Rostock | Die Tragödie am letzten Tag des G8-Gipfels in Heiligendamm, die damals für Schlagzeilen gesorgt hat, beschäftigt nun erneut die Justiz. Am 8. Juni 2007 war ein 28-jähriger Polizist aus dem Mannschaftswagen gestürzt und drei Tage später an den schweren Kopfverletzungen gestorben. Es war der einzige Todesfall bei dem Gipfeltreffen, das Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, Tausende Protestierende und Polizisten an die Ostsee führte.

Bisher wurde niemand dafür zur Verantwortung gezogen. Die junge Polizistin, die damals das Fahrzeug steuerte, musste als einzige vor Gericht. Im Dezember 2007 hatte das Amtsgericht Güstrow sie aber vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen, das Geschehen einen "tragischen Unglücksfall" genannt und eine Mitschuld des Opfers angedeutet. Der Staatsanwalt und die beiden Nebenkläger - Witwe und Vater des toten Polizisten - legten allerdings Berufung ein.

Der neue Prozessbeginn ist für den 26. August am Rostocker Landgericht geplant. An sechs Verhandlungstagen bis in den Oktober hinein sollen auch mehrere Zeugen gehört werden. Dass sie nun etwas anderes aussagen als bereits im Ermittlungsverfahren oder in Güstrow, ist aber eher unwahrscheinlich.

Das Amtsgericht hatte folgenden Tatverlauf festgestellt: Die fünf Beamten aus Dortmund hatten 16 Tage Einsatz beim G8-Gipfel hinter sich, als sie an ihrem letzten Abend in den Mannschaftswagen stiegen. Vom Parkplatz bei Linstow bis zu ihrer Unterkunft war es nur ein Katzensprung. Polizistin Kristin K. saß am Steuer. Sie fuhr einem Gutachter zufolge nicht viel schneller als Schritttempo. Benjamin B., das spätere Todesopfer - von seinen Kollegen als lustiger Typ beschrieben - alberte hinten im Transporter mit seinen abgenutzten, übelriechenden Ärmelschonern herum, hielt sie den Kollegen aus Jux unter die Nase. Dabei stand er im Wagen - laut Gericht auch noch, als der Transporter bereits fuhr. Der Gruppenleiter auf dem Beifahrersitz hatte seiner Kollegin das Startsignal gegeben. Die Seitentüren standen während der Fahrt offen, das sei so üblich gewesen während des Gipfels.

Die Anklage hatte genau darin eine Schuld der Frau gesehen: als Fahrerin hätte s ie darauf achten müssen, dass die Türen geschlossen sind. Das Gericht befand aber, dass ihr daraus kein juristischer Vorwurf zu machen ist. Benjamin B. selbst habe die Tür offengehalten und beim Herumalbern dann das Gleichgewicht verloren.

Der Vater des verunglückten Polizisten wollte sich mit dieser Version nicht abfinden. Dass die offenbar Jüngste im Unglücksbus - sie war zur Tatzeit erst 25 Jahre alt - allein den Kopf hinhalten sollte, fanden auch Prozessbeobachter merkwürdig. Anlass zu Argwohn hatte 2007 vor allem das Verhalten höherrangiger Beamter gegeben, weil sie sofort nach dem Unfall die vier Polizisten und unmittelbaren Tatzeugen aus der Schusslinie nahmen und Nachfragen der Ermittler tagelang verhinderten.

Ende 2008 waren in Dortmund nochmal Ermittlungen gegen die Polizisten wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, der uneidlichen Falschaussage und der Strafvereitelung im Amt aufgenommen worden. Der Rostocker Staatsanwaltschaft zufolge sind sie inzwischen alle eingestellt. So sitzt wieder nur Kristin K. auf der Anklagebank.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen