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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 01:19 Uhr

Frau Schätzchen steigt aufs Dach

vom

svz.de von
erstellt am 07.Mär.2012 | 10:33 Uhr

Crivitz | Auf dem Papier sind es nur zwei Buchstaben: Das schmale i und das rundliche n. Zusammen machen sie aus einem Handwerker eine Handwerkerin. Im wahren Leben ist es nicht ganz so einfach: Nach wie vor gibt es klassische Frauen-Gewerke und Männer-Hochburgen. Mit einer Gemeinsamkeit: Er, der Frisör oder Schneider auf der einen Seite, fällt weniger auf als Sie, die Schornsteinfegerin oder Schlosserin, auf der anderen. Oder eine Dachdeckermeisterin wie Ulrike Schätzchen aus Crivitz. Ob auf dem Bau oder in der Innung Schwerin, sie ist allein unter Männern. Zwar weiß sie noch von einer Kollegin in Neubrandenburg. Andere sind ihr aber noch nicht begegnet. Allerdings habe Crivitz seit Kurzem eine Tischlerin und eine Zimmerin.

"Frauen in Männerberufen werden oft unterschätzt", sagt Ulrike Schätzchen, die 1981 in Crivitz als Ulrike Krüger in eine Dachdecker-Familie hineingeboren wurde. Mit heute 30 hat sie ihren Meisterbrief schon mehr als sieben Jahre in der Tasche und führt seither die Dachdeckerei, vom Großvater Ende der 1940er-Jahre gegründet, von dessen Söhnen nach Untergang der volkseigenen Wirtschaft wiederbelebt. Vater Krüger war zunächst äußerst skeptisch, als die älteste seiner drei Töchter im Familienbetrieb anfangen wollte. Sein Gewerk erschien ihm zu schwer für Frauen. Ihren ersten Plan, Physiotherapeutin zu werden, hatte das Mädchen Anfang der 10. Klasse nach etlichen Praktikumseinsätzen begraben - Gymnastik an einem muffigen, sechs Wochen alten Gips hatte letztlich den Ausschlag gegeben.

Eine Entscheidung, die Ulrike Schätzchen nicht bedauert. "Auf dem Dach hast du wenigstens immer frische Luft", sagt sie. Temperaturen von minus 10 Grad machen ihr da nicht viel aus. "Wenn du dreimal das Gerüst rauf und runter bist, kommt der Kreislauf schon in Gang." Anders im Büro. "Beim Rumsitzen werden mir schnell mal die Hände kalt." Drum herum kommt die Chefin aber nicht. Sie erledigt die "Buchhaltung und den anderen Papierkram" allein. "Anfangs dachte ich, ab 30 bleibst du ganz im Büro", gesteht sie. Das hat sich geändert. "Auf der Baustelle, auf dem Dach, da siehst du am Ende des Tages immer, was du geschafft hast." Anders als im Papierkrieg.

Heute fällt Ulrike Schätzchen ihre Sonderstellung im Männerrevier nicht mehr so oft auf wie am Anfang. Zum Ende ihrer Lehrzeit an der Berufsschule Schwerin und im Betrieb ihres Vaters hatte sie an die 100 Bewerbungen geschrieben. Einerseits, um zu ihrem Freund nach Ostmecklenburg zu kommen. Andererseits, um anderswo Erfahrungen zu sammeln. "Es führt ja nicht nur ein Weg nach Rom", erklärt sie. Nur eine einzige Firma meldete sich damals zurück und lud die angehende Gesellin zum Vorstellungsgespräch. "Die haben mich aber nur hingehalten." Dennoch wagte die junge Frau den Umzug und hoffte, wartete, fragte nach. Vergebens. Schließlich kam ein Anruf vom Vater aus Crivitz: So viel Arbeit. Die Tochter kehrte - "zähneknirschend!" - zurück. "Danach habe ich mich hier in der Gegend wieder wegbeworben", sagt sie. Ob der Erfolg ausblieb, weil sie eine Frau ist? Oder die Tochter eines Konkurrenten? Ulrike Schätzchen zuckt die Schultern. Den Schlusspunkt setzte schließlich die Krankheit ihres Vater kurz vor dessen 50. Geburtstag. Kaum Dachdeckermeisterin war Ulrike Schätzchen schon in der eigenen Firma gefordert, viel schneller als erwartet.

Zum ersten Familienbetrieb kam unterdessen noch der zweite: Der Freund wurde 2002 Ehemann, Tochter Frieda ist 5, Sohn Willi 3. "Manchmal wünsche ich mir schon etwas mehr Zeit für die Familie", sagt Ulrike Schätzchen. Ein Satz, den viele Mütter kennen. Der Anspruch, es im Beruf und im Haushalt, mit Ehe und mit Kindern gut zu machen, wiegt schwer. Vor allem, wenn sie auch am Wochenende "mal schnell raus muss, um Kunden zu treffen oder ein Aufmaß zu nehmen".

Wenigstens kann sie die Arbeit für sich und ihre zwei bis drei Kollegen - darunter auch Herr Schätzchen - so einrichten, dass sie im Umkreis von 50 bis 80 Kilometer um Crivitz bleiben. "Wir waren noch nie auf einer Baustelle in Hamburg", sagt die Chefin und sieht sehr zufrieden aus dabei.

Und wie denn nun der raue Ton auf dem Bau im Ohr einer Frau klingt? "Die Männer beißen sich schon oft auf die Zunge, wenn ich dabei bin", schätzt Ulrike Schätzchen ein. Manchmal kann sie es sich nicht verkneifen und fragt nach. Frauenfeindliche Witze schrecken sie schon lange nicht mehr. Deutliche Worte liegen ihr ohnehin besser als irgendein Gesäusel. "Ich würde mich sehr freuen, wenn du vielleicht mal die Küche fegen könntest. Das ist doch keine Aussage", sagt Ulrike Schätzchen. Sie bevorzugt: "Fegst du bitte mal die Küche!" - lässt aber lieber offen, ob das öfter dem Feger oder der Fegerin gilt.

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