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Prozess nach Foltertod in Alt Rehse : Frau stirbt bei Folter: Fünf Jahre Haft für Angeklagten

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Gefesselt, gefoltert, verdurstet: Gericht spricht 51-Jährigen der Freiheitsberaubung und der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig.

svz.de von
erstellt am 17.Mär.2017 | 16:36 Uhr

Kurz vor Schluss kommt eine Art indirektes Geständnis. „Ihr Tod kam für mich mehr als überraschend, und ich kann mir nicht erklären, warum ich nicht den Notarzt geholt habe“, erklärt der 51-jährige Angeklagte am Freitag in seinem „letzten Wort“ vor dem Landgericht Neubrandenburg - er habe wohl schon vorher jegliches Vertrauen in den Rechtsstaat verloren. Kurz danach wird der Mann, der seine Lebensgefährtin zu Tode gefoltert hat, zu fünf Jahren Haft verurteilt. Richter Klaus Kabisch spricht den 51-Jährigen aus Alt Rehse der Freiheitsberaubung und der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig. „Einiges an Ihrem Verhalten hat nahezu skurril angemutet“, sagt Kabisch. Der Angeklagte galt als vermindert schuldfähig.

Die genaue Todesursache der Frau sei unklar geblieben. Nach Auffassung des Gerichts fesselte der Mann im Juni 2016 nach einem Streit seine 32 Jahre alte Lebensgefährtin nackt ans Bett, folterte sie mit einer Peitsche und gab ihr so lange kein Essen und Trinken, dass sie schließlich starb. Der Angeklagte hatte versucht, sie wiederzubeleben, aber vergeblich.

Im Prozess machte der Mann bis zum Schluss keine Angaben zu den Vorwürfen. Polizisten und ein Gefängniswärter sagten vor Gericht, er habe die Frau misshandelt, weil er angenommen habe, dass „der Bundesnachrichtendienst und die Dorfbewohner“ die 32-Jährige auf ihn angesetzt hätten. „Sie sollte mich zersetzen“, habe er erklärt. Sie solle auch Brillen und Schlüssel gestohlen haben. „Das kam uns auch sonderbar vor“, sagte ein Polizist.

<p>Tatort des Verbechens</p>

Tatort des Verbechens

Foto: Winfried Wagner

Das Opfer, das aus Rheinland-Pfalz stammt, war durch eine TV-Kuppelshow bekannt geworden. Die Frau, die bei Amtsgeschäften gerichtlich betreut wurde, hatte den Angeklagten über das Internet kennengelernt. Ihre Leiche war erst Anfang August im Haus des 51-Jährigen entdeckt worden. Der Mann hatte die Tote nach eigenen Angaben gewaschen, in Decken und Folien gewickelt und auf eine Sackkarre gebunden, die er in dem ehemaligen Gasthof hin- und hergeschoben hatte. Nachbarn hatten die Frau schon länger vermisst.

Der Mann hatte mit allen Nachbarn Streit - vor allem, weil er immer wieder für Ruhestörungen sorgte.

Der 51-Jährige stammt aus der Nähe von Stuttgart und war Mitte der 1990er Jahre nach Belzig (Brandenburg) gezogen. Dort lebte er 15 Jahre in der Gemeinschaft Zentrum für experimentelle Gesellschaftgestaltung. Zuvor hatte er sich als Computer- und Technologiespezialist selbstständig gemacht. „Ich war in hoch verantwortlicher Stellung bei namhaften Firmen tätig“, sagte er vor Gericht. Im Prozess belehrte er auch mehrfach die Richter.

Schließlich zog er mit seiner ersten Frau nach Alt Rehse und übernahm dort den früheren Gasthof. Die Beziehung kippte, die Frau zog Anfang 2015 aus - danach begannen seine Probleme im Ort. Als seine Lebensgefährtin, das spätere Opfer, dann zu ihm zog, schien sich kurz alles zu beruhigen, wie Dorfbewohner berichteten. Allerdings nicht lange. Die Tote wurde Anfang August entdeckt, weil der Mann wieder einmal morgens für eine Ruhestörung sorgte und die Polizei kam.   Mit dem Urteil blieb das Gericht, der die Tat als „schwere Kriminalität“ bezeichnete, knapp unter der Forderung der Anklage. Das Gericht hielt dem bisher nicht vorbestraften Mann zugute, dass ihm eine psychiatrische Gutachterin eine „krankhafte seelische Störung“ bescheinigte. Deshalb sei er zur Tatzeit vermutlich nur vermindert schuldfähig gewesen. Das reiche aber nicht aus, um den Mann dauerhaft in eine Psychiatrie einzuweisen, erklärte Kabisch.

Oberstaatsanwalt Bernd Bethke hatte sechseinhalb Jahre Haft gefordert. Die Nebenklage, der den Vater des Opfers vertrat, plädierte dagegen auf Totschlag und verlangte elf Jahre Haft: „Sie hatten dem Vater versprochen, gut für die Tochter zu sorgen.“ Der Verteidiger des 51-Jährigen hatte einen Freispruch verlangt, da ihm die Tat nicht nachzuweisen sei. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Angeklagte nahm das Urteil ohne sichtbare Regung auf. Im Internet hatte er sich einmal als „Reichsbürger“ bezeichnet - das spielte im Prozess aber keine Rolle.

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