Prozess : Freiheitsstrafe nach brutalem Überfall

Schulklasse verfolgt Gerichtsprozess in Schwerin

svz.de von
28. März 2014, 20:55 Uhr

Die engen Fußfesseln erlauben nur kleine Tippelschritte. Die Schüler, die den Prozess im Schweriner Amtsgericht beobachten, sehen, wie sich der Angeklagte nur mühsam fortbewegt. Er ist 20 Jahre alt, kaum älter als sie. Rechtsanwalt Stephan Boldt, der den Kurs „Schuld und Strafe“ an der Waldorfschule leitet, hat den gestrigen Gerichtsbesuch gemeinsam mit dem Jugendrechtshaus vorbereitet – einem gemeinnützigen Verein, der sich der Rechtspädagogik verschrieben hat. Die Jugendlichen hören, was alles schief lief im Leben von Andreas Meyer*. Vor allem hören sie von einer ziemlich brutalen Straftat. Die spielte sich im November nachts in einem Wohnblock im Schweriner Stadtteil Mueßer Holz ab. Mit zwei älteren Mitangeklagten – „Saufkumpane“ nennt sie der Vorsitzende Richter Jens Brenne später – kommt Andreas Meyer wohl eher plötzlich auf die Idee, einen Nachbarn abzuziehen. Der soll seine Freundin belästigt haben, für ihn wohl erst recht ein Grund für eine Abreibung.

Die Schüler sehen auch den Zeugen, der in jener Nacht Tritte, Schläge und eine Reihe anderer Demütigungen über sich ergehen lassen musste. Der schmächtige 47-Jährige erlitt Prellungen, verlor einen Zahn und fast alles, was in seiner Wohnung nicht niet- und nagelfest war. Dann musste er auch noch eine Art Verpflichtung unterschreiben, ab sofort monatlich 100 Euro Schutzgeld zu zahlen. Immerhin – als er zusammenbrach, riefen seine Peiniger den Notarzt. Kurz danach wandert das Trio in Untersuchungshaft, wo heute aber nur noch Meyer sitzt.

Hinter Gittern soll er nun noch eine Weile bleiben. Er ist mehrfach vorbestraft. Genau wie der 42 Jahre alte Hartmut D.. Die beiden hält das Gericht in diesem Fall für die Haupttäter. Raub, räuberische Erpressung, Nötigung und gefährliche Körperverletzung – dafür verurteilt es den 20-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und einem Monat, der Ältere erhält zwei Jahre und drei Monate Haft. Von dort war er erst kurz vor dieser Tat entlassen worden. Nur der Dritte im Bunde kommt mit Bewährung davon. Dass er 52 Jahre alt ist, hat das Gericht den Unterlagen entnommen. Sein Geburtsdatum kennt er nicht. Er ist nicht vorbestraft. Zur Tatzeit hatte er rund drei Promille Alkohol im Blut.

Ob die Waldorfschüler das Urteil gerecht fanden? Stephan Boldt will das in der kommenden Woche feststellen, wenn er den Gerichtsbesuch mit ihnen auswertet. *Name geändert

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