zur Navigation springen

Gesundheitswesen : Für neue Patienten keine Behandlung?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kassenärztliche Vereinigung: Bei erreichter Kapazitätsgrenze muss ein Arzt nur noch Notfälle behandeln. Ein Einzelfall, der keiner ist.

svz.de von
erstellt am 03.Jan.2014 | 21:45 Uhr

Jeder  Atemzug  schmerzte,  es  rasselte in  der Brust.  Die  Körpertemperatur  war erhöht. Seit Tagen schon  fühlte sich   ein Schweriner  alles  andere  als  gut.  Gleich  zu Beginn des neuen  Jahres     wollte  er   deshalb   einen Arzt  konsultieren. Da seine  Hausärztin  an diesem  Wochentag   regelmäßig keine  Sprechstunde  abhält,  suchte  er die  nächstgelegene Praxis  eines   Allgemeinmediziners  auf –  und  erlebte  eine  herbe  Enttäuschung: Er  könne  hier  nicht  behandelt  werden, der Chef habe  untersagt,  neue  Patienten aufzunehmen,  erklärte  ihm die Praxisangestellte  am Tresen unmissverständlich.

Kein  Einzelfall:  Immer  wieder  berichten  Leser,   dass sie   in  (Haus-)Arztpraxen  abgewiesen  wurden  mit  der Begründung,  man   nehme  keine   neuen  Patienten  mehr  auf.    Auch  privat Krankenversicherten erging  es  nicht  besser  –  allerdings gestand  man  ihnen in  den  uns  bekannten   Fällen immerhin eine   Notfallversorgung  zu.

Die  steht  auch  gesetzlich  Versicherten zu,  denn: „Grundsätzlich verhält es sich  so, dass ein Arzt mit seiner Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung einen Versorgungsauftrag übernimmt. Als Folge dieses Versorgungsauftrages darf er die Behandlung nur in begründeten Fällen und nicht per se ohne weitere Begründung ablehnen“,  erläutert  der Hauptabteilungsleiter  Sicherstellung  bei der Kassenärztlichen    Vereinigung  Mecklenburg-Vorpommern (KVMV), Oliver  Kahl. Ein solcher „begründeter Fall“ könne  beispielsweise  darin bestehen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient gestört ist,  aber auch darin, dass der Arzt aus Kapazitätsgründen keine weiteren Patienten mehr aufnehmen kann.  „Die Arbeitskraft eines jeden Arztes ist begrenzt und jeder Patient möchte, dass sich der Arzt seiner Erkrankung mit der gebotenen Zeit und Aufmerksamkeit widmet“,  erklärt  Kahl. „Dies gilt insbesondere auch für die hausärztliche Betreuung, die auch die Durchführung notwendiger Hausbesuche beinhaltet.“ Deshalb  sei  es sogar geboten, dass jeder Arzt für seine Praxis feststellt, wann die Grenze der Aufnahmekapazität erreicht ist.  „Davon unberührt bleibt aber die Verpflichtung zur Behandlung von Notfällen, also solchen Fällen, in denen aufgrund der Erkrankung ein sofortiges ärztliches Handeln erforderlich ist“,   betont  Kahl.  Dies sollte in der Regel  der Arzt beurteilen bzw.  Vorkehrungen treffen, dass sein Personal ihn informiert, wenn Anhaltspunkte für einen Notfall bestehen.

Patienten sollten selbst  ebenfalls auf die  Dringlichkeit  der Behandlung  hinweisen –  wenn die  denn  geboten   ist, so  Kahl. Auch mit Rücksicht auf andere Patienten mit dringend behandlungsbedürftigen Erkrankungen sollte es respektiert werden, wenn ein reiner Kontrolltermin mit einer längeren Frist vergeben wird bzw. auf die Behandlung durch andere Ärzte verwiesen wird. 

Er  wolle  und könne  den Einzelfall nicht  bewerten,  betont  Kahl.  In  der  Regel  sei  aber   ja schon  durch  einen Blick   ins Wartezimmer  ersichtlich, dass die Behandlung  nicht  willkürlich, sondern wegen des  hohen Patientenaufkommens  abgelehnt  wird. 

Generell  sei  die Inanspruchnahme  der   Arztpraxen  hoch. In Städten wie  Schwerin, wo die   Ärztedichte  deutlich  höher  als auf  dem  Land  ist,  müssten  viele   Patienten  aus  dem Umland    mitversorgt  werden,  deshalb gebe  es  auch  dort  keine  Entwarnung, hieß  es aus  der  KVMV.  Schließlich  gebe  es  landesweit  bereits  140   Hausarztpraxen,die  nicht  mehr  nachbesetzt  werden  konnten.  Zwar  hatte  der  Hausärzteverband  erst vor  einem   Monat    einen  „ganz  kleinen Lichtblick   am Horizont“ konstatiert,  weil  die Zahl  der  Hausärzte  erstmals  seit  Jahren wieder  gestiegen ist. Dennoch  sitzen  hier  in  Wartezimmern   der Hausärzte nach  wie  vor ein  Viertel  mehr   Patienten   als  in anderen  Bundesländern.

Kahls Rat  an Patienten, die  sich  in  einer   ähnlichen wie der eingangs  geschilderten  Situation  befinden, lautet,  sich anhand der Arztsuche im Internet (www.kvmv.de) einen Überblick über die weiteren Ärzte im Umkreis zu verschaffen und zunächst telefonisch nachzufragen,  ob  eine Behandlung möglich  ist.  „Sofern der Patient mobil ist, ist es natürlich sinnvoll, den Kreis der in Betracht kommenden Ärzte weiter zu fassen.“    Patienten, die   zum Facharzt  überwiesen  wurden  und dort keinen     oder einen erst  sehr   weit  in  der Zukunft  liegenden Termin bekommen,  sollten sich   noch  einmal  an ihren  Hausarzt wenden, der  durch einen  Dringlichkeitsvermerk  auf der  Überweisung für  ein  beschleunigtes   Verfahren   sorgen  kann.

„Im Übrigen haben die Patienten auch die Möglichkeit, bei uns eine Beschwerde einzureichen, wenn die Ablehnung der Behandlung aus ihrer Sicht zu Unrecht erfolgt ist“,  betont  der  KVMV-Hauptabteilungsleiter. „Wir gehen dem Sachverhalt dann nach, bitten den Arzt um eine Stellungnahme und bewerten die Frage einer Pflichtverletzung  abschließend.“ 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen