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Weihnachtsaktion „Wünschewagen“ : Für ein Leuchten in den Augen

vom
Aus der Onlineredaktion

Korinna Lembke aus Bad Doberan hilft in ihrer Freizeit dabei mit, letzte Wünsche zu erfüllen

svz.de von
erstellt am 06.Dez.2017 | 12:00 Uhr

Vor ihrem ersten Einsatz im Wünschewagen hatte Korinna Lembke eine weitgehend schlaflose Nacht. „Ich wusste so gar nicht, was da auf mich zukommt“, erinnert sich die 39-Jährige aus Bad Doberan an diese Fahrt Anfang September. Ein schwerkranker Rostocker wollte noch einmal im Bäckereicafé seines Bruders in Zingst ein Stück Kuchen essen – unsere Zeitung hatte seinerzeit über diese Fahrt berichtet. Mittlerweile unterstützen wir mit unserer diesjährigen Weihnachtsspendenaktion das Wünschewagenprojekt.

Die Fahrt nach Zingst sei letztlich für alle Beteiligten einfach nur schön und unbeschwert gewesen, sagt Korinna Lembke rückblickend – sicher auch, weil der Fahrgast einer der mobilsten überhaupt war, die das Wünschewagenteam bisher betreut hat.

Der Umgang mit schwer kranken Menschen ist für Korinna Lembke allerdings auch nichts Ungewohntes. Die gelernte Krankenschwester arbeitet zwar schon seit vielen Jahren im Sozialdienst des Doberaner Krankenhauses. „Wenn Not am Mann ist, übernehme ich aber auch heute noch Dienste auf den Stationen“, erzählt sie. Die Ausgleichszeiten für die so gesammelten Überstunden nutzt sie dann unter anderem für ihre Einsätze auf dem Wünschewagen. „Weil mein Arbeitgeber in der Hinsicht voll hinter mir steht, kann ich auch mal kurzfristig frei nehmen“, betont sie. Schließlich bleibe vielen Menschen nur noch wenig Zeit, deshalb würden mitunter von einem Tag auf den anderen Freiwillige aus dem Wünschewagenteam zur Begleitung einer Fahrt gesucht.

Dass Korinna Lembke in ihrer Freizeit dabei hilft, letzte Wünsche zu erfüllen, hat viel, aber nicht ausschließlich mit ihrer Arbeit zu tun. „Vor knapp anderthalb Jahren haben wir im Krankenhaus eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich mit palliativen, also unheilbar kranken Patienten beschäftigt“, erklärt sie. Dabei ging es auch darum, diesen Kranken den Klinikaufenthalt und unter Umständen dort auch die letzten Tage ihres Lebens so angenehm wie möglich zu gestalten. Wünsche zu erfüllen gehöre dazu – auch wenn sich die Krankenhausmitarbeiter dabei unter Umständen Unterstützung von außen holen müssten, zum Beispiel durch das Wünschewagenteam.

Korinna Lembke erinnert sich noch gut an einen Patienten, der ihr gleich eine ganze Wunschliste übergeben hatte: „Er wollte, dass wir einen Blumenstrauß an seine Hausärztin schicken. Wir sollten seinen Sohn holen. Seine Frau sollte noch einmal mit ihm in einem Zimmer schlafen. Und er hatte auch gefragt, ob wir helfen können, seiner Frau einen Heimplatz zu besorgen“, weiß sie noch genau. Nachdem dann alles „abgearbeit“ und alle gegangen waren, hätte er sie gebeten, noch ein bisschen bleiben. „Und anderthalb Stunden später war er tot…“

So etwas passiere sehr oft, erklärt Bettina Hartwig, die Projektkoordinatorin des Wünschewagens in Mecklenburg-Vorpommern. „Viele Menschen können leichter loslassen, wenn ihr letzter Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist – und zwar oft schon ganz kurz danach.“ Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Ruhr, der bereits seit 2015 einen Wünschewagen betreibt, habe beispielsweise ermittelt, dass die meisten Passagiere binnen 14 Tagen nach ihrer Wünschefahrt versterben würden. Hier gebe es solche Statistiken noch nicht. Allerdings würde sie auch nicht nachfragen, erklärt Bettina Hartwig. Nur wenn Angehörige oder Pflegekräfte sich noch einmal bei ihnen meldeten, würden sie von Todesfällen erfahren.

Auch ihre eigene Oma, die letztes Jahr im Dezember verstorben ist, hätte einen letzten großen Wunsch gehabt, erzählt Korinna Lembke. „Sie wollte so gerne noch mal schwimmen gehen.“ Aber die Familie hätte das nicht hinbekommen, allein der Transport einer Schwerkranken sei von Privatpersonen ja kaum zu bewältigen, ganz zu schweigen davon, einzugreifen, falls sich ihr Zustand unterwegs verschlechtern würde. „Wenn ich damals gewusst hätte, dass es in Brandenburg, wo Omi lebte, zu der Zeit schon einen Wünschewagen gab…“, meint Korinna Lembke heute nachdenklich.

Für die Mutter dreier Söhne ist auch diese Erfahrung ein Grund zu helfen, anderen Menschen ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Mittlerweile hatten sie als „erfahrene“ Mitstreiterin sogar schon einen Neuling im Team des Wünschewagens angelernt. Denn die knapp 60 Ehrenamtler des Projektes werden für ihre Einsätze nicht nur speziell geschult, erklärt Bettina Hartwig. Sie werden auch Schritt für Schritt an ihre Aufgaben herangeführt. Nicht allein zu sein, sich im Team austauschen zu können, helfe dabei sehr, betont Korinna Lembke.

Der Doberanerin, die sich auch in ihrer Kirchgemeinde ehrenamtlich engagiert, hilft zudem ihr Glaube dabei, Menschen in der letzten Lebensphase zur Seite zu stehen. Die größte Motivation aber zieht sie aus dem Leuchten in den Augen derjenigen, deren Wunsch in Erfüllung geht. „Das gibt mir ungeheuer viel Kraft.“

So läuft die Alarmierungskette im Wünschewagenteam

Steht fest, dass ein Wunsch erfüllt werden kann und ist auch ein Termin dafür gefunden, bekommen alle 57 Ehrenamtlichen eine SMS bzw. eine WhatsApp-Nachricht auf ihr Handy. „Das ist eine vorgefertigte Maske, in der steht, um welchen Tag und um welche Zeitspanne es beim nächsten Einsatz geht“, erläutert die Projektleiterin des ASB-Wünschewagens, Bettina Hartwig. Die Freiwilligen können dann mit ihren beruflichen und privaten Terminen abgleichen, ob sie Zeit haben. Nur wer bei dem Einsatz mitmachen möchte, meldet sich anschließend bei Bettina Hartwig zurück.

„Eine Zeitspanne für die Rückmeldung haben wir nicht vorgegeben. In der Regel kommen die Reaktionen aber noch am selben, spätestens am nächsten Tag“, erklärt sie. Zum Teil gebe es mehr Rückmeldungen als nötig. Gerade in Ferienzeiten oder auch bei sehr kurzfristigen Einsätzen käme es aber auch vor, dass niemand Zeit hat. „Dann gibt es einige bei uns im Team, die ich noch einmal gesondert anschreibe oder anrufe. Sie sind zum Beispiel Freiberufler und deshalb flexibler in der Zeiteinteilung. Oder sie sind selbst irgendwo im Land beim ASB angestellt, da klappt es einfacher mit der Freistellung“, meint Bettina Hartwig.

Gibt es mehr Rückmeldungen als Helfer gebraucht werden, wählt sie nach mehreren Kriterien aus. „Zum einen spielt örtliche Nähe eine Rolle“, erklärt sie. Zum anderen schaue sie aber auch darauf, welche Betreuung der Fahrgast braucht. Manchmal reiche dafür eine Krankenschwester oder eine Altenpflegerin. „Muss derjenige aber zum Beispiel beatmet werden, muss zumindest einer im Team auch entsprechend ausgebildet sein.“ Bei Wünschenden, deren Gesundheitszustand schon sehr schlecht ist und die Schmerzen leiden, sollte eine Intensiv- oder Palliativschwester mitfahren.  „Gerade davon könnten wir im Team noch mehr brauchen“, gesteht Bettina Hartwig. „Fahrer dagegen haben wir genug.“

Momentan versucht die Projektleiterin, immer einen erfahrenen Ehrenamtler, der schon mindestens eine Wünschefahrt mitgemacht hat, und einen Neuling zusammen einzuteilen.

Steht das Team, bekommt es in einer Mail ausführlichere Erklärungen zur anstehenden Wünschefahrt. Wer ist der Wünschende, wo soll er abgeholt werden, wohin geht die Fahrt, was wird dort passieren, welche Hilfsmittel werden benötigt, welche Besonderheiten sind zu beachten… „Theoretisch kann auch dann noch jemand sagen, dass er sich nicht zutraut, diese Fahrt zu begleiten – aber bisher ist das noch nicht vorgekommen“, erklärt Bettina Hartwig.

Einen Sonderfall stellen Fahrten dar, bei denen Kinder an Bord sind. Bisher ist das erst zweimal passiert – aber beide Fahrten klingen auch noch heute bei denjenigen nach, die sie begleitet haben. „Es gibt einige im Team, die ausdrücklich gesagt haben, Fahrten mit Kindern schaffen sie nicht zu begleiten – und das akzeptieren wir natürlich“, betont die Projektleiterin.

Am Einsatztag selbst gibt sie dem Team in der ASB-Rettungswache in Bad Doberan, wo der Wünschewagen stationiert ist und zu seinen Fahrten startet, die letzten Instruktionen – und eine Mappe, in der alles Wichtige schriftlich zusammengefasst ist. Auch eine Kopie der Patientenverfügung – wenn sie denn vorliegt – befindet sich darin. „Was da drinsteht, ist unbedingt einzuhalten“, betont Bettina Hartwig.

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