Portrait über Joachim John : Friede, Freude, Eierkuchen

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Er ist ein Meistergrafiker und Nestor der Mecklenburger Zeichenkunst, auch wenn er sich selbst augenzwinkernd als „bedeutendster Zeichner von Zuhause“ bezeichnet. Am Sonntag wird Joachim John 80 Jahre alt.

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19. Januar 2013, 04:13 Uhr

Neu Frauenmark | Beginnen wir unsere Hommage, wie wir sie beenden werden. Ein wenig kindisch.

Fragt man Joachim John, der nicht so gern über sich Auskunft gibt und wenn, dann hintergründig pointiert, zuweilen auch ungehalten, fragt man ihn also, was denn einen guten Zeichner ausmache, so kann es passieren (und es ist passiert), dass er an das alte sächsische Kinderlied von der Festung Königstein erinnert, in dessen einer Strophe vom Handwerk des Künstlers die Rede ist: "Auf der Festung Königstein, jumheidi, jumheida, muss doch auch ein Maler sein… Der Maler malt ’nen Strich an die Wand und sagt, das ist der Ostseestrand."

Da haben wir schon den ganzen John. Oder zumindest den halben. Denn John beschreibt hier nicht weniger als seinen Anspruch an eine gelungene Zeichnung. "Eine Zeichnung ist gut, wenn dort, wo der Zeichner das Papier nicht berührte, etwas erscheint."

Ein Rätselwort? Wer seine Zeichnungen von lichten, Süden und Hitze atmenden italienischen Ruinenfeldern vor Augen hat, gerade auch die Radierungen weiter, wolkenverhangener Mecklenburger Landschaften, wird verstehen, was John sagen will. So zeichnet und sticht nur jemand, der die Wiesen und Wälder rund um sein Refugium in Neu Frauenmark bei Grevesmühlen als "optische Sensationen" zu preisen vermag.

Vielleicht hat ihn diese besondere Sensationsgier nach einem stürmischen Leben 1977 ins Mecklenburgische getrieben. Und die Sehnsucht nach Ruhe. Was natürlich nicht mit Ausruhen verwechselt werden darf.

Flüchtling zwischen den Welten

Die Jahrzehnte davor waren Flucht- und Lehrjahre. 1933 in Tetschen (Decin) geboren, wurde die Familie 1945 aus Böhmen ausgewiesen. Die Johns landeten in Köthen, später in Zerbst. 1951 verließ die Familie illegal die DDR und zog an den Niederrhein. Joachim John kehrte schon nach wenigen Monaten zur geliebten Großmutter nach Zerbst zurück. Nach dem Abitur und einer Lehre als Chemiewerker überquerte er noch zweimal die deutsche Grenze, einmal sogar mit dem Fahrrad, arbeitete dann am Operettenhaus in Dresden, studierte an der Theaterhochschule in Leipzig und Kunsterziehung in Greifswald. Als dort der verehrte Lehrer, der Maler Herbert Wegehaupt, starb, brach John das Studium ab und zog auf die Insel Usedom, wo er Otto Niemeyer-Holstein kennenlernte, ihm beim Malen über die Schulter schauen und wohl auch gern beim "Käpt’n" und seiner Frau am Tisch speisen durfte.

1961 konnte John durch die Vermittlung des bekannten Bildhauers Fritz Cremer an der viel beachteten und heiß diskutierten Ausstellung "Junge Künstler - Malerei" in Berlin teilnehmen. Später wurde John dann Meisterschüler bei dem Zeichner Hans Theo Richter an der Akademie der Künste und nach diesen drei Meisterschülerjahren, ersten Ausstellungen und einer dreimonatigen Studienreise durch die Sowjetunion und den Kaukasus freischaffender Künstler in Berlin.

"Georg Büchner des Zeichenstifts"

Was sich hier so biografisch-nüchtern liest, wird erst mit Johns eigenen Worten zum Erlebnis. Denn der Grafiker und Zeichner ist auch ein gewitzter Erzähler und Autor. Schreiben und Zeichnen gehen bei ihm Hand in Hand. Seine Hörspiele, Theaterstücke, Erzählungen und literarischen Fantasien sind vergnüglich zu lesende Reisen in die eigene Vergangenheit, Erinnerungen an die alte böhmische Heimat oder, wie im gerade erschienenen jüngsten Buch "Kuckuck" (Edition Cornelius), an eine Reise nach Kolumbien, auf der nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Das rein zahlenmäßige Gesamtwerk Joachim Johns lediglich als gewaltig zu bezeichnen, dürfte wahrscheinlich eine Untertreibung sein. In den Grafikschränken und Ateliers in seinem alten Haus in Neu Frauenmark liegen schätzungsweise 12 000 Zeichnungen und Grafiken. Allein die Akademie der Künste in Berlin, dessen Mitglied John seit 1986 ist, besitzt 1000 Arbeiten auf Papier von Joachim John. Hinzu kommen die schwer zu zählenden Bilder im Besitz von Museen und privaten Sammlern.

Joachim John behauptet gern, dass ihn seine Arbeiten von gestern kaum noch inte-ressieren, sein Interesse gelte dem, was er morgen mache. Selbst beim gegenwärtigen Tun sei er immer von dem Gefühl befangen, nur Vorläufiges zu leisten.

Sei’s drum. An einem Tag wie diesem setzen wir uns über alle Bedenken des Meisters hinweg und erlauben uns, auf das Lebenswerk zurückzu-blicken.

Sucht man nach einem roten Faden im Werk des morgen 80-Jährigen (John wird an dieser Stelle womöglich die Stirn runzeln), so sticht das ins Auge, was er selbst eine "existenzielle Zweispurigkeit" genannt hat. Also einerseits der begeisterte Landbewohner und Naturfreund und der große Landschaftszeichner.

Andererseits der Kritiker an den gesellschaftlichen Verhältnissen, dem nur allzu oft ein "Gespräch über Bäume" als eine Dreistigkeit erscheint angesichts von Hunger und Ungerechtigkeit, Armut, Unterdrückung und Dummheit in der Welt.

Jemand hat John einmal "Georg Büchner des Zeichenstifts" genannt. Vielleicht könnte man einen weiteren Dichter heraufbeschwören, Heiner Müller, dessen expressive, wütende Sprache in Johns aufwühlendem Strich eine Entsprechung findet. Johns Linien sind bei allem Anspruch auf Realismus nie gefällig, sie sind frech, eruptiv und beißend, mit heißem Herzen aufs Papier gebannt. So wie nach Goya der Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert, wandeln auch durch Johns Bilderkosmos Knochenmänner, schreckliche Tiergestalten, mythologische und reale Figuren aus Literatur und Geschichte - Stalin, Marx, Danton und die anderen großen Namen der Französischen Revolution. Nicht zuletzt immer wieder die Allegorie der Freiheit mit der roten Jakobinermütze.

Hinzu gesellen sich gezeichnete Kommentare zu Werken von Kafka, Fühmann, Verdi oder Shakespeare, zur Situation in Lateinamerika oder zur Deutschen Vereinigung. In einer Radierung von 1992 schreitet etwa ein frohgemuter Hanns Guck-in-die Luft mit weit geöffneten Augen wie blind über die Berliner Mauer. Auf einem anderem Blatt schwebt über diesem Hanns der Ikarus. Eine weitere Serie aus den 90er-Jahren erzählt vom Untergang des Schiffes "Utopia" in ein von Ungeheuern wimmelndes Meer, am Bug die Freiheit als Gallionsfigur.

Historischer Pessimismus? John selbst hat sich mal als "progressiver Fatalist" bezeichnet.

Dass er mit allen Sinnen dem Leben zugewandt ist, weiß, wer ihn einmal als vielstimmigen Puppenspieler auf dem Dachboden seines Hauses erlebt hat oder seine deftig-erotischen Zeichnungen zur Commedia dell’arte kennt. Hier konnte John erneut seiner alten Liebe zum Theater frönen, indem er als Regisseur seiner Bilderdramen mit Figuren und Räumen wie als Kind mit dem Kasperletheater spielen durfte.

Auch seine überdimensionalen Panoramen im Schweriner und Cottbuser Theater zur Französischen Revolution und über "Verwandlungen in Deutschland" erlaubten John, sein vielgestaltiges bildnerisches Welttheater mit wirklichem Theater zu konfrontieren.

Joachim John spricht, auf sein Leben zurückblickend, von einem "verstolperten". Erfüllung habe er in der Kunst nicht gefunden, allenfalls "Unterhaltung. Mit Mühe Unterhalt". Als einer vom Stamme jener Künstler, "denen die Wunder der sichtbaren Welt noch heilig sind", ging und geht es ihm immer um die Wirklichkeit. "Auf Kunst habe ich nie gezielt."

Als er jüngst auf einer Geburtstagsfeier als "bedeutendster Zeichner Mecklenburgs" vorgestellt wurde, relativierte er eulenspiegelnd: Vielleicht größter Zeichner Westmecklenburgs. Ganz gewiss aber "bedeutendster Zeichner von Zuhause". Denn seine Frau zeichnet nicht.

Wünsche frei nach Heinrich Heine

Wie sehr Joachim John außerhalb des Landes geschätzt wird, bewies der prächtige Katalog, den die Akademie der Künste vor einem Jahr zum zeichnerischen Werk ihres Mitgliedes herausgab. Sein Land MV schaffte es jedenfalls nicht, in diesem Jahr eine repräsentative Jubiläumsausstellung auszurichten. Immerhin würdigt das Atelier Niemeyer-Holstein auf Usedom den 80-Jährigen mit einer Ausstellung und spürt dort der Malerfreundschaft zwischen John, Niemeyer-Holstein und Wulff Sailer nach (bis 1. April 2013).

Was sollen wir dem Meister zum morgigen Geburtstag wünschen? Vielleicht die Gelassenheit, auf ein ganz und gar nicht verstolpertes Leben stolz zurückzublicken? Vielleicht auch das, was er selbst einmal allen Menschen wünschte: Friede, Freude, Eierkuchen. Und das meint Joachim John, frei nach Heinrich Heine, genau so. Strich für Strich.

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