Streaming : Früher Tatort, heute Komaglotzen

Streamen ist das neue Fernsehen / Mit dem Start von Netflix vor fünf Jahren abonnieren wir zum Filmgenuss Überforderung und Druck

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17. September 2019, 20:00 Uhr

Als Kind gab es für mich diese eine feste Uhrzeit, jeden Tag: Um kurz vor 18 Uhr lief der Flimmerkasten und mit großen, erwartungsvollen Augen wartete ich auf den weißen Staub, den der Mann mit dem Ziegenbart für mich und tausende andere Kinder bereithielt. Dass dieser gar nicht müde machte, war egal. Mit dem Erwachsenwerden verschob sich die Zeitspanne nach hinten, aber der feste Termin blieb. Vor allem sonntags. 20 Uhr die Tagesschau, danach Tatort. Doch seit einigen Jahren sieht es so nur noch in den Wohnstuben unserer Eltern und Großeltern aus. Alle anderen streamen jetzt – und kaufen mit dem Abonnement Überforderung, Suchtgefahr und Beziehungskiller inklusive. Kein guter Deal.

Vor genau fünf Jahren flutete der amerikanische Streaming-Anbieter Netflix den Markt. Und er ist nicht allein. Sie heißen Sky, Amazon Video, Maxdome, Videoload oder Dazn, und bringen uns das, was eh überall von uns erwartet wird. Im Job, in der Freizeit, in der Partnerschaft: Flexibel sein und immer auf Abruf. Und nicht zu vergessen, immer was Neues, Besseres, Größeres erleben wollen. Das verspricht auch Netflix, mit mehr als 400 Serien und noch mehr Filmen: 3800. Auf Amazon Video sogar 14 000. Ist das jetzt höherer Kulturgenuss?

Nicht mehr bis zur nächsten Folge „Sex and the City“ sieben Tage warten, sondern schauen, wann und wo man will? Und wenn „Pretty Woman“ so gut war, gleich nochmal von vorn – ohne den Stapel DVDs in der Schublade zu bunkern. Oder „Lucifer“ bis mitten in die Nacht und bis zum nächsten Morgen?

Die Amis nennen es Binge Watching. Oder auch Komaglotzen. Serienmarathon. Man schaut Folge für Folge für Folge. Und da bieten die Streaming-Dienste ein perfektioniertes System. Automatisch wird nach dem Abspann die nächste Episode angespielt. Und verpasse ich den einen Moment, Stopp zu drücken, bin ich wieder gefangen. Da wundert es kaum, dass wir laut Gfk-Studie im ersten Quartal 2019 allein 1,2 Milliarden Stunden mit Streamen verbrachten. Wir, das sind mehr als 22 Millionen Deutsche ab 14 Jahren.

Und das bringt nicht nur lange Nächte und verschlafende Tage. Sondern auch eine Verschiebung von Prioritäten. Ach, die Steuererklärung mache ich morgen. Einkaufen dann übermorgen. Und für Partnerschaften ist Streaming der moderne Liebestöter: Irgendwann schläft man eben neben dem Laptop ein. Nix mit „Netflix and Chill“, die heutige Einladung auf einen „Kaffee nach oben“.

Mal von fehlender Zärtlichkeit abgesehen, sind Maxdome und Co auch eine Beziehungsprobe. Denn ist die letzte Folge von „The Rain“ geschaut, entbrennt wieder der Streit, ob nun Action oder Thriller. Und nach einer halben Stunde Diskussion wird dann doch die nächstbeste amerikanische Komödie gestartet, um endlich mal anzufangen. Und die ist dann: ein Flop. Da vermisse ich oft die gute, alte Fernsehzeitung, in der ich noch mit dem Finger durch die Sparten fahren konnte.

Zugleich bin ich Opfer dieser Streaming-Gesellschaft. Es passt zu meinem „flexiblen“ Leben. Die Tagesschau gucke auch ich inzwischen in der Online-Mediathek. Und für den Sofa-Abend ist eine Folge „Haus des Geldes“ einfach kürzer und spontaner. Ich muss zudem gestehen, manche Produktionen sind sogar richtig gut, wie die deutsche Netflix-Mystery-Produktion „Dark“. So wird deutsche Filmkunst international bekannt. Das hilft auch beim Smalltalk im Urlaub mit Briten oder Franzosen, denn: Wir schauen ja das gleiche. Super für den interkulturellen Austausch.

Zugleich setzt Streaming aber auch unter extremen sozialen Druck. Um mitreden zu können, muss man heute „House of Cards“ oder „Breaking Bad“ gesehen haben. Da kommt man ums Streaming-Abo nicht drum rum. Den einen festen Termin lasse ich mir dennoch nicht nehmen: Den Sonntag, 20.15 Uhr. Und irgendwann vielleicht wieder Sandmann.

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