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Mecklenburg-Vorpommern

21. Oktober 2017 | 21:35 Uhr

Für einen Moment durchatmen

vom

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erstellt am 20.Sep.2013 | 09:53 Uhr

Schwerin | Behutsam zieht Sylvia Kriszat den Reißverschluss an der Jacke ihres Schützlings ganz nach oben: "Auch wenn die Sonne scheint, so warm, wie es aussieht, ist es draußen nicht", erklärt sie Hilde Desens. Die schaut sie aus großen Augen an - und schweigt. Später sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus, doch einen Sinn ergeben sie nicht. Sylvia Kriszat hört dennoch zu, streut manchmal ein "Ja, ja" ein und streicht der adrett gekleideten Frau liebevoll über den Arm.

Hilde Desens ist schon seit Jahren demenzkrank. "2004 hat sich das richtig bemerkbar gemacht", erinnert sich ihr Lebensgefährte Peter Hinze. "Los ging es sicher noch früher, aber wenn man so viele Jahre zusammenlebt wie wir, dann versteht man sich blind, und sowas wie Wortfindungsstörungen fallen einem lange Zeit gar nicht auf."

Vergesslichkeit, Verhaltensauffälligkeiten und Gedächtnisstörungen sind Symptome, die auf eine Demenzerkrankung hinweisen können. 1,4 Millionen Menschen in Deutschland leiden an dieser Störung im Gehirn, die zu einer grundlegenden Persönlichkeitsveränderung führen kann. Im frühen Stadium entwickeln die Erkrankten Strategien, mit denen sie Defizite lange Zeit kompensieren können. "So wird, wie bei Herrn Hinze, Angehörigen oft erst in der Rückschau klar, wann die Erkrankung begonnen hat", erklärt die Leiterin des Zentrums Demenz in Schwerin, Ute Greve. Eine Heilung sei bisher nicht möglich. "Häufig ist es aber möglich, den Erkrankungsverlauf eine Zeit lang zu verlangsamen."

Auch bei Hilde Desens war das so. Seit vier Jahren habe sich ihr Zustand aber so verschlechtert, dass sie nun ständig betreut werden muss, erzählt Peter Hinze. Für ihn ist es nicht nur selbstverständlich, dass er sich weiter um die Frau an seiner Seite kümmert. Er will es auch richtig machen. Am Zentrum Demenz hat der Pampower deshalb einen Einführungslehrgang besucht, um verstehen zu können, woran seine Partnerin erkrankt ist.

Jetzt hat er eine weitere Schulung angefangen, in der ausschließlich Männer lernen, ihre demenzkranken Frauen zu pflegen. Während Peter Hinze die Schulbank drückt, kümmert sich Sylvia Kriszat um seine Partnerin. Beide kennen sich aus den Gruppentreffs, die an jedem Donnerstagnachmittag im Zentrum Demenz stattfinden. Für jeweils drei Stunden wird Hilde Desens dann aus Pampow abgeholt. Peter Hinze kann in dieser Zeit dringende Erledigungen machen. In Schwerin kümmern sich unterdessen ehrenamtliche Helfer um seine Partnerin und andere Betroffene.

"45 Personen werden zurzeit von unseren Ehrenamtlichen betreut", so Ute Greve. 50 Helfer unterstützen das Zentrum, darunter auch drei Männer. Sie können Angehörige entlasten, ihnen wenigstens kurze Momente zum Atemholen verschaffen. "Für die Demenzkranken selbst bringen die ehrenamtlichen Helfer Abwechslung und Anregung in den Alltag", weiß Ute Greve, die davon überzeugt ist, dass gerade am Anfang der Erkrankung menschliche Nähe sehr viel wichtiger ist als eine professionelle Betreuung.

Sylvia Kriszat hatte Anfang des Jahres in der Zeitung gelesen, dass das Zentrum Demenz ehrenamtliche Helfer suchte, die auch bereit waren, sich schulen zu lassen. Das Angebot kam für die Schwerinerin genau zur rechten Zeit. Denn im vergangenen Jahr war ihr Sohn gestorben, den sie 26 Jahre lang gepflegt hatte. "Das waren 48-Stunden-Tage", sagt die 50-Jährige, wenn sie heute an diese Jahre zurückdenkt. "Die Zeit, die ich nun wieder für mich hatte, wollte ich nicht sinnlos verstreichen lassen." Dass Demenz für sie ein ganz neues Thema war, half in der schwierigen persönlichen Situation. "Und mein Mann, der hat mich sehr unterstützt und bestärkt", erzählt sie. Parallel zur Schulung habe sie sich jede Menge Fachliteratur angeschafft und studiert. Trotzdem sei sie sehr aufgeregt gewesen, als nach der Ausbildung die ersten Einsätze anstanden.

Wer wann wem hilft, werde auf den monatlichen Fallkonferenzen festgelegt. "Da kann jeder ganz frei entscheiden, welchen Fall er übernimmt", erklärt Sylvia Kriszat. Sie selbst muss zum Beispiel, wie andere auch, ihr Ehrenamt mit beruflichen Verpflichtungen unter einen Hut bringen.

Anfangs habe sie sich nur für die Gruppennachmittage gemeldet, erinnert die Schwerinerin sich, "da habe ich mich sicherer gefühlt, weil ja noch andere Helfer an meiner Seite waren." Die meiste Zeit an diesen Nachmittagen werde nämlich gemeinsam verbracht: Bei Geschicklichkeits- und Gedächtnispielen und schließlich an der Kaffeetafel. Erst in der letzten Stünde würden die Besucher in kleinere Grüppchen eingeteilt, in denen sie speziell gefördert werden.

"Wenn ich donnerstags nach Hause komme, sage ich mir jedesmal, was für ein schöner Nachmittag das doch war", erzählt Sylvia Kriszat. Es sei der richtige Schritt gewesen, dass sie sich für die ehrenamtliche Arbeit mit Demenzkranken entschieden habe.

"Von den Gruppennachmittagen kennen wir beide uns auch", sagt Sylvia Kriszat und lächelt Hilde Desens an. Inzwischen hat die Schwerinerin schon mehrere Einzelbetreuungen gemeistert - "vor der ersten habe ich vor lauter Aufregung nächtelang nicht schlafen können, aber dann war es gar nicht schlimm", erzählt die Schwerinerin.

Ute Greve hofft, dass dieses Engagement viele Nachahmer findet. Denn die Ehrenamtlichen des Zentrums und weitere 25, die für den Helferkreis in und um Schwerin im Einsatz sind, reichen bei weitem nicht, um den Bedarf abzudecken.

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