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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 18:02 Uhr

Frische Luft statt Medikamente

vom

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erstellt am 19.Jan.2012 | 12:07 Uhr

Rostock | Grasweiden, so weit das Auge reicht. Hartmut Oehlert steht neben seinem hofeigenen EU-Schlachtbetrieb in Zarnewanz bei Rostock und zeigt in die Ferne. Dort, wo jetzt gähnende Leere herrscht, haben vom Frühjahr bis zum Spätherbst rund 1250 Gänse und 14 000 Enten Platz. Viel Platz. "Jede Ente hat hier 15 Quadratmeter Lebensraum", sagt Oehlert, dessen Betrieb 26 Hektar fasst. In der konventionellen Haltung kämen dagegen fünf bis sieben Tiere auf einen Quadratmeter. Für den 56-jährigen Landwirt unvorstellbar. Seine Ente und Gänse stammen aus "bäuerlicher Freilandhaltung". Das heißt: Die Tiere werden artgerecht gehalten. Mit viel Auslauf, einer langen Mastdauer - und ohne Medikamente.

"Unsere Enten und Gänse brauchen keine Antibiotika", sagt Oehlert, der den Hof mit seiner Frau Angelika betreibt. Dafür bereitet er in den Wintermonaten buchstäblich den Boden. Denn der bekommt dann Zeit, sich auszuruhen. "Falls sich eine Infektionskette gebildet haben sollte, wird sie hier schon mal unterbrochen", erläutert der Bauer. Einbringen neuer Grassamen, Naturdung, Kalken zur Desinfektion - kurz bevor die zweieinhalb bis drei Wochen alten Küken Ende Mai auf die Weide kommen, wird das Gras noch einmal geschnitten. Dann wachsen die Küken mit ihrem frischem Futter mit. Gras und Wasser sind jederzeit verfügbar. Die Sonne spendet Vi tamin D, die Bäume den notwendigen Schatten. Gentechnisch veränderte Futtermittel mit Wachstumsförderern kommen auf dem Hof nicht in Frage. Als Zusatz gibt es Futterweizen aus der Region. Statt in zweimonatiger Turbomast können die Tiere in einer Zeit von sechs bis sieben Monaten bis zur natürlichen Schlachtreife heranwachsen.

Geringe Sterberate

"Der viele Auslauf und die frische Luft wirken sich positiv auf das Immunsystem aus", hat Oehlert festgestellt. Von den 1250 Gänsen, die er im vergangenen Jahr hatte, sind demnach nur vier gestorben. Bei den Enten waren es 147 von 14 000. In der konventionellen Haltung liege die Rate dagegen bei rund zehn Prozent, stellt der Landwirt den Vergleich an. Die ganze Schar spritzen, nur weil wenige Tiere erkrankt sind? Für Oehlert keine Alternative. Schwächelnde oder kränkelnde Tiere werden bei ihm gesondert gehalten und gepäppelt - ebenfalls ohne Antibiotika.

Dass er mit der Etikettierung "bäuerliche Freilandhaltung" zu einer Minderheit gehört, ist dem Landwirt bewusst. Tierhaltung ist für ihn jedoch auch eine Grundhaltung. Das Tier steht im Mittelpunkt und soll so behandelt werden, wie er selbst behandelt werden wollte, sagt Oehlert. Davon profitiere nicht zuletzt der Mensch, der ein hochwertiges und gesundes Lebensmittel erhalte: "Das Fleisch ist frei von Einlagerungen billiger Fette und Wasser. Statt dessen entsteht ein Schlachtkörper mit ausgeprägtem kurzfaserigen Fleischanteil und dem gewünschten Anteil an geschmacksbildendem Fett."

Von diesem Argument lebt sein saisonales Geschäft. In der Weihnachtszeit seien die Menschen bereit, mehr Geld für qualitativ gutes Essen auszugeben, weiß Oehlert. Mehr Geld heißt in diesem Fall etwa das Vierfache im Vergleich zu konventionell produziertem Fleisch. Aus Sicht des Landwirtes geht die Rechnung auf. 1999 hat er mit 30 Tieren angefangen, jetzt sind es mehr als 15 000. Zu seinen Abnehmern gehören nicht nur Privatpersonen, sondern auch Supermärkte, die das Fleisch deutschlandweit vertreiben.

Bürokratische Hürden

Der Weg dorthin war jedoch steinig, wie sich der Landwirt erinnert. Mit seiner nur noch selten praktizierten Haltungsform habe er in keine Schublade gepasst. Die Folge seien unzählige bürokratische Hürden gewesen. Unterstützung habe es immerhin durch Landwirtschaftsminister Till Backhaus gegeben, der die Produktionsform gutheiße, meint der Bauer. Standard ist im Land jedoch die konventionelle Haltung, wie der Geflügelwirtschaftsverband (GWV) Mecklenburg-Vorpommern bestätigt. Wer sich im höheren Preissegment bewege, lebe davon, dass er eine Nische auch bei der Nachfrage abdecke, so Geschäftsführerin Silvia Ey. Beim Thema Antibiotika in der Geflügelmast kritisiert sie eine "einseitige Debatte". Wenn kranke Tiere nicht behandelt würden, dann würden sie leiden und könnten an den Infektionen sterben.

Hartmut Oehlert sieht die Lösung des Problems dagegen in der Senkung der Infektionsanfälligkeit durch artgerechte Tierhaltung. Ihm ist zwar bewusst, dass für viele Käufer der Preis des Produktes das entscheidende Kriterium ist. Doch er ist auch überzeugt davon, dass langsam ein Umdenken stattfindet. Die jüngsten Untersuchungen über die starke Antibiotika-Belastung in der Hähnchenmast hätten dazu beigetragen.

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