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Fünf Stunden arbeiten für einen vollen Tank

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erstellt am 02.Aug.2012 | 10:02 Uhr

Schwerin | Die Goldgräberstimmung ist längst vorbei: Millionen zusätzliche Verbraucher in den neuen Ländern ließen die Kassen der Einzelhändler zu Beginn der 90er-Jahre derart kräftig klingen wie wohl nie mehr später. "Eine einmalige Entwicklung", erinnert sich Dierk Böckenholt. Davon können die Einzelhändler heute nur noch träumen. 20 Jahre später bereiten dem Chef des Einzelhandelsverbandes Nord der harte Wettbewerb und die rapide sinkenden Gewinne der Einzelhändler Kopfzerbrechen. Zwar erwartet die Branche in diesem Jahr wieder einen leichten Umsatzanstieg von 1,5 Prozent. Nur: "Da bleibt nicht mehr viel übrig", meint er - die Rendite der Einzelhändler im Sinkflug.

Ein Trendwende ist nicht in Sicht: Von den Verbrauchern ist nicht mehr zu holen. Die Kaufkraft der Deutschen ist seit der Wiedervereinigung kaum gestiegen. Denn in selbem Maße, wie die Chefs die Nettolöhne für ihre Angestellten erhöhten, stiegen auch die Warenpreise, ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Das wird zumindest vorerst auch so bleiben, meint IW-Preisexperte Christoph Schröder. Seinen Berechnungen zufolge bekam ein Arbeitnehmer im vergangenen Jahr für eine geleistete Arbeitsstunde netto 45 Prozent mehr Lohn als vor 20 Jahren. Den Beschäftigten ist davon nicht viel geblieben. Denn im selben Zeitraum legten auch die Preise um 43 Prozent zu. Die Inflation fraß die Gehaltszuwächse fast komplett auf. Und so arbeiten die Kunden heute für einen identischen Warenkorb im Schnitt genauso lange wie vor 20 Jahren. Umgerechnet auf die Kaufkraft je Minute müssen die Deutschen heute wie damals für ein Brot zehn Minuten, ein Flaschenbier drei Minuten, zehn Eier acht Minuten, ein Kilo Rindfleisch 31 Minuten und eine Damenstrumpfhose 16 Minuten arbeiten - der Wohlstand stag niert.

Vor allem Modebewusste können sich aber freuen. Da die Preise für Textilien und Schuhe in den vergangenen zwei Jahrzehnten weniger stark stiegen als die für den Rest des täglichen Bedarfs, sind Pumps, Kleider, Anzüge heute schneller verdient als vor 20 Jahren - fünf Stunden weniger für einen Herrenanzug, eindreiviertel Stunden weniger für ein Paar Damenpumps. Für die Stöckelschuhe musste man 20 Jahren noch sechs Stunden und 49 Minuten arbeiten, inzwischen reichen fünf Stunden und fünf Minuten. Auch für den Einkauf im Lebensmittelmarkt brauchen Verbraucher nicht mehr so lange an der Werkbank stehen. Obwohl die Qualitätsanforderungen an sichere Lebensmittel und die Kosten für die Landwirte deutlich gestiegen sind, haben sich Lebensmittel in den vergangenen 20 Jahren nur um etwa ein Drittel verteuert, ermittelten die IW-Analysten. So ist ein Kotelett heute schon nach einer halben Stunde verdient, damals waren es 36 Minuten.

Deutlich schneller leisten kann man sich auch Haushaltstechnik. Für eine Waschmaschine mussten Verbraucher vor 20 Jahren noch 51 Stunden und 44 Minuten die Aufträge des Chefs erfüllen, heute sind für die technische Haushaltshilfe nur noch 27 Stunden und 55 Minuten notwendig. Ein Fernseher kann man sich inzwischen schon nach einer 30-Stunden-Arbeitswoche leisten - und das bei deutlicher Qualitätsverbesserung der Geräte, meint Schröder. Anfang der 90er-Jahre waren für die Flimmerkiste noch 76 Stunden und 32 Minuten Arbeit notwendig.

Einen Kaufkraftzuwachs haben vor allem Ostdeutsche zu spüren bekommen. Nach den in den 90er-Jahren von einem niedrigen Ausgangsniveau deutlich gestiegenen Löhnen könnten sie sich heute über 20 Prozent mehr leisten als 1991, meint IW-Kaufkraftexperte Schröder. Seit der Wende hätten sich die Entgelte fast verdoppelt, die Preise seien aber nur um 70 Prozent gestiegen. Das habe zu einem überproportionalen Anstieg der Kaufkraft in Ostdeutschland geführt, erklärte Verbandschef Böckenholt.

Pendlern hingegen zieht die Preisentwicklung das Geld deutlich schneller aus der Tasche als noch vor 20 Jahren. So müssen sie heute fünf Stunden malochen, um einen 50-Liter-Tank füllen zu können. 1991 waren es eineinhalb Stunden weniger. In Ostdeutschland seien auch die Preise für persönliche Dienstleistungen stärker gestiegen als die Löhne, beobachtete Schröder.

Der IW-Experte gibt sich dennoch optimistisch: Deutschland habe in den vergangenen Jahren durch Reformen die Wettbewerbsfähigkeit verbessert. "Die Anpassung ist durch", meint er und stellt den Verbrauchern höhere Einkommen in Aussicht: "Der Verdienst dürfte eher stärker steigen als in den vergangenen zehn Jahren."

Den Einzelhändlern in MV dürfte das dennoch kaum mehr Geld in die Kasse spülen. Die in den letzten Jahren um fünf Prozent gestiegene Mehrwertsteuer, höhere Ausgaben für Freizeitangebote, für Energiekosten und vor allem drastisch gestiegene staatlich bestimmte Preise: Die Verbraucher schaufeln um und verteilen ihre privaten Konsumausgaben neu. "Der Anteil für den Einzelhandel wird immer weniger", beklagt Verbandschef Dierk Böckenholt.

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