Sigrid Keler im Porträt : Für Hansa bei den Seelöwen geputzt

<strong>Sigrid Keler</strong>: 'Ich bin froh, dass die Bürgschaft für Hansa gestimmt hat. Der Verein ist ein Stück Rostock.'<foto> Foto: Clemens</foto>
Sigrid Keler: "Ich bin froh, dass die Bürgschaft für Hansa gestimmt hat. Der Verein ist ein Stück Rostock." Foto: Clemens

In der Reihe „zu Hause bei..." stellt unsere Zeitung lokale Prominente und Berühmtheiten vor. Für die Porträts konnten wir die Schriftstellerin Ditte Clemens gewinnen. Heute: Hansa-Schatzmeisterin Sigrid Keler.

svz.de von
04. Juni 2012, 01:35 Uhr

Rostock | "Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts", dieses Sprichwort zitierte Sigrid Keler in den Jahren von 1996 bis 2008 oft. In dieser Zeit war sie Finanzministerin von Mecklenburg-Vorpommern. Und da sie seit 2010 die Schatzmeisterin oder besser gesagt, die Sparmeisterin im Vorstand vom FC Hansa ist, sind diese Worte für Sigrid Keler noch immer aktuell. Man bat sie um Mitwirkung, weil sie einen guten Ruf als Saniererin hat. Von ihren Stärken, die sie als Finanzministerin bewiesen hat, versucht auch der FC Hansa zu profitieren. Für Sigrid Keler hatte dieser Fußballklub immer eine Strahlkraft in unserem Land. "Ich bin froh, sagt sie, "dass die Bürgerschaft für Hansa gestimmt hat. Hansa ist mehr als ein Unternehmen. Der Verein ist ein Stück Rostock."

Wie viele Klinken sie schon in Sachen Hansa geputzt hat, wurde mir nicht verraten. Aber genau vor einem Jahr reinigte sie zusammen mit dem Manager Stefan Beinlich die Scheiben vom Seelöwengehege im Rostocker Zoo. Im Heimspiel gegen Offenbach wurde nämlich die Zuschauerzahl von 16 000 geknackt und Sigrid Keler konnte zusammen mit ihren Vorstandskollegen ihre Wettschuld einlösen. Das war ihr wichtig, denn der Fachfrau fürs Geld sagt man nach, dass sie Schulden und Schmu nicht ausstehen kann.

Sigrid Keler wohnt inzwischen in Rostock. In der Langen Straße. Dort gibt es nämlich viel frischen Wind. Eigentlich müsste die prachtvolle Magistrale umbenannt werden in Windige Straße. Ich genieße den Ausblick bei der Fahrt im gläsernen Aufzug. Er wurde dem Haus, welches Zierelemente der norddeutschen Backsteingotik schmücken, nach der Wende dezent an die Rückfront gesetzt. Sigrid Keler schenkt mir im Wohnzimmer Kaffee ein.

Ich hole meinen Stichwortzettel heraus. Und dann passiert genau das, was wir von Wilhelm Busch kennen. "Aber hier wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt." Ich stelle nicht, wie geplant, meine Fragen, sondern bewundere erst einmal Schätze. Die gibt es in jedem Zimmer und auch in der Küche. Frauenkörper, Männerkörper, Tiere - und alle aus Stein. Keine Künstlerhände haben sie geformt, sondern die Hände der Natur. Es sind Fundstücke vom Strand und Meisterwerke. Und ich mache das Gleiche mit ihnen wie Sigrid Keler. Ich streichele die Steine und schaue mich gerne in den Zimmern um.

"Hellerau?" frage ich und Sigrid Keler nickt, als ich auf die Möbel zeige. Diese einst zu DDR-Zeiten so beliebten Schränke haben so manchen Umzug bei Kelers überstanden, ohne klapprig zu werden, was für ihre Qualität spricht. Neugierig macht mich ein Sessel, dem ich jeglichen Komfort abspreche. Laut sage ich, was Ältere beim Anblick eines Futonbettes denken: "Hier kommt man nicht so schnell wieder hoch." "Ausprobieren", rät mir Sigrid Keler, und ich werde dadurch eines Besseren belehrt und in mir wird zugleich die Begeisterung für ihren Schwiegervater geweckt. Er hat diesen Sessel entworfen. Zu DDR-Zeiten hatte Peter Keler eine Professur an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar inne. Ein großes Bild von einer Wiege, die er 1922 für die erste Bauhausausstellung aus Kreis und Dreieck kreierte, sehe ich im Flur. Die Wiege wird noch immer verkauft und wirkt wie ein super modernes Babybett aus der heutigen Zeit. Und weil Sigrid Keler den Vornamen des Schwiegervaters schon immer mochte, heißt auch ihr Sohn Peter.

Nach dem langen Spaziergang durch die mit Bildern, Büchern und Steinschätzen geschmückten Räume sitzen wir wieder im Wohnzimmer. "Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen", heißt es bei Goethe. Hier springen sie mir förmlich ins Auge. Die Geschichten über sie bauten eine Brücke zwischen mir und meiner Gesprächspartnerin auf. Ähnlich ging es vielen, die ins Amtszimmer der Finanzministerin Keler nach Schwerin kamen, denn auch auf ihrem Schreibtisch lagen Steine. Viele davon hat sie nach ihrer Amtszeit verschenkt.

Ein Stein aus ihrer großen Sammlung, der dicht neben einer Plastik im Wohnzimmer steht, sorgt dafür, dass unser Kaffee noch kälter wird, denn auch er will berührt werden. Sigrid Keler erzählt, dass sie und ihr Mann nach dem Kauf der Plastik die Zwillingsfrau dazu am Strand fanden. Steine in den bizarrsten Formen und Seeigel, die vom Stein umrahmt werden, würde so mancher von uns nicht einmal finden, wenn er tagelang auf allen vieren unterwegs wäre. Dazu braucht es schon ein geübtes Auge und viel Training. "Früher", sagt Sigrid Keler, "haben mein Mann und ich Suchwettbewerbe nach Seeigeln veranstaltet." Sie stand einmal auf dem Siegerpodest mit sieben versteinerten Stachelhäutern. "Steine sammeln, Steine zerstreuen…" kennen viele aus der Bibel oder aus einem Lied von den Puhdys. Die Kelers praktizieren das ständig in ihrer Freizeit, denn das Meer ist für sie so dicht vor der Tür wie bei einem Bayern der Schnauzbart vor der Nase.

Der Toilettengroschen in der Handtasche

Weit weg von Neptuns Reich war Sigrid Keler in ihrer Kindheit. Geboren wurde sie 1942 im schlesischen Herrnstadt. Nach der Flucht kamen die Eltern und ihre fünf Geschwister in Thüringen unter. Es mangelte in dieser Familie nie an Fröhlichkeit, aber stets an Geld. Über Letzteres wurde zu Hause nie gestritten. "Als Kind war ich, wann immer es ging, draußen", sagt sie. Durch Spaziergänge mit der Familie lernte sie diese Landschaft schätzen und lieben. "Mein Vater war streng", erzählt sie "und es steckte viel von einem preußischen Beamten in ihm." Er war Leiter einer Sonderschule in Thüringen. Jeden Morgen ließ er sich von seiner Frau ein frisches Taschentuch geben, damit er, wenn es Not tat, seinen Schülern die Nase putzen konnte. 1960 machte sie ihr Abitur an der Kinder- und Jugendsportschule in Nordhausen. 1961 begann sie ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Leipzig. "Das Thema Wirtschaft war zu diesem Zeitpunkt interessanter in der DDR geworden", erzählt sie. Die Eltern rieten ihr dazu.

"Mit diesem Studium kannst du in viele Bereiche einsteigen", sagte die Mutter, die übrigens "die Finanzministerin" in der Familie war. Dass ihre Tochter 1996 die Finanzministerin eines Bundeslandes in Deutschland wird, hat sie nicht mehr erleben können. Als frisch gebackene Diplom-Ökonomin passierte Sigrid Keler 1965 etwas, worum sie heute viele beneiden würden. Sie hatte fünf verschiedene Arbeitsangebote und entschied sich für eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Industriemarktforschung bei den Chemischen Werken in Buna. Sie schätzte die selbstständige Arbeit dort und hätte diese auch nicht so schnell aufgegeben, wenn sie sich nicht beim Studium in Leipzig in Jan Keler verliebt hätte. 1968 heirateten die beiden in Weimar. Die Braut trug ein Minikleid. Der neueste Modeschlager hüben wie drüben. Anfang der sechziger Jahre hatte der Schwiegervater ein Grundstück mit Schuppen in Born auf dem Darß erworben. Das junge Ehepaar erwischte es schon beim ersten Besuch. Sie verliebten sich von der ersten Minute an in diesen von Wasser, Wäldern und Wiesen umgebenen stillen Ort. Für Georg Bernhard Shaw war Liebe auf den ersten Blick ungefähr so zuverlässig wie eine Diagnose auf den ersten Händedruck, aber die jungen Kelers sind tatsächlich von der ersten Minute in Liebe entbrannt und die Liebe für diese urwüchsige Halbinsel besteht noch immer. Ihr Glück konnten sie kaum fassen, als sie Anfang der siebziger Jahre im Norden Arbeit fanden. Und hier wuchs auch ihr erstes Kind, Tochter Daniela, auf.

Von 1971 bis 1990 arbeitete Sigrid Keler im Faserplattenwerk in Ribnitz, zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin und dann als Abteilungsleiterin für Absatz-Planung, Bilanzierung und Vertragsgestaltung. Die Arbeit wurde zunehmend zermürbender. Sie kam oft nach Hause und sagte ihrem Mann: "So kann es nicht weitergehen. Es bricht alles zusammen." Ihre Prophezeiungen wurden 1989 Wirklichkeit. Sich politisch zu engagieren, machte nun einen Sinn und ihre Kinder drängten sie förmlich dazu. Im Januar 1990 zählte sie zu den Mitbegründern der SPD. Weil private Telefone damals noch eine Rarität waren, erfuhr sie erst nach Wochen, dass auch ihre drei Brüder Mitglied dieser Partei geworden waren.

In den folgenden Jahren beackerte sie das schwierige und weite Feld der Finanzen. Sie wurde Vorsitzende des Finanzausschusses des Landtages, Schatzmeisterin im SPD-Landesvorstand, Mitglied im Landtag. Ab 1996 war sie Ministerin für Finanzen und auf Wunsch ihres Mannes ab diesem Tag auch die Finanzministerin zu Hause. Vorher hatte er sich um alle Geldangelegenheiten gekümmert. Ihre Handtasche im Urlaub wäre für Diebe ein Reinfall gewesen, denn ihr Portmonee beherbergte nur den Toilettengroschen. "Die erste Zeit im Landtag als Finanzausschuss-Vorsitzende war schwer", verrät sie. Aber viel Hilfe erhielt sie von Heide Simonis und von der Hamburger Finanzbehörde. Später als Finanzministerin machte sie sich nicht immer beliebt. Mit der Forderung Gehälter für Politiker zu kürzen, die trotz sprudelnder Steuereinnahmen immer noch Schulden machen, sorgte sie für heiße Diskussionen. Der resoluten Frau gelang 2007 eine Schuldentilgung von 240 Millionen Euro und bereits ein Jahr zuvor hatte sie einen Haushalt ohne Neuverschuldung geschafft. "Meine Finanzpolitik war stets dem langfristigen Gemeinwohl verpflichtet. Ich glaube nicht daran, dass die Zukunft nur über Wachstum weiterentwickelt werden kann. Unsere Erde ist endlich und wir müssen die natürlichen Ressourcen sinnvoll einsetzen und alle mehr Verantwortung für die Natur übernehmen", sagt sie.

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