Stralsund : Funkeln im Dunkeln

Das Modell eines weiblichen Schwarzanglerfischs zeigt die Meeresbiologin Dorit Liebers-Helbig im Meeresmuseum von Stralsund.
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Das Modell eines weiblichen Schwarzanglerfischs zeigt die Meeresbiologin Dorit Liebers-Helbig im Meeresmuseum von Stralsund.

Lebensfeindliche Tiefsee? Das gilt nicht für die Tierwelt / Das Meeresmuseum taucht in die unbekanntesten Areale der Erde ab

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26. März 2015, 11:57 Uhr

Es waren mehr Menschen auf dem Mond als an der tiefsten Stelle der Erde. Mit Jean Jaques Piccard und Donald Walsh, die mit der „Trieste I“ 1960 in den Marianengraben auf 10  916 Meter Tiefe abtauchten, und Regisseur James Cameron, der ihnen 2012 folgte, haben bislang nur drei Menschen den lichtlosen und vermeintlich lebensfeindlichsten Ort der Erde erreicht. „Der Mond gilt als besser erforscht als die Tiefsee“, sagt die Stralsunder Meeresbiologin Dorit Liebers-Helbig. Der Mensch plant Marsmissionen, schickt Satelliten in neue Galaxien, doch die Tiefsee – flächenmäßig der größte Lebensraum der Erde – ist weitgehend unbekannt.

Nun macht sich das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund mit der Naturschutzorganisation WWF auf die Reise dorthin. Die Tiefsee ist das Areal, in dem es so dunkel ist, dass die Photosynthese komplett zum Erliegen kommt. Das ist schätzungsweise ab einer Wassertiefe von 800 Metern der Fall. Mit dem Jahresthema „Expedition Tiefsee“ stößt das Museum vom 31. März an zu Kaltwasserkorallen und bizarren Kreaturen wie Höllenvampiren vor.

Zugleich wollen die Initiatoren auf die Bedrohung durch Bergbau und bodenberührende Fischerei aufmerksam machen. In und auf den Böden der Meere lagern wahre Schätze: Erdöl, Erdgas, Manganknollen oder Kobaltkrusten. Laut dem „World Ocean Review 3“, einem Forschungsbericht zu Rohstoffen in den Meeren, wurden zwischen 2007 und 2012 allein 481 größere Öl- und Gasfelder in Wassertiefen von mehr als 1500 Metern entdeckt.

Manganknollen, Kobaltkrusten und Massivsulfide stecken voller wirtschaftlich interessanter Metalle für die Hochtechnologie. „Da viele Metalle heute quasi monopolartig in wenigen Staaten und insbesondere in China abgebaut werden, wollen sich Industrienationen wie Deutschland oder Frankreich, die kaum über eigene Ressourcen verfügen, mit eigenen Claims am Meeresgrund ein Stück weit unabhängiger machen“, heißt es in dem Bericht. Laut WWF-Experte Stephan Lutter geht es nicht nur um Nickel, Chrom und Kobalt, sondern auch um Seltene Erden wie Yttrium oder Zirkonium.

Die Auswirkungen, die der Bergbau in der bislang nahezu unberührten Tiefsee hat, sind laut WWF schwer absehbar.

Gesteuert wird der Abbau in internationalen Gebieten durch die Internationale Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA). Noch gilt er als unwirtschaftlich. Bis 2016 könnten laut „World Ocean Review 3“ Regeln für den Abbau von Manganknollen vorliegen, erst danach könne der Abbau beginnen. Für die Erkundung von Manganknollen allein in der pazifischen Clarion-Clipperton-Zone wurden demnach bislang zwölf Lizenzen vergeben, unter anderem auch an Deutschland. Das Gebiet ist so groß wie Europa.

In der Tiefsee herrscht neben der absoluten Finsternis ein enormer Druck – im Marianengraben ist dieser laut Ausstellungskuratorin Liebers-Helbig vergleichbar mit dem eines Sattelschleppers auf einer Briefmarke. „Die Tiefsee ist trotzdem keine öde Öde“, sagt die Wissenschaftlerin. In einem Tiefsee-Saal zeigt das Meeresmuseum die tierische Vielfalt: Anglerfische, von denen es 160 Arten gibt, oder Spinnenfische – beide im (toten) Original. Die Exemplare wurden einst als Beifang auf DDR-Fischereischiffen aus den Meeren gefischt.

Das Kuriositätenkabinett ergänzen Präparate anderer Meeresmonster wie Höllenvampir, Schwarzer Drachenfisch, Viperfisch oder Pelikanaal. „Die Tiere haben raffinierte Strategien entwickelt, um in diesem Lebensraum überleben zu können.“ Anglerfische können über Symbiose mit Bakterien leuchten. Über die Chemolumineszenz wird freiwerdende Energie in Licht umgesetzt. „Quasi ein Funkeln im Dunkeln“, sagt die Meeresbiologin. Je nachdem, ob sie jagen, andere erschrecken oder sich tarnen wollen, schalten sie das Licht an.

Parallel zur Ausstellung im Meeresmuseum wird im Ozeaneum eine Ausstellung zu Kaltwasserkorallen gezeigt. Mit der Ausstellung wollen die Initiatoren zum Nachdenken anregen. „Die Tiefsee muss als einziger noch weitgehend unberührter Lebensraum vor unserer heutigen konsumsüchtigen Gesellschaft geschützt werden.“

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