zur Navigation springen

Kinderfußball in MV : „Frederick! Schieß! Doch!“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mütter im Ausnahmezustand, Väter von der Rolle und Kinder, die nur spielen wollen – Szenen eines Kinderfußball-Turniers

von
erstellt am 21.Jan.2017 | 06:25 Uhr

Am schlimmsten sind die Mütter. Sie schreien. Sie fluchen. Sie jubeln. Sie reißen die Arme hoch. Sie halten sich die Augen zu. Sie schneiden Grimassen... Wer jemals Zeuge eines Kinderfußball-Turniers geworden ist, weiß, wie Frauen im Ausnahmezustand aussehen.

Die Ausgangslage: Es ist Sonnabend, 9 Uhr, eine Sporthalle in Schwerin. Unten stehen zwei Tore, dazwischen flitzen fröhliche Kinder umher. Oben von der Tribüne blicken Dutzende Mamas entschlossen hinab. Unten wird gespielt, oben wird gelitten. Das sind die Gesetze des Kinderfußball-Turniers.

Dann geht es los. Zwölf Kinder. Alle um die sechs Jahre alt. Ein Ball. Und alle rennen hinterher. Gleichzeitig. Chaotisch. Planlos. Aber begeistert. Der Trainer, der weiß, dass diese Taktik sich erfahrungsgemäß als eher ineffizient erwiesen hat, wünscht sich mehr System, rudert am Rand wild mit den Armen. „Geh ran, Phillip!“, brüllt er. „Nachsetzen, Richard!“

Da durchbricht eine Stimme sein Gebrüll. Eine deutlich lautere, schneidende Stimme. „Frederick! Schieß! Doch!“, echot es von der Tribüne durch die gesamte Halle. Der Trainer hält kurz inne, schaut aber nicht hoch. Er kennt den Typus Spielermutter. Und er will keinen bösen Blick riskieren.

Der Schiedsrichter, ein etwas gequält blickender Jugendlicher, der sich offenbar unter den Argusaugen zu allem bereiter Frauen nicht den Hauch eines Fehlers leisten möchte, stoppt das Spiel. Beide Teams tragen blaue Trikots, der Schiri hat den Überblick verloren. Die Mamas nicht. „Mann, Mann, Mann!“, ruft eine von ihnen.

Team Blau wirft sich grüne Leibchen über. Ball frei. Aber nur kurz. Der Schiedsrichter unterbricht. Ein schwerer Fehler – aus Sicht der Expertinnen. Ein Mutter schaut, als würde gleich Rauch aus ihren Nasenlöchern emporsteigen. Ihr Blick sagt: „Waaas? Mein Finn soll gefoult haben?“ Und dann ruft sie, immerhin halblaut: „Schwalbe!“ Die Stimmung steigt.

Spielpause. Erschöpfte Eltern sitzen an Tischen und stärken sich mit Bockwürsten und Kaffee für das nächste Duell. Einige sehen verschlafen aus. Wegen der Aufregung vor dem Turnier? „Nee, gestern gefeiert“, gesteht eine Mutter. Aber Schnaps ist Schnaps und Spiel ist Spiel. Kinderfußball ist kräftezehrend, gerade für die Großen. Dann wertet der Elternbetreuerstab die bisherigen Spiele aus. „Ben ist diesmal gar nicht so oft hingefallen“, lautet ein Lob. Spielpläne werden analysiert. 4:0, 1:2, 0:0 steht dort fein säuberlich geschrieben. Die Zwischentabelle wird im Kopf ausgerechnet. Mamas im Mathefieber. Dann die frohe Kunde: „Wenn wir Wismar schlagen, sind wir in den Medaillenrängen.“

Wir. Das „Wir-Fußballer-Wir“, das sonst nur die ballvernarrten Gatten über die Lippen bekommen, wenn sie über „unsere Jungs“ und Jogi Löw auf dem Fernseh-Grün philosophieren. Überhaupt die Männer: Sie sind es für gewöhnlich, die sich für die besseren Bundestrainer, Schiedsrichter und Kommentatoren halten, auf dem Sofa ausflippen und euphorisch aufspringen. Und im Angesicht ihrer kickenden Kinder? Neben ihren fanatischen Fußball-Furien? Werden sie ganz ruhig. Tätscheln ihrem rotwangigen Spross sanft über den Kopf, sagen kurz „gut gemacht“ – und dann zu einem anderen Vater: „Sie können es halt noch nicht besser.“ Kein Wort von Maradona. Gleichmut statt Gejubel.

Die Fan-Rolle übernimmt: die Ehefrau. Die drückt ihren Sohn nach dem Spiel, als wäre er von einer sehr langen Klassenfahrt heimgekehrt und nicht zwölf Minuten auf dem Spielfeld gewesen. Ein zauberhafter Moment. Irgendwie.

Unten in der Kabine: Taktikbesprechung. Auch in der „Pampers-Klasse“ genannten G-Jugend fallen Begriffe wie bei den Profis. Es geht um Manndeckung, sauber gehaltene Kästen und Druck nach vorne. Aber das ist alles Humbug. Denn die größte Herausforderung für den Trainer einer Knirpsenmannschaft besteht schlicht und einfach darin, sie zum Zuhören zu motivieren. Simon isst eine Waffel. Luka träumt. Daniel popelt. Max schaut auf ein mit Kugelschreiber gemaltes Kreuz auf seinem rechten Handrücken. Das zeigt ihm, auf welcher Seite er spielen soll. Links und rechts – wer kann sich so was schon merken? Doch es gibt ein Problem. Jetzt soll Luka plötzlich die rechte Flanke übernehmen – und Max die Seite ohne Kreuz. Max schaut irritiert auf seine Hand, auf die Markierung, auf die er sich drei Spiele lang verlassen konnte. Er blickt zum Trainer empor. Fragend. Der erklärt ihm geduldig, dass er jetzt auf der Seite mit der Tribüne bleiben soll. Das Kreuz auf der Hand solle er doch einfach mal vergessen. Max nickt. Der Trainer erklärt es noch zweimal. Max nickt erneut, rennt danach aufs Spielfeld und freut sich. Er steht auf der falschen Seite.

Am Ende hocken dutzende verschwitzte Knirpse mit roten Gesichtern und glänzenden Medaillen um den Hals vor einer tristen Hallenwand und lächeln in dieselbe Richtung. Vor ihnen, in einem großen Halbkreis: Dutzende Mütter, hinabgestiegen von der Tribüne, bewaffnet mit Handys und Kameras, breit strahlend. Die Beweisfotos eines wichtigen Tages in der Karriere ihres Fußballnachwuchses. Wenig später werden diese Fotos in WhatsApp-Gruppen geteilt werden, versehen mit Kommentaren wie: „Super!!!“ oder „So sehen Sieger aus!“

Ach ja: Und die Kinder? Die wollten nur ein bisschen Fußball spielen. 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen