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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 20:18 Uhr

Freie Gedanken statt Propaganda

vom

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erstellt am 11.Apr.2013 | 11:01 Uhr

Neubrandenburg | Der Plattenbalkon, er ist eine Faust. Hier ballt sich die Wut. Hier lädt sie sich auf. Hinter dünnlichem Glas werfen drei Neonazis kantige Platti-tüden um sich. Dicht aufgereiht auf der Couch sitzen dort Intoleranz, Frust und Angst in ihrer haarlosen Ausprägung. Blumenvasen, Blümchen, Reichskriegsflagge, Bierdosen, Baseballschläger, Bomberjacken, Springerstiefel, Kriegsfilm, Hitlerportrait und düstere Bücher. Alles passt in dieser Welt und alles ist farblos. Dann ruft Toni Schwabe (25) dazwischen und die drei Nazis entspannen sich, die drei Figuren in dem Neubrandenburger Musikvideo.

Schwabe, seines Zeichens Kameramann, filmt zusammen mit Drehbuchschreiber Benjamin Wandel (27) einen fünfminütigen Streifen, der von den Demokratie-Kämpfern der RAA ausgewählt wurde und mit europäischen Geldern gefördert wird. Die jungen Männer wollen zeigen, dass sich Vorurteile an und in der Realität schnell auflösen könnten.

Unter dem Titel "Nen Aufgang weiter" läuft die Szene in der Plattensiedlung. Plötzlich klingelt es an der Tür. Einer der drei Kahlköpfe steht nörgelnd auf und stampft den Flur entlang. Er öffnet, jemand zerrt ihn aus der Wohnung, rein in einen Rollstuhl und raus in die Stadt.

Dennis Orlowski (33), der den entführten Nazi spielt, ist ein Zugezogener, einer, der sich im wahren Leben in der Dekra-Akademie um Jugendliche kümmert und sie ins Leben zurückholen will. Einer, der nahe an den Leuten ist, wie man landläufig so sagt.

Den Rollstuhl schiebt Fabian NGnessan (16) durch die Viertorestadt, raus aus dem Plattenviertel über die Demminer Straße zum Latücht. Der im Video namenlose Nazi muss eine Lesung über sich ergehen lassen, danach die Abschiebung in die Kunstsammlung, in der das sechsköpfige Filmteam gestern mehr als drei Stunden gedreht hat. Zwischen Gemälden und Plastiken verzerren die Filmemacher der Medienwerkstatt die Zeit, sammeln Sekunden für ihren Beitrag zur landesweiten Aktion "Klappe gegen rechts".

Noch im vergangenen Jahr hatte es keine Einsendung aus der Viertorestadt unter die Finalisten geschafft, in diesem zweiten und vermutlich letzten Durchgang des ESF-Projektes war die Jury von der Idee des Musikproduzenten Benjamin Wandel überzeugt. Die Medienwerkstatt bekommt 4000 Euro für die Umsetzung und der schlaksige humorvolle Drehbuchautor ist dabei. "Für die nächste Fahrt müssten wir die Tür da nehmen", sagt Toni Schwabe und zeigt dem jungen Rapper, wo er den Rollstuhl und den Nazi entlangschieben soll. "So", fragt er. "Ja."

Es gibt wenige Wiederholungen, die Großaufnahmen wie Nahaufnahmen sind im Kasten. Jetzt soll Fabian NGnessan alias Fab sich vor den Gemälden textlich ausbreiten. Er rappt: "Wie lange findest du schon hinter schwarz-weißen Fassaden Platz? Wir stürmen deine graue Welt und geben dirn bisschen Farbe ab. Bei uns gibt’s freie Gedanken statt Propaganda, weder Manipulation noch gro...".

Er patzt und das Team lacht. Auch Jacqueline Kauer, die auf die Kunstwerke der Dauerausstellung aufpasst, entspannt sich im Gelächter der jungen Leute. Die Kunstsammlung stellt die Räume kostenlos zur Verfügung, ein Sponsoring für die politisch denkenden Heranwachsenden. Doch Jacqueline Kauer weist eindringlich und flehend darauf hin, dass Statuen und Säulen der Dauerausstellung auf wackligen Füßen stehen. "Nur einmal kurz streifen und es gäbe ein Malheur", meint sie. Der junge Rapper fängt von vorn an, wippt vor der Kamera hin und her: "... weder Manipulation noch große Panzer."

Junge Künstler und Filmer mit einer politischen Botschaft

Die jungen Leute sind Künstler und Filmer, die mit ihrer Sprache eine politische Botschaft senden. Sie entwickeln zusammen Wege und Auswege, wenn kleine Patzer passieren. Der Nazi soll doch nachher einen seiner Stiefel verlieren und mit einer bunten Socke weiter durch die Stadt geschoben werden. Nur hätte man die anschließende Szene logischerweise mit nur einem Springerstiefel drehen müssen. Fab fällt der Fauxpas auf. "Wieso hat er eigentlich beide Stiefel an?" Das Team entscheidet sich, die vergangenen zwei Stunden Drehzeit nicht zu wiederholen, dafür aber die metaphorisch bunte Socke wegzulassen. Und trotz Chaos geht in der Sammlung nichts zu Bruch.

Der fünfminütige Streifen soll an insgesamt vier Drehtagen entstehen. Eine Herausforderung bleibt der typisch rasante Musikvideoschnitt und die Animation. Denn bis Ende Mai soll der Kurzfilm fertig sein, wie Toni Schwabe abseits des Geschehens erklärt. Hier und dort habe es bereits Verzögerungen gegeben, doch die gehören zum Geschäft.

Am heutigen Donnerstag sind die Filmemacher im Neubrandenburger Kulturpark unterwegs, denn der entführte Nazi muss dort Enten füttern und sich mit einem komischen Schamanen auseinandersetzen. Geweiht und hypnotisiert geht die Fahrt durch die Viertorestadt weiter. Am letzten, noch nicht genau feststehenden, Drehtag folgt eine bunte Party im Neubrandenburger Alternativen Jugendzentrum (AJZ). Dafür suchen die Filmer noch Freiwillige.

Mehr Infos unter "www.latuecht.de/mw/"

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