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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 08:49 Uhr

Fünf Euro für jeden Arztbesuch?

vom

svz.de von
erstellt am 20.Mär.2012 | 10:13 Uhr

Berlin/Schwerin. Die Deutschen sind berühmt für ihre "Arztrennerei". Mit 17,1 Arztkontakten pro Versichertem liegen sie international an der Spitze. Doch jetzt hat das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) nachgerechnet und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen: 50 Prozent der Arztbesuche gehen auf das Konto von 16 Prozent der Patienten - sie treiben damit die Statistik in die Höhe. Es handelt sich dabei überwiegend um ältere und chronisch kranke Patienten, die eine intensivere Versorgung benötigen. Spitzenreiter sind Organtransplantierte mit 53,6 Arztkontakten pro Jahr. Hingegen: 25 Prozent der Bundesbürger gehen weniger als vier mal pro Jahr zum Doktor.
"Eine isolierte Betrachtung des Mittelwertes führt somit zu einer Fehlinterpretation des Versorgungsgeschehens", erklärte gestern Studienleiterin Sandra Mangiapane. Auch der internationale Vergleich mit den angeblichen Vorzeigeländern Schweden und Holland hinke. Viele der häufigen Arztbesuche in Deutschland gingen etwa auf Dialysepatienten zurück, die hierzulande ambulant versorgt würden. "In anderen Ländern gibt es kaum niedergelassene Fachärzte, da geht man gleich ins Krankenhaus", so Mangiapane. Ein Verhalten, das traditionell in Ostdeutschland aus Poliklinik-Zeiten noch weit verbreitet sei, weshalb Patienten dort seltener im Wartezimmer niedergelassener Ärzte sitzen. Schleswig-Holstein hingegen sei trotz einer leichten Überalterung "mit 16,9 Arztbesuchen pro Versichertem im Bundesvergleich absolut unauffällig", so die Studienleiterin.

"Praxisgebühr hat versagt"

"Auch die neuen Ergebnisse ändern an unserer Haltung zur Praxisgebühr nichts", betonte Delf Kröger von der Kassenärztlichen Vereinigung in Bad Segeberg. "Die Praxisgebühr hat als Steuerungsinstrument versagt", meint Kröger. Ursprünglich sollte mit der Gebühr auch die Zahl der Arztbesuche verringert werden. Inzwischen steht für Kröger fest: "Sie wirkt wie eine Flatrate: Wer einmal die zehn Euro gezahlt hat, will offenbar auch möglichst viel für sein Geld bekommen".
Nötig sei deshalb ein Modell, das Anreize für eine bewusste Inanspruchnahme medizinischer Leistungen setzt. Im Gespräch ist derzeit eine Gebühr von fünf Euro je Arztbesuch. Auch der Kieler Gesundheitsökonom Thomas Drabinski fordert ein Umdenken. "Sinnvoll wäre es, Patienten prozentual an den Behandlungskosten zu beteiligen - mit einer sozialverträglichen Obergrenze", fordert Drabinski.
Ob daraus allerdings in dieser Legislaturperiode noch etwas wird, ist mehr als fraglich. Die Bundesregierung hält nämlich an der umstrittenen Praxisgebühr fest, teilte CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn gestern in Berlin mit.


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