Bufdis im Zirkus : Freiwilligendienst mit Clownsnase

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Mathias Supli und Johannes Orbanz absolvieren ihren Bundesfreiwilligendienst in einem Zirkus

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17. August 2016, 12:00 Uhr

Wenn der Zirkus in der Stadt ist, liegt immer auch bisschen Magie in der Luft. Akrobaten, Artisten, die jonglieren, balancieren und mit ihren Tricks das Publikum verzaubern, Kinderaugen zum Leuchten bringen. Alles scheint möglich. Wunder geschehen. In der Manege des Zirkus „Stramini“ der Ostseeklinik Zingst sogar alle drei Wochen aufs Neue, wenn die Kinder der Kureinrichtung ihr Können zeigen. Immer an ihrer Seite Mathias Supli und Johannes Orbanz. Die beiden 20-Jährigen absolvieren in der Klinik für Eltern- und Kinder ihren Bundesfreiwilligendienst. Dabei sind sie wahrscheinlich die einzigen Bufdis, deren täglicher Arbeitsplatz ein Zirkuszelt ist.

„Es ist toll zu sehen, wie die Kinder über sich hinauswachsen“, sagt Orbanz. Seit zwei Jahren ist er in der Ostseeklinik tätig. 2014, nach seinem Abitur, begann er mit seinem Bundesfreiwilligendienst in der Manege. „Ich wusste damals nicht, was ich studieren sollte“, erzählt er. „Nur, dass ich was mit Kindern machen wollte, das war mir klar“. Jeden Vormittag trainiert er mit den Gästen für die große Show am Ende der Kur. Nun fällt für Orbanz das letzte Mal der Vorhang. In Kürze ist sein Dienst vorbei.

Unter dem blauen Zirkushimmel steht Anna gerade auf einem großen blauen Gymnastikball. Voller Konzentration versucht die 14-Jährige mit langen blonden Haaren sich oben zu halten. Dabei wippt sie ihn und her. Orbanz beobachtet genau. Gibt Tipps, immer bereit, sie notfalls aufzufangen. Der 20-Jährige selbst hat erst in Zingst Balllaufen gelernt. Jonglieren konnte er schon vorher. Das sei aber keine Voraussetzung für den Freiwilligendienst gewesen. Sondern soziale Kompetenz, und Spaß bei der Arbeit mit Kindern. Die sollten kontaktfreudig sein und aufgeschlossen. Dass er mal in einem Zirkus arbeitet, damit hätte er auch nicht gerechnet.

„Die Kinder trainieren hier ihre Koordination und Konzentration. Die soziale Kompetenz wird gefördert und das Selbstbewusstsein gesteigert“, erklärt Steffi Krawutschke das Konzept hinter dem Zirkus. Die 35-Jährige ist stellvertretende Abteilungsleiterin des Pädagogischen Dienstes. Auch sie ist in der Manege immer mit dabei. Die Bufdis seien für sie eine große Unterstützung. Das gute an der Arbeit: „Die Kinder merken gar nicht, dass sie therapiert werden.“

Vor mehr als zehn Jahren kam der Kurklinik die Idee zu dem ungewöhnlichen Projekt. Seit acht Jahren steht ein original Viermastzelt auf dem Gelände. Außen rot, innen dunkelblau, weiße Sterne funkeln von der Decke. Es gibt eine Heizung für den Winter. Platz für mehr als 100 Zuschauer. Genau wie in einem echten Zirkus. Mit der Einbindung von zirkustherapeutischen Elementen ist das Haus wegweisend. Die Kinder und Jugendlichen üben und lernen spielerisch und zwanglos. Die Manege bietet eine Bühne, um sich auszuprobieren. Sie ermutigt, das scheinbar Unmögliche zu wagen.

„Man weiß vorher nie, in welche Richtung es geht“, sagt Orbanz über die Show. Drei Wochen sind die Familien jeweils in der Einrichtung. Einige Kinder sind selbst in Therapie. Andere begleiten ihre Eltern. Die Gründe, warum sie nach Zingst kommen, sind vielfältig. Ob Asthma-Erkrankungen, Übergewicht, Stress, Behinderungen oder psychische Probleme – jedes Kind kann von dem Zirkusprogramm profitieren. Etwa 20 Kinder nehmen an den Übungsstunden jeweils teil.

Dem 14-jährigen Paul stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Auf seinen Schultern sitzt die 13-jährige Vanessa. Sie sind Teil einer menschlichen Pyramide, die Mathias Supli gerade auf die Beine stellt. „Man merkt schon, wenn eine weitere Person obendrauf kommt“, sagt Paul, während er Vanessas Bein umklammert. Der Junge mit Basecap ist das erste Mal in der Ostseeklinik. Dass er Teil der Zirkusshow sein darf, findet er „ziemlich cool“. Als der menschliche Turm ins Wanken gerät, schreien die Jungen und Mädchen. „Die Kinder kennen sich erst vier Tage. Es ist erstaunlich, wie viel Vertrauen sie in so kurzer Zeit zueinander aufbauen“, meint Supli.

Lange ist er noch nicht in Zingst. Mit dem Studienplatz hatte es im ersten Anlauf nicht geklappt. Rumsitzen wollte der 20-Jährige auch nicht. Also entschied er sich wie 1580 weitere Männer und Frauen in MV zu dem Freiwilligendienst. „Die Arbeit hier ist toll“, sagt er. „Die Jugendlichen sind super. Auch wenn schwierige Kinder dabei sind. Auch die schließt man ins Herz“, meint Supli. Dabei fiel ihm die Arbeit am Anfang nicht ganz so leicht. Einige der Patienten sind gerade mal drei Jahre jünger als er. „Man muss auch mal auf den Tisch hauen, wenn es lauter wird und sich durchsetzen“, sagt er. Einige Kinder seien temperamentvoll, andere wieder sehr schüchtern. „Ich hatte Angst, dass mich die Kinder nicht ernst nehmen. Aber das ist nicht so.“

Nach einer Stunde ist das Training für heute zu Ende. Schon in ein paar Tagen heißt es „Hereinspaziert und Manege frei für den Zirkus Stramini“. Dann werden die Kinder das Gelernte in der Manege vor ihren Eltern aufführen, Pyramiden bauen, auf Bällen laufen, jonglieren, über Scherben laufen... „Das ist immer ein besonderer Tag“, sagt Steffi Krawutschke. Die Kinder seien nervös. Lampenfieber sei ganz normal. Da müsse noch einmal ordentlich motiviert werden. Und dann? „Letztendlich machen alle mit. Es ist schon ein tolles Erlebnis“, schwärmt Supli. „Wenn es dann Applaus gibt, vergessen einige der kleineren Kinder schon einmal, die Bühne zu verlassen. Sie stehen dann da und schauen begeistert in die Menge“, sagt er.

Wie viele Shows er mitgemacht hat, weiß Mathias Orbanz nicht mehr. Viele waren es. Dieses Mal ist es seine letzte. Nach zwei Jahren verlässt er die Bühne. Er will „Soziale Arbeit“ studieren. Die Arbeit im Zirkus wird er nicht vergessen, sagt er. „Ich habe hier viel gelernt und habe einiges fürs Leben mitgenommen.“

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