Friedensarbeit in den Ferien

<fettakgl>In kleinen Gruppen </fettakgl>sind  die Jugendlichen aus Deutschland und Polen auf dem Golm unterwegs, um die Gräber zu pflegen. <foto>dietmar Pühler</foto>
In kleinen Gruppen sind die Jugendlichen aus Deutschland und Polen auf dem Golm unterwegs, um die Gräber zu pflegen. dietmar Pühler

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29. Juli 2012, 05:46 Uhr

Insel Usedom | Das Fischerdorf Kamminke liegt traumhaft schön am Ufer des Stettiner Haffs. Der 300-Seelen-Ort liegt aber auch direkt an der deutsch-polnischen Grenze, die hier wie vom Lineal gezogen die Insel Usedom durchschneidet. Auf deutscher Seite liegt Kamminke und einen Steinwurf entfernt im Osten Wydrzany, das ehemalige Friedrichsthal. Eine Brücke für Fußgänger und Fahrradfahrer verbindet seit 2010 den Stadtteil von Swinoujscie mit dem Dorf am Haff.

Die Brücke über den Torfgraben hat alte Beziehungen wiederhergestellt, die durch den Krieg und die darauffolgende Grenzziehung für mehr als sechzig Jahre unterbrochen waren. Symbolisch kann dieser kleine Steg auch als Brückenschlag zwischen Deutschen und Polen sowie für die Aussöhnung beider Völker gesehen werden.

Gerade an diesem Ort, wo der Golm in Sichtweite ist. Einst ein beliebtes Ausflugsziel der Swinemünder, ist die 69 Meter hohe Anhöhe heute eine Gedenkstätte für die rund 20 000 Menschen, die am 12. März 1945 in Swinemünde ihr Leben lassen mussten. Sie wurden Opfer eines alliierten Luftangriffs, darunter viele Zivilisten, Swinemünder und Flüchtlinge aus Ostpreußen.

"Da könnte auch mein Uropa sein"

Seit 2005 hält die Jugendbegegnungsstätte Golm des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Erinnerung an die Schrecken des 2. Weltkrieges wach. Alljährlich kommen mehr als 70 Gruppen hier her, um politische Bildung zu betreiben, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen oder um über den Gräbern Friedensarbeit zu leisten. Darunter sind viele Schulen, Vertreter des Volksbundes, Kirchengemeinden, aber auch Parteien und Gruppen von Bundeswehr und Bundespolizei.

Im Sommer steht die Jugendbegegnungsstätte ganz im Zeichen der internationalen Jugendcamps. Derzeit ist eine deutsch-polnische Gruppe für zwei Wochen in Kamminke zu Gast. Die Teilnehmer sind 13 bis 16 Jahre alt, kommen aus ganz Deutschland sowie aus vielen Teilen Polens. Organisiert ist das Camp vom Volksbund, geboten wird ein umfangreiches Programm mit Friedensarbeit und Freizeitangeboten.

Da in der Jugendbegegnungsstätte mit Kinga Sikora von Anfang an eine Polin als stellvertretende Leiterin arbeitet, dazu viele junge Polen als pädagogische und freie Mitarbeiter sowie als Praktikanten zum Team zählen, ist eine gute grenzübergreifende Kooperation möglich. Genau das hat sich der Volksbund mit der Jugendbegegnungsstätte an der Grenze zwischen Deutschland und Polen auch auf die Fahnen geschrieben.

Wie das funktioniert, erläutert die 15-jährige Imke Scholle aus Warendorf in Westfalen: "Wir machen gruppenfördernde Spiele, keine Spiele gegeneinander. Weil genau das Gegeneinander der Grund für den Krieg war". Natürlich sind die Teams auch national gemischt, um miteinander ins Gespräch zu kommen. In dieser Woche machen sich die rund 40 jungen Leute auf den Weg zum Golm. Hier sollen die Holz- und Granitkreuze gereinigt werden. In Zweier- und Dreiergruppen schwärmen die Jugendlichen aus, um sich nützlich zu machen.

Wie sehr die Heranwachsenden sich mit der Gedenkstätte auseinander setzen, verdeutlicht noch einmal Imke: "Wenn man überlegt, dass unter jedem Kreuz zehn bis fünfzehn Tote liegen und man nicht weiß, wer es ist, kommt man ins Grübeln. Da könnte auch mein Uropa sein." Ihr Bruder Malte (13) sagt, dass ihnen ihre Oma viel über den Krieg erzählt hat. Als sie 14 war, musste sie mit ihren Geschwistern, aber ohne ihre Eltern aus Schlesien fliehen.

Dort blieben zum Ende des Krieges aber auch viele Deutsche. Sie durften während der sozialistischen Diktatur ihre Muttersprache nicht sprechen, was heute wieder anders ist. Es gibt zwar vereinzelt Ressentiments zwischen deutschstämmigen und polnischen Schlesiern, doch die deutsche Kultur hat wieder ihren Platz in der Gesellschaft. So ähnlich erzählen es die Brüder Piotr und Krzysztof Hober aus Olesno, dem einstigen Rosenberg, in Mittelschlesien.

Polnisch und Deutsch nebeneinander

Der dreizehnjährige Piotr schildert in einwandfreiem Deutsch: "Es gibt dort eine sehr große deutsche Minderheit. Viele identifizieren sich als Deutsche." Sie erzählen auch, dass ihre Eltern kein Deutsch können und sie die Sprache "von unserer Oma und von Schwester Ulrike" (eine deutsche Nonne in Olesno, die Red.) gelernt haben. Ihre Alltagssprache auf der Straße ist polnisch, zu Hause wird’s hingegen zweisprachig. Krysztof (14) ist fußballbegeistert und drückt der deutschen Nationalmannschaft die Daumen. Dass er mit seinem Deutschlandtrikot in der Schule auch mal "unschöne Bemerkungen" erntet, findet er schade. Wenig von der bewegten deutsch-polnischen Vergangenheit hatten bisher drei junge Damen von der polnischen Ostseeküste mitbekommen. Zwei der 16-Jäh rigen tragen deutsche Namen, sie heißen Sylwia Müller und Weronika Sprenger und kommen aus Wejherowo und Gdynia. Ihre Freundin Agnieszka Lewandowska aus Sopot erzählt, dass sie zum ersten Mal auf Usedom sind. Sylwia gesteht, vorher noch nichts über den geschichtsträchtigen Ort, an dem sie sich befinden, gewusst zu haben. "Was hier geschah, war sehr schrecklich", sagt sie in gutem Englisch und: "Das Gelände erscheint gar nicht traurig, nicht wie ein Friedhof, sondern wie ein Park. Es ist ein hübscher Platz".

In der Tat. Der Golm, Usedoms höchste Erhebung, inmitten eines Waldes gelegen, ist ein Ort der Stille, ein gepflegter Ort in natürlicher Umgebung. Die Massengräber unter dem leicht ansteigenden Gelände sind nicht greifbar, nur zu erahnen. Unschuldig sieht die offene Parklandschaft aus, eine Lichtung mit einzelnen Kreuzen und Gedenkplatten, auf denen Namen von identifizierten Opfern des Luftangriffes zu lesen sind. Am Aufstieg zum Mahnmal steht die Skulptur "Die Frierende". An diesem warmen Sommertag tummeln sich über der frisch gemähten Wiese Schmetterlinge und Libellen, zu hören ist nur das Vogelzwitschern.

Vielleicht ist der Golm gerade deswegen ein guter Ort zum Lernen. Hier haben die Gedanken freien Lauf, ungestört von äußeren Einflüssen. Wie ernsthaft die jungen Leute aus beiden Ländern bei der Sache sind, ist beeindruckend. Viele der Teilnehmer und jugendlichen Betreuer sind schon zum wiederholten Mal bei Camps des Volksbundes dabei.

Ein Zeitsoldat mit Sonderurlaub

Christian Luehe aus Hamburg ist seit zwei Jahren bei der Bundeswehr und hat Sonderurlaub für die Golm-Freizeit bekommen. Seit 2005 nimmt er an Jugendbegegnungen des Volksbundes teil. Er findet es toll, "dass es noch Jugendliche gibt, die das in ihren Ferien machen". "Sie sind begeistert dabei." Er sei schon als Ewiggestriger "mit leicht rechter Einstellung" angesehen worden, "was aber gar nicht der Fall ist". Der 21-jährige Zeitsoldat sagt: "Ich bin zwar nicht schuld, doch darf aber nicht vergessen werden, was damals passiert ist".

Bereits in der dritten Generation ist Vanessa Rautenhaus aus Osnabrück im Volksbund aktiv. Sowohl ihre Mutter als auch ihre Oma engagierten sich schon in dem Verein. Nach ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Jugendbegegnungsstätte auf dem Golm, das dem Ende entgegen geht, wird die 20-Jährige in Greifswald Politik und Kommunikationswissenschaften studieren. Mit dem Abschluss in Demokratie- und Friedenserziehung will sie später im Bereich der Friedenspädagogik arbeiten.

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