Live-Chat mit Bildungsministerin Bettina Martin : Fürs Schichtsystem fehlen Lehrkräfte

Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) stellte sich zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit Leserfragen

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17. Mai 2020, 18:00 Uhr

Das neue Schuljahr soll möglichst mit Präsenzunterricht für alle Klassen an allen Tagen starten hieß es am Wochenende nach einem Treffen der Landesregierung mit Vertretern der kommunalen Ebene. Aber was passiert bis dahin? Sowohl Eltern als auch Lehrer und sogar einige Schüler nutzten am Montag die Gelegenheit, ihre Fragen aus erster Hand von Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) beantworten zu lassen.

Das komplette Video-Interview können Sie hier und in den sozialen Netzwerken anschauen. Hier folgt eine Auswahl besonders häufig gestellter Fragen und Antworten.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat, wie wir berichteten, seine Einschätzungen für Corona-Risikopersonen geändert. So zählen Menschen über 60 Jahre und Schwangere nicht mehr pauschal dazu. Gleiches gilt für Menschen mit Grund- und Vorerkrankungen. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen wird deshalb jetzt ein Attest verlangt, wenn eine Lehrkraft vom Präsenzunterricht freigestellt werden möchte. Plant Mecklenburg-Vorpommern Ähnliches? Auch hier fehlen ja momentan viele Lehrkräfte.

Wir sind durch zwei Dinge in dem beschränkt, was wir momentan in den Schulen anbieten können: Das sind einmal die fehlenden Lehrkräfte, zum anderen besteht die Notwendigkeit, die Lerngruppen zu teilen, und dafür fehlen uns die Räume. Auch wenn wir alle Lehrkräfte in den Schulen hätten, könnten wir unter den gegebenen Hygienevorschriften keinen vollen Unterricht anbieten. Bei uns gehören 30 Prozent der Lehrkräfte zur Risikogruppe. Wir haben aber auch sehr viele über 60-Jährige, die sagen, ich fühle mich fit und gesund, ich komme trotzdem in die Schule. Aber auch die anderen tun ja nicht nichts, sondern sie gewährleisten für ihre Schülerinnen und Schüler die digitale Lehre oder machen Korrekturen, zum Beispiel jetzt der Abiturprüfungen.

Wir werden uns jetzt genau anschauen, wie die neuen Vorgaben des RKI aussehen und unseren Hygieneplan gegebenenfalls anpassen. Aber auch die Rückkehr von mehr Lehrkräften in den Präsenzunterricht würde uns immer noch nicht den regulären Schulbetrib ermöglichen, weil die Räume fehlen.

Es soll unter bestimmten Voraussetzungen auch möglich sein, mehr als 15 Kinder zusammen in größeren Räumen zu unterrichten. Was genau ist damit gemeint?

Wir holen seit dem vergangenen Donnerstag alle Schulklassen für wenigstens einen Tag, wo es geht auch für mehr in die Schulen zurück. In den nächsten zwei Wochen werden wir uns anschauen, wie das läuft. Wenn das alles so läuft, wie wir es uns vorstellen, können wir einen Zwischenschritt einziehen. Momentan gilt außer der 1,5 Meter-Abstandsregel auch noch eine weitere, die heißt, dass maximal 15 Schülerinnen und Schüler in einem Raum unterrichtet werden dürfen. Wenn es aber ein sehr großer Raum ist egal ob Turnhalle, Aula oder ein von der Quadratmeterzahl großes Klassenzimmer, wäre es vorstellbar, mehr als 15 Kinder dort unterzubringen und dennoch die Abstandsregeln einzuhalten.

Würde es nicht auch ein Meter Abstand tun? Auch dann könnten ja mehr Kinder zusammen in einem Raum lernen?

Ich habe am Samstag, als auch der RKI-Chef Prof. Wiehler in Schwerin war, noch einmal danach gefragt. Er hat ganz klar gesagt, diese Abstandsregelung würde er zum jetzigen Zeitpunkt nicht anfassen. Als Nicht-Medizinerin stelle ich das nicht in Frage: Anderthalb Meter Abstand ist geboten.

SVZ-Chat mit Bildungsministerin Bettina Martin zum Thema Schule und Studium in Zeiten von Corona.
Volker Bohlmann

SVZ-Chat mit Bildungsministerin Bettina Martin zum Thema Schule und Studium in Zeiten von Corona.

 

Warum gibt es für die Grundschüler keinen Unterricht im Schichtsystem?

Das haben wir auch geprüft, denn es spricht einiges dafür. Aber da stoßen wir in der Tat an die Kapazitätsgrenze bei den Lehrern, denn wir haben ja keine zusätzliche Schicht, die dann nachmittags unterrichten könnte.

Ich gehe in die 7. Klasse eines gymnasialen Schulzentrums und muss seit dem 16. März allein zu Hause lernen. Ich frage mich, warum alle Geschäfte wieder auf sind, die Touristen wieder nach Mecklenburg-Vorpommern kommen dürfen, die Fitnesstudios öffnen –und ich immer noch nicht zur Schule darf.

Weil uns einfach nicht genug Kapazitäten zur Verfügung stehen –personell wie räumlich –, ist die Rückkehr an die Schulen nur schrittweise möglich. An Gymnasien kommt erschwerend dazu, dass gerade viele Räume durch die Abiturprüfungen belegt sind. Deshalb kommen die Klassen 7 bis 9 hier auch später zurück als an anderen Schulen. Nach Pfingsten, also am 3. Juni, sind aber auch sie dran.

Ich bin Mutter eines Sohnes, der in die 1. Klasse geht. Seit Wochen mache ich zwei Jobs, meinen eigenen im Homeoffice und den, meinen Sohn zu unterrichten. Langsam bin ich am Ende meiner Kräfte. Es ist doch in Bezug auf die Ansteckungsgefahr kein Unterschied, ob ein Kind einmal in der Woche in die Schule geht oder öfter. Warum ist zurzeit noch nicht mehr Unterricht möglich?

Ich verstehe sehr gut, wie ausgelaugt Sie sich fühlen. Und ich kann nachvollziehen, dass Sie sich große Sorgen machen, ob ihr Kind genug lernt – gerade in der ersten Klasse, wo es jeden Tag so viel Neues zu verarbeiten gibt. Ich habe selbst zwei Kinder großgezogen und Homeoffice gemacht – aber nicht gezwungener maßen, sondern freiwillig –, und ich weiß, wie unglaublich anstrengend das ist. Deshalb verstehe ich auch Ihre Frustration. Aber im Moment geht es gar nicht darum, ob sich ein Kind eher anstecken kann, wenn es statt einmal dreimal oder sogar fünfmal in der Woche in der Schule ist. Uns fehlen schlicht die Kapazitäten. Im Moment wird an den Grundschulen schon sehr viel Platz für die Notbetreuung von Kindern eingenommen, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Dazu kommt, dass wir Lerngruppen teilen müssen, um den gebotenen Abstand einhalten zu können. Deshalb können wir einfach nicht alle Kinder gleichzeitig wieder in die Schulen holen, aber wir versuchen, so viel Unterricht wie möglich zu geben. der eine Tag in der Woche ist das Minimum, es wird auch Schulen geben, wo mehr möglich ist.

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen hat in der vergangenen Woche vorgeschlagen, Schule auch zum Beispiel in Parks zu verlegen. Was halten Sie davon?

Wir sind an dem Vorschlag schon länger dran udn planen gerade ein außerschulisches Programm . Ich bin im Gespräch mit dem Landwirtschaftsminister, der die Waldpädagogik unter seinen Fittichen hat. Da kann man viel machen, aber auch in den Zoos, wo es ebenfalls pädagogische Angebote gibt.

Digitaler Unterricht findet in der Realität oft gar nicht statt. Unsere Kinder zum Beispiel bekommen nur Zettel mit Aufgaben. Kommen Schulen trotzdem ihrem Bildungsauftrag nach?

Wir arbeiten gerade mit Hochdruck daran, die Voraussetzungen für digitalen Unterricht an den Schulen insgesamt zu verbessern und zu vereinheitlichen, wie es ja eigentlich auch geplant war, nur mit etwas mehr Zeit. Beim Digitalpakt von Bund und Ländern haben wir jetzt die Schraube angedreht, und Tag und Nacht arbeiten wir an einer gemeinsamen Plattform, damit alle Schulen besseren Zugang haben. Aber man kann natürlich alles an den Schulen zur Verfügung stellen, es nützt nichts, wenn ein Kind kein digitales Endgerät zur Verfügung hat. Für solche sozialen Fälle gibt es nun zum Glück auf Bundesebene Unterstützung, dafür hatte ich ich ach sehr eingesetzt. Das Land wird da noch einmal Geld draufpacken, sodass wir ein soziales Programm auflegen können für Schulen, aus dem es Leihgeräte geben wird. Die Voraussetzungen für digitales Lernen werden sich also sehr sehr zeitnah verbessern. Was ich nicht ausschließen kann ist, dass die eine oder andere Schule noch nicht so guten Empfang haben wird, weil es noch keinen Breitbandausbau gibt. Ich weiß aber, dass mein Kollege Christian Pegel und die Kommunen daran verstärkt arbeiten.

Wäre es nicht sinnvoll, die Lehrer in den Ferien in Hinblick auf den digitalen Unterricht weiterzubilden und klare Richtlinien zu formulieren, was man von ihnen erwartet? Im Moment ist das, was jeder so gut er kann tut, ja nur Aufgabenverteilung und -kontrolle…

Es ist auch mir wichtig, dass das keine Einbahnstraße sein kann und Kinder auch die Möglichkeit zur Rückkopplung und zum Fragenstellen bekommen. Es gibt Schulen, die da schon top organisiert sind, aber andere sind auch noch nicht so weit. Damit es Chancengleichheit in der Bildung gibt, muss es aber überall gleich gut klappen. Deshalb haben wir – schon vor Corona - die Lehrerfortbildung aufs Digitale fokussiert. Im Moment brauche ich aber jeden Lehrer in der Schule. Und in den Ferien haben die Lehrer zumindest teilweise auch frei. Aber grundsätzlich wird es natürlich Fortbildungen geben.

Mein Sohn ist 14 und vorerkrankt. Außerdem wohnen wir mit Oma, Opa und Uroma in einem Haus. Seit dem 14. März hat er unser Grundstück nicht mehr verlassen. Muss ich ihn jetzt wieder in die Schule schicken?

Für Schülerinnen und Schüler, die zur Risikogruppe gehören, besteht keine Schulpflicht. Sie müssen ihn also nicht zur Schule schicken, brauchen aber ein Attest.

Bleibt es beim Termin für die Einschulung am 1. August? Und werden wir dann feiern können?

Der Termin steht. Wie die Feiern in den Schulen aussehen werden, ist abhängig vom Infektionsgeschehen. Es wird Feiern geben, aber sie werden nicht so aussehen, wie wir sie bisher kannten. Wir sammeln im Ministerium gerade Ideen, die wir den Schuleitungen zur Verfügung stellen werden. Auch Familienfeiern sind dann ja mit 30 Teilnehmern wieder möglich.

Und wie sieht es mit Abschlussfeiern für die 4. Klassen aus?

Wenn es eine kreative Idee gibt, wie man mit Abstand und vielleicht im freien in überschaubarem Kreis feiern kann, halte ich auch solch einen Abschluss für vorstellbar.

Der Chat wurde auf www.facebook.com/svzonline und www.facebook.com/nnnonline gestreamt.

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