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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 14:03 Uhr

Online-Handbuch : Frieden schaffen ohne Waffen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

300 Geschichten zum „Widerstand in MV“ gegen beide Diktaturen im Internet

svz.de von
erstellt am 19.Jul.2017 | 12:00 Uhr

In Pokrent (Nordwestmecklenburg) versteckte die Pastorenfrau Gerda Voß 1943 eine Jüdin. In Teterow malten zwei Jugendliche 1985 einen blumengießenden Panzer und die Losung „Frieden schaffen ohne Waffen“ auf ein Milchhäuschen. In Rostock wurde 1940 der Melker August Spacek aus Elmenhorst zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er ausländische Radiosender gehört hatte.

Alltagsgeschichten wie diese versammelt das Online-Handbuch „Widerstand in MV“, das seit Wochenbeginn im Internet abrufbar ist. Eineinhalb Jahre Arbeit hat der Historiker Christoph Wunnicke in die Zusammenstellung der bisher gut 300 Einträge gesteckt, wie er gestern in Schwerin bei der Vorstellung der Internetseite www.widerstand-in-mv.de sagte. Es wende sich vor allem an junge Nutzer, die eher ins Internet als ins Museum gingen, erklärte Mitinitiator Norbert Schwarte vom Verein Denkstätte Teehaus in Klein Trebbow bei Schwerin. Finanziert wurde die Arbeit von der Landeszentrale für politische Bildung. Deren Direktor Jochen Schmidt lobte die Idee, Geschichte durch Geschichten erlebbar zu machen. Sie zeigten, dass man immer eine Wahl hat und sich entscheiden kann, sagte er.

Nutzer können nach Personen von Max Adler bis Erich Zyska und nach Orten von Anklam bis Zirchow suchen. Ein Sachregister ordnet die Einträge Geschichtskomplexen zu. Zu finden sind berührende Einträge wie diese: „Der Leiter der Landeskirchlichen Gemeinschaft, August Dallmeyer aus Güstrow, war Mitglied des Vorstands des Kinderheims Lobetal in Lübtheen. In einem Brief wandte er sich am 10. November 1940 an den Reichsminister und bat darum, die im Rahmen der Euthanasie geplanten Morde an behinderten Kindern nicht auszuführen.“ Oder: „Ein 15-Jähriger aus Woosmer wurde nach der Zwangsumsiedlung der Grenzdörfer wiederholt in seinem Heimatort aufgegriffen und anschließend unter Strafandrohung gegen seine Eltern zu diesen zurückgebracht. Auch nachdem er sich umgebracht hatte, durften seine Eltern und sein Bruder nicht nach Woosmer zurück.“

Die Geschichten habe er aus Archiven und Publikationen entnommen, sagte Wunnicke. Die Quellen sind jeweils angegeben. „Ich habe den Widerstandsbegriff für das Online-Handbuch sehr weit gefasst“, erläuterte Wunnicke. Nicht die Haupt- und Staatsaktionen sollten im Mittelpunkt stehen, sondern der Alltag der Menschen. Widerstand habe es gegen beide deutsche Diktaturen gegeben – gegen die von 1933 bis 1945 und gegen die von 1945 bis 1989. In den kommenden Jahren soll das Lexikon weiter vervollständigt werden. Mehrere tausend Einträge seien geplant. Nutzer könnten sich beteiligen, die Internetseite habe ein Kontaktformular.

 

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