Tagesmütter und -väter in MV : Für die Eltern erste Wahl

Tagesmutter Thaila Pahl-Prignitz  ist für Anna und Johann eine wichtige Bezugsperson.
Tagesmutter Thaila Pahl-Prignitz ist für Anna und Johann eine wichtige Bezugsperson.

In Mecklenburg-Vorpommern kümmern sich 1400 Tagesmütter und -väter um die Jüngsten – vom Land aber wird ihre Arbeit deutlich geringer geschätzt als die in Kitas

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20. April 2015, 08:00 Uhr

„Mama, Mama!“ Allein am Motorengeräusch des herannahenden Autos erkennt die zweijährige Anna, dass sie jetzt abgeholt wird. Sie lässt in der Sandkiste alles stehen und liegen und saust zum Zaun. Wenig später schüttelt ihre Mama Kerstin Fahr der Tagesmutter ihrer Tochter die Hand.

Seit gut einem Jahr kümmert sich Thaila Pahl-Prignitz in Tarnow bei Bützow um die zweijährige Anna und um vier andere Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren. Fünf weitere Knirpse werden von ihrer Schwester Monik Bode betreut. „Ich kenne die beiden von Kindesbeinen an“, erzählt Annas Mutter. „Schon deshalb wollte ich die Kleine gerne hierher bringen.“ Tagesmutti statt Kinderkrippe – für sie sei ausschlaggebend, dass die Gruppe hier viel kleiner ist, dass die Betreuerin sich deshalb viel intensiver um jedes einzelne Kind kümmern kann, meint die Mutter aus Peetsch. „Anna kommt hier morgens rein – und ist auch schon verschwunden. Da merkt man gleich, dass sie sich wohlfühlt.“

Vor zwölf Jahren machten sich die Schwestern, beide gelernte Erzieherinnen, mit der Tagespflege „Wichtelstübchen“ in Tarnow selbstständig – und haben das bis heute nicht bereut. „Denn für die Eltern sind wir erste Wahl. Dass fast alle über Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns kommen, ist doch die beste Anerkennung unserer Arbeit“, freut sich Thaila Pahl-Prignitz.

„Die Politik aber behandelt uns nur wie die zweite Wahl bei der Kinderbetreuung“, schiebt sie hinterher. Nicht nur, dass die Betreuungskosten in der Kindertagespflege nur mit 60 Prozent der Kosten in einer Kindereinrichtung berechnet würden. Noch diskriminierender finden es die Tagesmütter, dass das Land den Platz bei ihnen nur mit 40 Euro Elternentlastungs-Beitrag bezuschusst, während es zum Kita-Platz 100 Euro im Monat beisteuert. „Leidtragende sind dabei nicht wir, sondern die Eltern. Sie machen von ihrem gesetzlich verbrieften Wahlrecht bei der Kinderbetreuung Gebrauch, müssen aber für den Platz bei einer Tagesmutti deutlich mehr aus der eigenen Tasche bezahlen“, kritisiert Thaila Pahl-Prignitz.

Betroffen sind immerhin rund 5400 Mädchen und Jungen, die derzeit im Land von insgesamt 1400 Tagesmüttern und -vätern betreut werden. Schon bei der damaligen Sozial- und heutigen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hätten sie und viele ihrer Kolleginnen dagegen protestiert – die Antwort hätte lapidar gelautet, so stehe es nun mal im Gesetz, erinnert sich die Tarnower Tagesmutter. Ministerpräsident Erwin Sellering, den Tagesmütter bei einem Sprechtag in Güstrow mit dieser Ungleichbehandlung konfrontierten, habe zwar erstaunt zugegeben, davon bisher noch gar nichts gewusst zu haben – geändert habe sich aber auch danach nichts.

Trotzdem geben die Tagesmütter aus dem Landkreis Rostock nicht klein bei. Für Ende des Monats hat der Verein LIKITA – die Abkürzung steht für Liebevolle Kindertagespflege in Güstrow und Umgebung – zum Beispiel die Linksfraktion des Landtages zu sich eingeladen. Deren kinder-, jugend- und familienpolitische Sprecherin Jacqueline Bernhardt hatte sich unlängst den Unmut vieler Tagesmütter zugezogen, als sie forderte, deren Ausbildung an die vierjährige von Kita-Erzieherinnen und -erziehern anzupassen.

„Das ist gar nicht nötig“, betont die stellvertretende LIKITA-Vorsitzende Heike Rapke. Sie selbst sei ausgebildete Erzieherin, so die Tagesmutter aus Güstrow, und von daher befähigt mit Kindern und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 0 und 27 Jahren zu arbeiten. „Tagespflegepersonen dagegen betreuen bis auf ganz wenige Ausnahmen nur Kinder im Alter bis zu drei Jahren, ihre Ausbildung sollte sich deshalb auch auf diese Altersgruppe beschränken“, meint Rapke. Dafür seien zwei Jahre Ausbildung ausreichend. Das Problem sei, dass es keine Definition des Berufsbildes Tagesmutter bzw. -vater gebe, in der Ausbildungsinhalte und auch -dauer eindeutig geregelt sind.

Geregelt sei allerdings, dass sich alle Tagesmütter im Land mindestens 25 Stunden im Jahr weiterbilden müssten – in der Freizeit und weitgehend auf eigene Kosten. Immerhin: 150 Euro gebe das Jugendamt dazu – das allerdings akribisch kontrolliere, ob man sich wirklich weiterbilde, so Thaila Pahl-Prignitz. Aber das sei auch in Ordnung – „selbst für uns, die wir den Erzieherberuf gelernt haben, ist Weiterbildung ganz wichtig. Schließlich gibt es immer wieder neue Methoden und Trends , über die man sich auf dem Laufenden halten sollte.“

Weil Tagesmütter Einzelkämpferinnen sind, dienen die Weiterbildungsabende und -wochenenden aber auch dem gegenseitigen Austausch. „Dieser Aspekt, auch mal mit anderen , die die gleichen Probleme haben, ins Gespräch kommen zu wollen, war für uns vor 14 Jahren auch der Grund zur Vereinsgründung“, erklärt LIKITA-Vorsitzende Monika Wolf. Dazu käme: „Gemeinsam haben wir auch eine viel stärkere Verhandlungsposition gegenüber dem Jugendamt.“ Außerdem organisiert LIKITA für seine Mitglieder selbst Weiterbildungen ganz nach deren individuellem Bedarf, ergänzt Heike Rapke.

52 Mitglieder hat der Verein gegenwärtig. „Wir waren auch schon mal 84“, betont Monika Wolf. Durch Rechtsänderungen seien den Tagesmüttern aber immer wieder neue Steine in den Weg gelegt worden, so dass nicht wenige aufgegeben hätten. Zurzeit macht den Tagesmüttern ihre soziale Absicherung die größten Sorgen. „Momentan gelten wir bei der Krankenkasse als freiwillig Selbstständige und können uns über eine Pauschale von 151 Euro im Monat versichern“, erläutert Thaila Pahl-Prignitz. Doch dieser Status soll nur noch drei Jahre lang gelten. Ab 2018 müssten die Tagesmütter dann 360 Euro zahlen.

„Weil wir nur den Mindestbeitrag zahlen, haben wir sowieso nur Anspruch auf ärztliche Versorgung, aber keinen auf Krankengeld“, weist die Güstrower Tagesmutter Ines Seewald auf ein weiteres Problem hin. Von mancher ehemaligen Tagesmutter, die aufgegeben hätte und wieder in eine Einrichtung zurückgegangen wäre, habe sie den Satz gehört: „Ich möchte auch mal krankgeschrieben sein.“ „Das ist auch so ein Problem: Wer vertritt uns, wenn wir mal krank sind“, spinnt Heike Rapke den Faden weiter. Den Tagesmüttern in Güstrow und Umgebung bliebe gar nichts anderes übrig, als übers Wochenende zu versuchen, wieder fit zu werden. „Krank zu werden können wir uns einfach nicht leisten“, meint Heike Rapke. In Parchim gebe es ein Modellprojekt, in dem Springer im Krankheitsfall die Tagespflege übernehmen – aber sowas ginge nur, wenn jemand auch die Kosten übernehme.

Trotzdem sehen die Güstrower Tagesmütter optimistisch in die Zukunft – denn fast alle haben sie Wartelisten. Annas Mutter würde ihre Tochter am liebsten auch über den 3. Geburtstag hinaus noch bei ihrer Tarnower Tagesmutter lassen – „aber das geht nur in Ausnahmen, wenn die Eltern dem Jugendamt nachweisen können, dass ihre Arbeitszeit nicht mit den Kita-Öffnungszeiten übereinstimmt“, erklärt die. „Schade“, meint Kerstin Fahr, „es ist doch so schön hier.“

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